Kriminalität

Milliardengeschäft Medikamenten-Schmuggel

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Pete Smith

Foto: mw/oc / DDP

Schlankheitspillen, Psychopharmaka und auch Potenzpräparate – Medikamentenschmuggler schleppen alle möglichen Arzneien nach Deutschland. Haupteinfallstor: die Flughäfen und ihre Postzentren. Morgenpost Online berichtet von der Arbeit der Zöllner auf der Jagd nach den illegalen Boten in einem Milliarden-Geschäft.

Thorsten Schreiner (Name geändert) fischt ein Päckchen aus dem Postsack. Offenbar handelt es sich um eine Büchersendung. Doch der Zollbeamte ist misstrauisch geworden, weil die Röntgenaufnahme auf dem Monitor vor ihm eine „irgendwie auffällige Struktur“ zeigt. Schreiner nimmt das unauffällige Päckchen genauer in Augenschein. Der Absender stammt aus Indien. Für den Zöllner ist das ein weiteres Indiz, dass es sich um Medikamentenschmuggel handeln könnte.

Mit einem Teppichmesser schlitzt er die Sendung auf und zieht ein in Folie eingeschweißtes Buch heraus. Als er das Zellophan entfernt und das Büchlein aufklappt, bestätigt sich sein Verdacht: Im ausgehöhlten Innenraum des Buches entdeckt Schreiner insgesamt 120 Pillen, die laut Aufdruck den Wirkstoff Finasterid enthalten. Der wird gegen Haarausfall und die Vergrößerung der Prostata eingesetzt, erschwert zugleich aber den Nachweis von Anabolika – und ist deshalb von der Welt-Antidopingagentur verboten.

Die kuriosesten Verstecke

Weder ein Einzelfall noch ein Zufallsfund. Schreiner und seine 65 Kollegen des Zolls im Internationalen Postzentrum am Frankfurter Flughafen haben ein Gespür für verbotene Sendungen. „90 Prozent der gefälschten Medikamente stammen momentan aus Indien“, erläutert Zollhauptsekretär Marcus Redanz, zuständiger Sachbearbeiter für den Bereich „Verbote und Beschränkungen“, der außer Arzneimittel auch Waffen, Sprengstoffe, pornografisches Material sowie rechtsradikale Propaganda umfasst.

Dabei tüfteln die Schmuggler die kuriosesten Verstecke aus. „Einmal hatten wir eine Mini-Stereo-Anlage, die war innen komplett hohl und mit 500 Anabolika-Ampullen bestückt. Raffiniert waren auch die Wasserflaschen, die zwei Innenwände aufwiesen, genau in Höhe der Etikettränder. Im Hohlraum hinter dem Etikett war Rauschgift verborgen. Medikamente und Betäubungsmittel finden Sie auch in Bonbons, Schuhen, Seife, im Shampoo, eingenäht in Textilien und sogar in Laufrädern für Kinder“, berichtet Schreiner.

Waren im Wert von 425 Mio Euro

Doch so listig die Medikamentenschmuggler auch sind – immer wieder kommen ihnen die Zöllner vom Frankfurter Flughafen auf die Spur.


„Sehen Sie selbst“, erklärt Zollhauptsekretär Schreiner und deutet auf den Monitor. „Das hier ist eine Ladung Zahnpasta aus Lagos.“ Auf dem Monitor ist das Röntgenbild einer umfangreichen Warensendung zu sehen. „Organische Stoffe sind orange, Metalle blau.

Aber hier ist nur der obere Bereich der Tuben orange, darunter versteckt sich höchstwahrscheinlich Marihuana.“ Zum Beweis schraubt er den Deckel einer Zahnpastatube ab und schlitzt die Tube der Länge nach auf: Während unter dem Verschluss tatsächlich Zahnpasta klebt, ist der Rest des Behältnisses prall gefüllt – wie vorhergesagt mit Marihuana.


Insgesamt hat der deutsche Zoll im vergangenen Jahr gefälschte Waren im Wert von 425 Millionen Euro beschlagnahmt. Lag der Wert der gefälschten Medikamente 2005 noch bei 2,5 Millionen Euro, so hat er sich im Vergleich dazu im vergangenen Jahr mehr als verdreifacht.


Auch europaweit nimmt die Zahl der gefälschten Medikamente drastisch zu. 2006 stellten die europäischen Zollbehörden etwa 2,7 Millionen gefälschte Arzneiprodukte sicher.


Laut EU-Statistik waren das vier Mal so viele Fälschungen wie ein Jahr zuvor. Betroffen sind vor allem Potenzmittel, Schlankmacher und Anabolika, zunehmend aber auch Psychopharmaka und Medikamente gegen Krebs oder Herzerkrankungen.

Konflikt innerhalb der EU

In weiteren Päckchen und Briefen finden die Zöllner an diesem Tag blaue und braune Pillen, Glaspfeifen, Anabolika, Vitaminkapseln und Haschisch („Hauspost aus Holland“). Die Schmuggelware wird sofort an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Was nicht zweifelsfrei identifiziert werden kann, schicken die Beamten zur Laboranalyse an ihre Kollegen von der „Zolltechnischen Prüfungs- und Lehranstalt“ in der Frankfurter Innenstadt.

Allerdings können die Zollbeamten nicht alle Medikamente, die auf dem Postweg versandt werden, aus dem Verkehr ziehen. „Bei Transitsendungen sind uns die Hände gebunden“, erläutert Hauptkommissar Redanz. Eine ganze Kiste mit „Ayurveda Medicine“ etwa, deren Absender aus Indien stammt und deren Adressat eine Firma in den USA ist, darf den Zoll unbeanstandet passieren: das deutsche Arzneimittelgesetz AMG greift nicht in den Transitverkehr ein.

Schlankheitspillen und Potenzpräparate

Dafür verbietet es „die Einfuhr von Medikamenten aus Nicht-EU-Ländern grundsätzlich“, erläutert Andreas Urbaniak, Pressesprecher des Hauptzollamts in Frankfurt am Main-Flughafen, wo insgesamt 900 Zöllner arbeiten. Weitere rechtliche Handhabe liefern den Zöllnern natürlich das Betäubungsmittelgesetz sowie die Produktpiraterieverordnung.

In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres deckte der Zoll allein am Frankfurter Flughafen 2000 Fälle von illegalen Medikamenteneinfuhren auf – 2006 waren es noch ganze 654 Delikte.

Beschlagnahmt wurden Arzneimittel dubioser Herkunft ebenso wie Schlankheitspillen, die wegen ihres hohen Gehalts an dem Wirkstoffs Sibutramin Nebenwirkungen wie Bluthochdruck und teilweise lebensgefährliche Herz-Kreislauf-Störungen hervorrufen können. Am häufigsten aber ziehen die Zöllner gefälschte Potenzmittel aus dem Verkehr. Aber auch andere Lifestyle-Präparate, Psychopharmaka und Anabolika werden in großen Mengen nach Deutschland geschmuggelt. Dabei gibt es von Jahr zu Jahr durchaus Entwicklungen und Veränderungen: „Geschmuggelt werden jene Medikamente, mit denen man gerade am meisten Geld verdienen kann“, sagt Pressesprecher Urbaniak. Auch für Schmuggelware gibt es eine wechselnde Konjunktur.

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