Studie

Was sich Berlins arme Kinder wünschen

Familie und Freunde sind für arme Kinder der wertvollste Besitz. Das ergab die Befragung von 300 sozial benachteiligten Kindern in Berlin und Hamburg. Freunde und Familie sind aber nicht alles. Weit oben auf der Wunschliste: elektronische Geräte - und "genug zu essen".

Arme Kinder in Deutschland sehnen sich vor allem nach verlässlichen Bezugspersonen und weniger nach materiellem Wohlstand. Das geht aus der „Bepanthen Kinderarmutsstudie“ des Pharmakonzerns Bayer hervor. Befragt wurden 300 sozial benachteiligte Kinder aus Hamburg und Berlin zwischen sechs und 13 Jahren, die von dem Jugendprojekt „Die Arche“ betreut werden. Die von Bayer finanzierte Studie ist nicht repräsentativ. Der detaillierte Abschlussbericht wird erst in drei Monaten veröffentlicht.

Auf die Frage nach den „drei wichtigsten Dingen, die dir gehören“, nannten die meisten Kinder (17,6 Prozent) als erstes ihre Familie und Freunde. Erst danach folgten elektronische Geräte (16,7 Prozent) und persönlicher Besitz (8,1 Prozent). Als Voraussetzungen für ein gutes Leben nannten die Kinder vor allem „von ihren Eltern geliebt zu werden“, „genug zu essen zu bekommen“, „gute Freunde und Freundinnen zu haben“ und „immer jemanden zu haben, der sich um sie kümmert“.

„Sozial benachteiligte Kinder suchen Beziehung“, sagte Studienleiterin Sabine Andresen von der Universität Bielefeld. Pädagogische Einrichtungen müsse man danach bemessen, welche Gelegenheiten sie Kindern böten, Freundschaften zu pflegen. Entscheidend für die Entwicklung der Kinder seien die außerschulischen Erlebnisse.

„Kinder, die Armut erleben, nehmen die Sorge der Mutter oder des Vaters um das Geld sensibel wahr und stellen sich selbst oft die Frage, wie sie ihren Eltern helfen können“, sagte Andresen. Trotz der widrigen sozialen Lebensumstände zeige die Studie aber auch eine große Zuversicht bei den Kindern. Immerhin 89,2 Prozent glaubten, „dass mein Leben richtig schön wird“, rund 85 Prozent seien überzeugt, dass sie „viele Dinge richtig gut“ könnten, und 70,8 Prozent bejahten den Satz: „Bei Problemen fällt mir meistens etwas ein“.

Dieses enorme Potenzial gehe verloren, wenn Kinder nicht umfassend gefördert würden und außerschulische Angebote eingespart würden, erklärte Andresen. Kinderarmut lasse sich nicht allein pädagogisch lösen. Wichtig seien außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote, durch die sozial benachteiligte Kinder ihre Potenziale und Fähigkeiten entfalten könnten. Dem Deutschen Kinderschutzbund zufolge lebten 2008 mehr als 2,6 Millionen Kinder in Deutschland in Armut. Innerhalb von fünf Jahren habe sich ihre Zahl verdoppelt. Besonders stark betroffen seien Kinder unter sieben Jahren. Allein in Berlin gib es demnach rund 200.000 Kinder und Jugendliche, die in Armut leben.

Die Befragung fand in Zusammenarbeit mit der „Arche“ statt. Die Einrichtung bietet Kindern Freizeitangebote, warme Mahlzeiten und betreut sie. Der Gründer der Arche, Bernd Siggelkow, sagte: „Kinder, die keinerlei Liebe bekommen, die sterben.“ Wichtig sei, dass die Kinder jemanden hätten, der für sie Zeit habe. Sie bräuchten vor allem verlässliche Ansprechpartner.

Siggelkow kritisierte, dass immer mehr Einrichtungen für Kinder geschlossen würden. Zudem würden in vielen dieser Anlaufstellen ständig wechselnde Ein-Euro-Kräfte beschäftigt. Er forderte die Bundesregierung auf, mehr in die Kinder zu investieren. „Dieser Bereich ist beim Konjunkturpaket überhaupt nicht berücksichtigt.“ Das christliche Jugendprojekt „Arche“ arbeitet seit 1995 mit sozial benachteiligten Kindern. Die Organisation ist in Berlin, Hamburg, München und Potsdam vertreten. Weitere Standorte sind nach eigenen Angaben in Planung.

Andresen sagte, die rege Diskussion um die Abwrackprämie zeige, dass in Deutschland vielen ein gutes Auto mehr wert sei als ein Kind. Die Forscherin verlangte, es müsse in allen Schulen selbstverständlich ein Frühstück und ein Mittagessen geben.

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