Arm in Arm hatten sich die Ordner aufgestellt, um Jacob Zuma den direkten Weg zur Bühne im Mittelkreis des Stadions zu bahnen. Vergeblich. Im Alltag des zukünftigen Präsidenten Südafrikas sind derart starre Vorgaben graue Theorie. Kaum war Zuma gestern Mittag in einer Art Pabstmobil auf den Rasen des völlig überfüllten Ellis-Park-Stadions von Johannesburg gefahren, da ließ er den Fahrer an den verdutzten Ordnern vorbeisteuern. Zwei Ehrenrunden drehte Zuma. Jeder sollte sehen, wer neben ihm saß: Nelson Mandela, Südafrikas moralisches Gewissen.
Der gesundheitlich schwer angeschlagene 90-Jährige hatte sich ein gelbes T-Shirt mit dem Konterfei seines Nachfolgers als Chef der Regierungspartei African National Congress (ANC) übergestreift. Bisher hatte sich der Ex-Präsident mit Unterstützung für den Wahlkampf des umstrittenen Zumas auffallend zurückgehalten.
So aber geriet die Abschlusskundgebung des ANC vor der südafrikanischen Wahl am Mittwoch endgültig zum Spiegelbild des aufwendigsten Wahlkampfes in der Geschichte der Partei: zu einer spektakulären Inszenierung. 16 Millionen Euro hat die Partei nach eigenen Angaben investiert, um ihre gefährdete Zweidrittelmehrheit aus dem Jahr 2004 (69,69 Prozent) zu verteidigen. Die Oppositionsparteien Congress of the People (COPE) und Democratic Alliance (DA), die den ANC so stark wie nie bedrängen, gehen von einem Vielfachen aus.
Nachdem er Mandela die neun Treppenstufen zum Podium hinaufgeholfen hatte, zeigte der 67-jährige Zuma, was ihn an die Spitze der Partei und damit zur sicheren Präsidentschaft gebracht hat. Er versteht es, die Massen zu begeistern. Dementsprechend begrüßte er seine Anhänger: mit einem spektakulären Tanz zur ANC-Hymne „Ngizo hlala nginje“ („Ich werde immer ANC-Anhänger sein“).
Es sind diese Momente, in denen er wie ein Rockstar wirkt, die Zuma liegen – mehr als programmatische politische Aussagen. Etwas hölzern las er seine 40-minütige Abschlussrede vor, die einigen Aufschluss über die zukünftige linksgerichtete Politik Südafrikas gab.
„Zusammen werden wir die Landreform beschleunigen“, sagte Zuma. 15 Jahre nach Ende der Apartheid sind große Teile der hochwertigen Anbaufläche im Besitz der weißen Minderheit. „Das Land gehört allen, die darauf arbeiten. Wir fordern alle Farmer auf, uns dabei zu unterstützen, dies sicherzustellen.“ Nur extreme Pessimisten halten Zustände wie im benachbarten Simbabwe mit seinen Massenenteignungen für möglich. Die Vertreter der Gewerkschaften auf der Bühne applaudierten jedenfalls eifrig – sie hatten Zumas Aufstieg unterstützt.
Man wird vor allem Zumas Umgang mit den südafrikanischen Medien kritisch beobachten müssen. Die seien eine „Institution“ so Zuma, die „umgestaltet“ werden sowie „im Sinne von Eigentum, Angestellten, Geschlecht und Inhalt die südafrikanische Gesellschaft widerspiegeln“ müsse. Das lässt für die Pressefreiheit nichts Gutes ahnen. Zuma hat im Zusammenhang mit Korruptionsermittlungen und einem Vergewaltigungsprozess gegen ihn gleich mehrere Zeitungen verklagt.
Mandela steht Zumas Politik mitunter kritisch gegenüber. Am Sonntag war er gesundheitlich zu schwach für eine Rede, über die Leinwände wurde aber eine Videoaufnahme von ihm eingespielt: „Der ANC hat die historische Verantwortung, unsere Nation zu führen und eine vereinte Gesellschaft ohne Rassismus aufzubauen.“ Den zukünftigen Präsidenten erwähnte er nicht. Im Schattenkabinett sind mehrere Politiker, die in der Vergangenheit in das Visier der Staatsanwaltschaft geraten sind – unter anderen Mandelas Ex-Frau Winnie Mandela.
Wiederholt versuchte Zuma, die Sorgen der Opposition angesichts der möglichen erneuten Zweidrittelmehrheit des ANC und den damit möglichen Verfassungsänderungen zu zerstreuen. In seinen 15 Regierungsjahren habe der ANC von diesem Instrument nie Gebrauch gemacht. Doch um die Rede ging es den 60.000 ANC-Anhängern ohnehin nur am Rande. Die Veranstaltung war eine vorweggenommene Siegesfeier. Ein Dutzend Bands hatten schon seit dem frühen Morgen für Konzertstimmung gesorgt. Und dann endlich stimmte der Populist den Song an, der all seine Wahlkampfauftritte begleitet. „Umshini Wami“ (Holt mir mein Maschinengewehr).
Zuma hat eine bemerkenswert schöne Stimme. Aus seinem Mund klingt die Hymne des ANC-Befreiungskampfes dennoch bedrohlich.





