Riccardo Ehrman ist genervt. Der Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA ist spät dran für die am 9. November 1989 um sechs Uhr abends angesetzte Pressekonferenz des DDR-Zentralkomitees (ZK) im Ostberliner Pressezentrum, und er hat immer noch keinen Parkplatz gefunden. Eigentlich gibt es hier immer Parkplätze, doch seitdem

sich die SED-Führung unter dem Druck wochenlanger landesweiter Demonstrationen zu ersten Reformversuchen gezwungen sieht, kommen immer mehr ausländische Journalisten zu den neuen ZK-Pressekonferenzen. Und alle kommen sie im Auto.


Als Ehrman, damals 60 Jahre alt, endlich im Pressezentrum eintrifft, sind alle Stühle längst besetzt. Der einzige freie Platz ist am Podium, fast zu Füßen von Politbüromitglied Günter Schabowski, der die Pressekonferenz leitet. Eine Stunde später werden beide ungewollt eine Lawine lostreten – und die Berliner Mauer zerstören.


Es war, sagt Riccardo Ehrman heute, 18 Jahre später, eigentlich ein Zufall, dass er damals in Ost-Berlin arbeitete. Ein Zufall wie etliche in seinem Leben. Es war schon ein Zufall, dass Ehrman, der Sohn polnischer Juden aus Lemberg, in Florenz zur Welt kam und dort aufwuchs. Seine Eltern waren nach ihrer Hochzeitsreise nach Italien einfach dort geblieben, weil sie das Land so mochten. Ein Zufall, der ihnen Jahre später das Leben rettete – von den polnischen Verwandten überlebte niemand den Holocaust. Und so ist es auch ein Zufall, als Ehrman 1985 noch einmal in die DDR zurückkehrt. Eigentlich war seine Zeit als Korrespondent in Ost-Berlin schon 1982 abgelaufen. ANSA schickte ihn nach acht Jahren als DDR-Korrespondent nach Indien. Doch als 1985 sein Nachfolger in Berlin erkrankt, nimmt Ehrman, der fließend Deutsch spricht, sofort das ANSA-Angebot an und kehrt zurück in die DDR.

Alles scheint wie immer: Phrasen über Phrasen

Seit den Sommermonaten 1989 gärt es dort, stärker als je zuvor, so erscheint es Ehrman. Die ausbleibenden Reformen wie Reise- und Pressefreiheit haben nicht nur Tausende Ostdeutsche in den Westen fliehen lassen. Es treibt sie auch auf die Straßen. Die Ostblockländer sind unter seinen italienischen Kollegen nicht gerade begehrt als Arbeitsplatz, doch für Ehrman ist Ost-Berlin im Herbst 1989 der beste Platz der Welt. Nur nicht gerade zu Füßen von Schabowski. Auch wenn der 60-Jährige im Vergleich zur restlichen DDR-Führung als jung, dynamisch und Reformer gilt. Als Politbüromitglied und SED-Chef von Ost-Berlin weit oben in der DDR-Hierarchie, ist Schabowski von Honeckers Nachfolger Krenz dazu verdonnert worden, der

politisch nervösen DDR wieder zu Ansehen zu verhelfen - mittels sensationeller, weil ohne vorbereitete Fragen stattfindender Pressekonferenzen. Doch die gelten unter den Journalisten bald als langweilig.


Auch an diesem 9. November werden die meisten Fragen mit Phrasen beantwortet. Für Ehrman eine Tortur. Sein Sitzplatz ist unkomfortabel, er hat noch keine interessante Meldung im Block, und die Zeit ist gleich vorbei. Dabei hatten erst einige Tage zuvor eine Million Menschen in Ost-Berlin für Reise- und Pressefreiheit demonstriert, später dann ein eilig von der SED zur Beruhigung der Massen verfasstes Reisegesetz nicht akzeptiert, weil es die bisher verbotenen Reisen in nicht sozialistische Länder für gerade mal 30 Tage im Jahr genehmigen wollte. Noch vor einem Jahr hätte die Bevölkerung für dasselbe Angebot der SED ewige Treue geschworen, ist sich Ehrman sicher. Verstört registriert zudem die DDR auch die Forderungen der „Bruderländer“ CSSR, Ungarn und Polen, die ostdeutschen Flüchtlingsströme endlich in den Griff zu bekommen.

Kurz vor sieben Uhr wird Ehrman seine Frage endlich los: „War der Reisegesetzentwurf vor ein paar Tagen nicht ein Fehler?“ Wieder klingt Schabowskis Antwort minutenlang nach Routine, doch dann horchen die versammelten Journalisten auf: „...haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergänge der DDR auszureisen.“ Sofort prasseln Fragen auf Schabowski nieder. Ab sofort? Mit welchen Papieren? Auch über West-Berlin?

Er wollte provozieren und wurde Teil der Weltgeschichte

Als Antwort zieht er einen Zettel aus der Tasche, und Ehrman glaubt seinen Ohren nicht zu trauen: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen... beantragt werden.“ Und auf eine erneute Nachfrage: „Das tritt nach meiner Kenntnis, ähh, ist das sofort, unverzüglich.“ Schabowski glaubt, eine allgemein bekannte Übergangsregelung bis zur Ausarbeitung eines neuen Reisegesetzes verlesen zu haben. Ein folgenschwerer Irrtum. Ab jetzt ist die Berliner Mauer nur noch eine Wand aus Beton. Schabowski weiß es nur noch nicht.

Oscar Wilde habe einmal, sagt Riccardo Ehrman lächelnd in seinem Madrider Apartment, das Leben eine schlechte Viertelstunde mit ein paar guten Momenten genannt. „Diese Pressekonferenz war einer der besten Momente meines Lebens.“ Wenige Tage vor der Pressekonferenz hatte Ehrman Geburtstag, und irgendwie habe er sich selbst und Millionen Deutschen einfach ein Geschenk gemacht. Er habe später Willy Brandt getroffen, und der meinte nur: „Kurze Frage, enorme Wirkung.“ Denn Ehrman tritt mit seiner Frage eine Lawine los. Er habe nur ein bisschen provozieren wollen und eine Routineantwort erwartet, sagt Ehrman. Stattdessen gab er der Weltgeschichte das Stichwort.

Nach der Pressekonferenz herrscht Verwirrung unter den Journalisten. Schabowski hatte auf Ehrmans Frage sieben Minuten lang so vage wie möglich geantwortet, 31-mal „äh“ gesagt, erst von „ständiger Ausreise“, dann aber von „Privatreisen“ gesprochen. Selbst als ein NBC-Reporter Schabowski nach Verlassen des Konferenzraums vor laufender Kamera auf „Freedom to travel“ anspricht, antwortet dieser erneut konfus – erst „Yes, of course“, dann: „It's not a question of tourism. It's a permission of leaving GDR.“ Riccardo Ehrman ist da schon auf der Suche nach einem Telefon. Er ist über 20 Jahre Journalist. Er ahnt, was passieren wird. Für ihn ist das Ende der Mauer gekommen. Als er seine ANSA-Kollegen in Rom erreicht, halten die ihn jedoch, wie er heute noch fast belustigt erzählt, „für verrückt“. Seine Meldung bleibt liegen.

Das DDR-Fernsehen dementiert verzeifelt - und erfolglos

Zur gleichen Zeit laufen in der staatseigenen DDR-Nachrichtenagentur ADN die Telefone heiß. Wie üblich liegt die vom Politbüro abgesegnete Pressemeldung schon seit Stunden vor – mit der Vorgabe, sie erst am nächsten Tag zu veröffentlichen. Mit der Sperrfrist sollte den ostdeutschen Passausgabestellen, die freitags kaum arbeiten, eine Frist verschafft werden – Ausreise sofort, Privatreisen aber nur mit zu beantragendem Pass und Visum. Die Bearbeitung der dafür notwendigen Anträge sollte dauern, schließlich ist alles nur als Übergangsregelung geplant.

Durch Schabowskis Vorpreschen war nicht ausreichend auf diese Antragsprozedur hingewiesen worden – eine Katastrophe, kaum aufzuhalten. Als erste Nachrichtenagentur verbreitet Reuters die Ausreiseregelung. ADN gibt die vollständige und vorbereitete Meldung um 19.04 Uhr frei. ANSA dagegen meldet 19.31 Uhr den Fall der Berliner Mauer. So, wie es Ehrman

seiner Zentrale nach Rom diktiert hatte. Die bis dahin abwartenden westdeutschen und West-Berliner Nachrichtensendungen verkürzen in der nächsten Stunde – zur besten Sendezeit – alles auf ein „DDR öffnet Grenzen sofort“. Das DDR-Fernsehen dementiert verzweifelt – die Regelung betreffe Ausreisen, heißt es in den Nachrichten. In Ost-Berlin strömen währenddessen immer mehr Neugierige zur Mauer.


Am Grenzübergang Bornholmer Straße, einem der wenigen, die direkt in einem dichten Wohngebiet liegen, glauben die ostdeutschen Grenzpolizisten schon bald ihren Augen nicht zu trauen. Innerhalb von nur einer Stunde stehen Tausende Menschen vor dem Schlagbaum, berufen sich auf die live im DDR-Fernsehen ausgestrahlte Pressekonferenz und wollen abwechselnd aus- oder verreisen. Als die beiden ranghöchsten und völlig überraschten Offiziere des Grenzübergangs bei dem für die Grenze mitverantwortlichen und nahezu alles beherrschenden Ministerium für Staatssicherheit anrufen, kommt von dort nur die Weisung: „So viele Leute wie möglich nach Hause schicken, nur die Drängler ausreisen lassen.“

Die Menschen rufen "Tor auf! Tor auf!"

Doch der Versuch, nur die – scheinbar – Ausreisewilligen durchzulassen, heizt die Stimmung noch mehr an. Nach einer Stunde ist den Offizieren klar, dass die Idee nicht funktioniert. Immer mehr Menschen drücken gegen die Sperrgitter. Rufe erschallen: „Tor auf! Tor auf!“ Als die Vornestehenden immer öfter von den Tausenden Nachrückenden regelrecht gegen die Sperrgitter gepresst werden, geben die Grenzbeamten auf und machen den Schlagbaum hoch. Ihren Vorgesetzten melden sie nur noch: „Wir fluten jetzt!“ Die Mauer ist endgültig gefallen.

Erst kürzlich habe er wieder Günter Schabowski bei einem Empfang getroffen, sagt Ehrman. Er wollte nicht zum Testamentsvollstrecker der DDR werden, sagte ihm dieser, und sei es doch geworden. Und Riccardo Ehrman erinnert sich wieder daran, wie verschieden doch ihre beiden Lebensläufe waren und wie eigentlich nicht viel mehr als ein Zufall sie zusammen Weltgeschichte schreiben ließ. Neulich hieß es sogar, dass Ehrman für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen werden solle – er habe, sagt er, nur seine Arbeit gemacht.