Bildung

300.000 Jugendliche verweigern den Schulbesuch

Nach Expertenmeinung weigern sich 300.000 Kinder und Jugendliche jedes Jahr in Deutschland, die Schule regelmäßig zu besuchen. Das gilt besonders für Schüler von Haupt- und Förderschulen. Die Gründe sind vielfältig. Die Grenze zwischen harmlosem Schwänzen und Verweigerung ist fließend.

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Irgendwann ließ Birgit ihren Ranzen stehen. Sie wollte nicht mehr in die Schule gehen. Ihre Eltern waren ratlos und verzweifelt: „Was sollen denn die Leute denken?“. Die Leute redeten, tuschelten, regten sich schrecklich auf. Das 12-jährige Mädchen aber wollte nicht reden. Lehrer kamen, Ärzte. Ohne Erfolg. Als Birgit nach einigen Monaten wieder zur Schule ging, wusste keiner so recht, warum. Heute ist Birgit über 30 Jahre alt, hat Familie, aber im Dorf ist sie immer noch die, die nicht zur Schule ging.

Kinder und Jugendliche, die sich der Schule verweigern, gab es immer. Dass daran aber ein ganzes Dorf Anteil nimmt, passiert heute kaum noch. Wer fragt schon nach, wenn 13-Jährige während der Woche mittags am Dorfplatz, im Kaufhaus oder im Park rumhängen. In Großstädten ist das Bewusstsein dafür, dass dann etwas nicht in Ordnung ist, schon lange erodiert. „Mangelnde Sensibilität und die fehlende Bereitschaft hinzusehen, ist mit ein Grund dafür, dass es Schülerinnen und Schülern heute zu leicht gemacht wird, der Schule fern zu bleiben“, sagt Pädagogikprofessor Karlheinz Thimm von der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Laut Thimm weigern sich 300.000 Kinder und Jugendliche jedes Jahr in Deutschland, die Schule regelmäßig zu besuchen. Das sind acht Prozent aller Schüler; eine horrende Zahl. Diese Kinder und Jugendlichen fehlen an mehr als zehn Tagen pro Schuljahr unentschuldigt.

Schwänzen ist der Einstieg in den Abstieg

Weit höher muss die Zahl angenommen werden, zählt man diejenigen dazu, die entschuldigt fehlen, aber ebenfalls als Verweigerer gelten müssen. „Viele Ärzte schreiben einfach krank und fragen nicht nach, woher die körperlichen Beschwerden der Jugendlichen kommen. Schulängste werden nicht entdeckt, auch Depressionen und psychische Störungen werden als Faktoren für Beschwerden selten erkannt“, sagt Thimm. Der Wissenschaftler geht von rund 30.000 Schülerinnen und Schülern aus, die dem System Schule ganz verloren gegangen sind. 30.000 Menschen, von denen kaum einer je einen Bildungsabschluss machen wird. Schwänzen ist der Einstieg in den Abstieg.

Ab wann man von Schulverweigerung und nicht mehr vom vermeintlich harmlosen Schwänzen spricht, ist nicht eindeutig. Die Übergänge sind fließend. Jüngere haben oft Angst sich von den Eltern zu trennen, Ältere fühlen sich in der Schule gemobbt, gelangweilt, überfordert, nicht selten auch unterfordert. 15 Prozent der Schüler seien durchgängig schulmüde, sagt Thimm. Die Mehrzahl der Ausstiegsgefährdeten ist 14 oder 15 Jahre alt. 80 Prozent der Jugendlichen schwänzen mit anderen.

Betroffen sind vor allem Haupt- und Förderschulen

Betroffen sind vor allem Haupt- und Förderschulen und dort ausgerechnet die Abschlussklassen, von denen oft bis zu einem Drittel der Schüler zu Hause bleibt. Doch nicht nur bei den Schultypen, auch regional gibt es Unterschiede. „Im Norden Deutschlands und in den Großstädten ist das Problem besonders eklatant“, meint der Psychologe. In kleineren Orten und im Süden des Landes funktioniere die soziale Kontrolle noch besser. Auch gelte die Hauptschule in Bayern und Baden-Württemberg noch mehr, sei nicht zur Restschule verkommen.

„Schließlich bieten ländliche Gegenden auch eigentlich kaum Möglichkeiten unbeachtet einen Tag lang abzutauchen. Da sind kaum Reize da, die ablenken“, sagt Thimm. Die Lehrer sind mit den anwesenden Schülern oft so sehr beschäftigt, dass sie nicht oder zu spät nach dem Verbleib der fehlenden fragen. Haben die Jungs und Mädchen aber erst einmal den Anschluss an das Lernniveau der Klassen verloren, verstärkt sich die Neigung zu schwänzen. Bereits ein Durchhänger von einigen Wochen kann gravierende Folgen haben.

Ob früher alles besser war, kann keine Statistik belegen. „Es gibt schlicht kein Datenmaterial, auch die vorliegenden Zahlen sind Schätzungen“, sagt Johannes Hebebrand von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Hebebrand warnt davor, die Schule angesichts der alarmierenden Zahlen mit noch mehr Forderungen und Erwartungen zu befrachten. „Schule muss in unserer Gesellschaft ohnehin schon zu viel leisten.“ Hebebrand sieht das Problem vor allem bei den Eltern. „Die Bereitschaft sich mit der Schule und dem, was ihre Kinder dort machen, auseinanderzusetzen, ist geschwunden. Viele wissen gar nicht, dass ihre Schützlinge ständig schwänzen“.

Forderung nach mehr Schulpersonal

Hebebrand fordert von den politisch Verantwortlichen mehr Personal für die Schulen; Psychologen, die im Ernstfall auch einmal die Jugendhilfe verständigen. „Den Eltern muss von einem Verantwortlichen sehr rasch, bereits nach drei, vier Tagen, gesagt werden, dass es so nicht geht“, sagt Hebebrand. Notfalls seien auch Sanktionen möglich. In Berlin können Eltern mit 2500 Euro Strafe belegt werden, wenn sie ihr Kind nicht in die Schule schicken. Von einer Erhöhung auf 5000 Euro war Anfang des Jahres einmal die Rede. Dazu kam es nicht, auch deshalb, weil viele Schulverweigerer aus sozial schwachen Familien kommen, die bereits das niedrigere Bußgeld nicht aufbringen können. Dennoch wenden einige Berliner Bezirke dieses Mittel an. In Neukölln wurde es im vergangenen Jahr 187 Mal eingefordert.

In diesem Bezirk steht auch Deutschlands erstes Internat für notorische Schulverweigerer. Acht Plätze stehen seit 1. September zur Verfügung. Langfristig könnten es einmal 48 sein. Über Erfolge oder Misserfolge lässt sich nach so kurzer Zeit noch nichts sagen. Ziel der Einrichtung ist es, den Jugendlichen wieder Struktur zu vermitteln. „Sie müssen um 6.30 Uhr aufstehen, schon das ist für einige eine ganz neue Erfahrung, haben sie doch bisher die Nächte durchgemacht“, sagt ein Sprecher des Trägers, der diakonischen EJF-Lazarus-Gesellschaft.

Fünf Tage die Woche leben die Jugendlichen in einer Wohngruppe auf dem Gelände einer sonderpädagogischen Hauptschule, die sie halbtags besuchen. Der kurze Weg zur Schule soll ihnen die Penne im wahrsten Sinn wieder näher bringen. Drei Erzieher betreuen die Jungs und Mädchen, die aus deutschen, türkischen und arabischen Familien kommen. „Gerade unter den Töchtern von Migranten finden sich viele Schulverweigerer. Ihre Eltern glauben, Bildung sei für die jungen Frauen nicht so wichtig“, sagt Karlheinz Thimm.

Das Neuköllner Internat wird überwiegend durch die öffentliche Hand getragen. 30.000 Euro kostet ein Platz pro Jahr – mehr als die meisten Privatschulen verlangen. Doch die Investition des Steuerzahlers lohne sich, ist Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) überzeugt: „Ein Mensch, der nicht arbeitet, kostet den Staat langfristig mindestens eine Million Euro“.

Schulverweigerung ist eine schwere Hypothek

Dass die Schulverweigerung eine schwere Hypothek auf ihre Zukunft ist, diese Botschaft vermittelt den jungen Menschen auch der Name einer Initiative des Bundesfamilienministeriums. „Die 2. Chance“ nennt sich das Projekt, das mittlerweile an 194 Standorten mit Koordinierungsstellen präsent ist. Die Mitarbeiter suchen den Kontakt zu den Problem-Schülern und arbeiten mit ihnen an Konzepten, damit sie wieder in den Schulalltag zurückfinden – wenn sie mitmachen. 84 Millionen Euro stehen im Förderzeitraum 2007 bis 2013 zur Verfügung. „Solche Projekte sollten aber mit den Universitäten besser zusammenarbeiten“, fordert Johannes Hebebrand. „Wir brauchen mehr Erkenntnisse, damit wir den Kindern und Jugendlichen besser und schneller helfen können.“

Birgit aus dem kleinen Dorf in Oberbayern wurde damals offenbar nicht richtig geholfen. Nach wenigen Monaten blieb sie wieder der Schule fern. Vielleicht geht es einem ihrer Söhne zumindest heute besser. Dass im Dorf schon wieder getuschelt wird, er habe das gleiche Problem wie seine Mutter, dürfte ihm die Angst vor der Schule jedenfalls nicht nehmen.

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