Die Raketenwarnungen werden schon seltener. Im Sommer gab es noch mindestens einmal in der Woche Alarm. Jetzt aber müssen sich die deutschen Soldaten im Feldlager Kundus "nur noch" einmal im Monat in die geschützten Bereiche zurückziehen.
Am Freitag war es wieder so weit. Der Angriff blieb zum Glück aus. Nachdem die Bundeswehr im vorigen Jahr so oft angegriffen wurde wie nie seit dem Sturz des Taliban-Regimes, scheint sich die Lage im Raum Kundus leicht zu entspannen. Den Eindruck hat zumindest Hauptmann Falko R. Der 32-Jährige ist Chef einer Kompanie des Regionalen Wiederaufbauteams. Am Telefon erzählt er von seinem Alltag, den er seit Mitte November in Afghanistan erlebt.
"So richtig Angst hatte ich hier eigentlich noch nicht. Natürlich gibt das schon einen Adrenalinstoß, wenn man beschossen wird oder neben einem eine Panzerfaust einschlägt. Vor gut einem Monat ist meine Kompanie zuletzt unter Beschuss geraten. Das war in der Nähe von Kundus.
Wir haben dort den Wiederaufbau einer Brücke gesichert, die gesprengt worden war, eine der Hauptverbindungsstraßen auch für die Zivilbevölkerung. Das war eine ganz normale Baumaßnahme, die Kinder aus dem Nachbardorf kamen gerade mit den Eseln zum Fluss, um Wasser zu holen. Und plötzlich fielen Schüsse, wie aus dem Nichts, ohne Rücksicht auf Verluste. Gott sei Dank ist keiner zu Schaden gekommen.
Die Einschläge waren zu weit weg, aber das hätte auch ganz anders ausgehen können. Wenn die Schüsse aus einem Kilometer Entfernung kommen, sind sie sehr ungezielt. Ob das Taliban waren, weiß man nie. Wir nennen sie erst mal Insurgents, Aufständische. Die sind aus unterschiedlichen Gründen gegen den afghanischen Staat und die Isaf. Meist versuchen sie nur zu stören - und natürlich auch, uns möglichst schwer zu treffen, auch zu töten. Aber bevor so eine Gefechtssituation umschlägt, versuchen die eher zu fliehen. Momentan treten sie in einer Stärke auf, die nicht reichen würde, den Kampf gegen eine unserer Kompanien zu überstehen.
Im Allgemeinen ist die Sicherheitslage hier im Winter schon besser geworden. Derzeit haben wir etwas mehr Ruhe als im Sommer. Man rechnet nicht unbedingt jeden Tag mit Gefechten. Gleichwohl ist man jeden Tag dieser Gefahr ausgesetzt, dass man angegriffen wird. Dieser Begriff "kriegsähnlicher Zustand" gilt zwar nicht immer. Aber wenn's knallt, dann ist es wie im Krieg. Es ist keine Front, an der Tag und Nacht geschossen wird. Man kann es vielleicht mit einem Partisanenkrieg vergleichen.
Man fährt mit Dingos durch die Gegend, durch ein vollkommen ziviles Umfeld, hier sind ganz normale Afghanen mit ihren Autos unterwegs, links und rechts der Straße haben sie ihre Verkaufsstände. Und dann plötzlich ein Bombenanschlag. Am meisten arbeiten die hier mit sogenannten IEDs, "improvised explosive devices", das sind improvisierte Sprengladungen. Für denjenigen, der so etwas auslöst, ist das einfach: Er wartet, bis ein Auto von der afghanischen Armee oder Isaf vorbeikommt, und drückt auf den Knopf.
Im Sommer kam es auch zweimal vor, dass ein Selbstmordattentäter mit einem Auto neben ein Isaf-Fahrzeug gefahren ist und sich in die Luft gesprengt hat. Das sind hinterhältige Bedrohungen. Zum Glück geschieht das nicht täglich.
Einen typischen Arbeitstag hat man hier sowieso nicht. Wir haben verschiedene Kompanien, die rausfahren. Dazu gehören auch meine 125 Mann. Manchmal sind wir für ein paar Tage draußen, dann wieder eine Zeit lang im Lager mit Standardaufträgen beschäftigt. Zum Tagesgeschäft gehört auch, den Behelfsflughafen in der Nähe des Lagers zu sichern, damit Flugzeuge hier landen können. Und dann begleiten wir noch die Kameraden, die für die zivilmilitärische Zusammenarbeit zuständig sind; die das Stimmungsbild in der Bevölkerung aufnehmen und gucken, wo mit Projekten Hilfe geleistet werden kann. Das geschieht entweder durch Hilfsorganisationen oder durch ortsansässige Baufirmen.
Von dem, worüber in Deutschland so diskutiert wird, bekommen wir - die wir sehr oft auf Patrouille sind - in Afghanistan oft erst Tage später etwas richtig mit. Dass zum Beispiel Bischöfin Käßmann mit ihrer Neujahrspredigt so einen Wirbel ausgelöst hat, ist an mir völlig vorübergegangen. Meine Eltern haben mir den Artikel mit der Post geschickt, der hing auch an unserem Pressebrett. Die Bischöfin ist ja von vielen Seiten kritisiert worden, dass sie sich im Ton vergriffen habe und sich in Afghanistan überhaupt nicht so gut auskenne. Aber ich muss gestehen, ich habe diese Berichte nicht gelesen. Ehrlich gesagt, habe ich hier andere Dinge zu tun.
Außerdem gibt es - allein durch die Zeitverschiebung von dreieinhalb Stunden - wenige Möglichkeiten, das Ganze intensiv zu verfolgen. Die "Tagesschau" läuft erst, wenn ich eh im Bett liege. Wenn man dann aber mitkriegt, dass uns der Bundespräsident in einer Neujahrsansprache dankt, ist das eine Form von Anerkennung, die wir gern hören. Man fühlt sich zumindest wahrgenommen. In den Medien sind wir ja oft nur eine Randnotiz. Wenn's nicht knallt, interessiert es keinen, was hier passiert. Als im Sommer die drei deutschen Soldaten gefallen sind, war das drei Tage lang in der Presse. Und dann ist Michael Jackson gestorben...
Nun kommt ja erst mal die Afghanistan-Konferenz in London. Da erhoffen wir uns schon, klare Vorgaben zu bekommen. Ich finde, man kann nicht nur darüber reden, wann man hier rauswill. Das muss an der Gesamtlage festgemacht werden. Es gilt, die Sicherheit im Land so lange zu unterstützen, bis ein tragfähiges Staatskonstrukt entstanden ist; bis es die afghanische Polizei und die Armee allein schaffen, ihren Raum sicher zu halten.
Obama sprach von 18 Monaten, danach will er seine Jungs abziehen. Aber was bringt es uns, wenn keine Polizisten da sind, die sich anschließend um die Sicherheit kümmern? Es hakt hier an Ausbilderkapazitäten, aber auch daran, dass das Analphabetentum noch sehr hoch ist. Jemanden, dem ich erst Lesen und Schreiben beibringen muss, kann ich schließlich nicht so schnell ausbilden wie in Deutschland. Außerdem muss das ja auch alles irgendwie finanziert werden. Aber wo ein Wille ist, sollte auch ein Weg sein."
Aufgezeichnet von Simone Meyer





