Morgenpost Online: Warum sind Sie nach Indien gefahren?
Andreas Osarek: Ich bin zur Ausstellung von Norbert Bisky in der Galerie Mirchandani + Steinruecke geflogen, die am Freitag eröffnet werden sollte. Eigentlich hätte ich um halb acht im Hotel sein und dann zum Essen gehen müssen, doch das Taxi vom Flughafen brauchte deutlich länger, und so war ich erst um halb neun im Hotel „Taj Mahal“. Genau als es losging.
Morgenpost Online: Sie wären sonst beim Abendessen der Galerie gewesen?
Andreas Osarek:
Ja. Ich saß in der Halle und hörte auf einmal Schüsse aus der Haupthalle kommend, Glas ging zu Bruch, dann fingen Leute an zu rennen. Alle aus einer Richtung und aus dem Garten kommend – und ich mit.
Morgenpost Online:
Wie war dieser Moment?
Andreas Osarek:
Seit meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich nicht mehr Gewehrschüsse gehört. Es war wahnsinnig laut, und am Anfang hat man keine Vorstellung, was jetzt gleich passieren wird. Erst als ich mit der Gruppe von Menschen, mit denen ich geflüchtet bin, im Flur des ersten Stockes stand, habe ich verstanden, dass da auf Menschen geschossen wurde und es wohl auch Tote gab. Dann wurden die Schüsse lauter und kamen in unsere Richtung. Ich bin durch eine Schwingtür in den Gang zur Küche, der mit Tischen und Möbeln zugestellt war.
Morgenpost Online:
Wie haben Sie gehandelt: ruhig und sachlich – oder auf Autopilot?
Andreas Osarek:
Überraschenderweise dachte ich ziemlich klar. Man hat nur einen Gedanken: wie man aus diesem Hotel rauskommt. Von der Küche wurden wir von dem sehr professionellen und aufopferungsvollen Personal in den Businessbereich geführt. Wir waren da mittlerweile 150 Leute, Angehörige einer indischen Hochzeitsgesellschaft, Amerikaner, Italiener, Israelis und Deutsche. Nur eine Amerikanerin reagierte hysterisch, alle anderen blieben ruhig. Hielten mit ihren Telefonen Kontakt zur Außenwelt. Ich habe ein paar SMS nach Berlin geschickt, um Informationen über die Lage zu bekommen.
Morgenpost Online:
Niemand ist durchgedreht?
Andreas Osarek:
Nein. Das Personal hat gesagt, wir sollten ruhig bleiben und dass wir hier „safe“ seien. Dann haben sie irgendwann den Raum verdunkelt. Wir haben uns unter Sofas, Tischen und hinter Mauerecken verkrochen. Das war unser Glück. Deswegen hat man uns nicht gefunden. Im Nebenraum war weiterhin Licht. Plötzlich hörten wir, wie dort wild herum geschossen wurde. Als man uns später raus führte, sahen wir dort die Leichen liegen.
Morgenpost Online:
Hörten Sie keine Schreie?
Andreas Osarek:
Nur Schüsse. Keiner hat geschrien. Es war gespenstisch. Du hörst nur Schüsse, bist in einem dunklen Raum und weißt, wenn die reinkommen, passiert dir das Gleiche wie den anderen.
Morgenpost Online:
Haben Sie geschlafen?
Andreas Osarek:
Nein. Man ruht auch nicht. Ich glaube, die meisten haben über ihr Leben nachgedacht.
Morgenpost Online:
Sie auch?
Andreas Osarek: Nein. Komischerweise nicht, ich habe über mein Testament nachgedacht, dass ich ja gar nichts geregelt habe. Ich habe überlegt, das Testament über SMS zu senden. Aber das soll ja rechtlich nicht anerkannt werden.
Morgenpost Online: Wann konnten Sie Ihr Versteck verlassen?
Andreas Osarek: In den Morgenstunden kam irgendwann ein Mann mit angelegtem Maschinengewehr rein. Im ersten Augenblick weißt du nicht, ist das ein Soldat oder ein Attentäter. Er schrie: alle aufstehen, Hände hoch. Dann haben wir langsam realisiert: Es ist die Armee, alles wird gut. Wir wurden rausgeführt, an einem Restaurant vorbei, in dem alles zerschossen war. Überall waren Blutlachen, Splitter und Verwüstung. Vor der Empfangshalle kamen schließlich Busse, die uns zur Polizei bringen sollten. Als wir einsteigen wollten, fielen wieder Schüsse, direkt auf den Bus. Von Heckenschützen auf dem Dach. Wir sind wieder ins Hotel zurückgeflüchtet. Erst nach einer weiteren halben Stunde konnten wir zur Polizei.
Morgenpost Online: Wie war der Moment, in dem Sie rausgekommen sind? Realisiert man das?
Andreas Osarek:
Da noch nicht. Ein Gefühl von Sicherheit hatten wir erst, als wir bei der Polizei waren.
Morgenpost Online:
Wann haben Sie das erste Mal mit Ihrem Lebensgefährten in Berlin telefonieren können – im Konsulat?
Andreas Osarek:
Nein, da durfte ich nicht telefonieren. Der Beamte sagte, dass koste zuviel Geld. Auch über das Internet durfte man es nur versuchen, wenn man einen eigenen Account hatte. Auch aus Kostengründen. Dann schickten sie mich wieder weg. Ich sollte bei der indischen Polizei eine Verlustanzeige für meinen Pass besorgen. Außerdem sollte ich irgendeine Ausweiskopie und meine Visa-Antragskopie bringen. Und das, nachdem ich fast zwölf Stunden mitten in einem Terrorüberfall saß und das ganze Attentat miterlebt hatte. Das Außenamt in Berlin hat sich gegenüber meinem Lebensgefährten sehr professionell verhalten, aber das Konsulat in Bombay war völlig überfordert. Aber das zählt am Ende nicht, ich bin einfach froh, dass ich noch lebe.





