„Wahrscheinlich muss ich mir jetzt einen neuen Friseur suchen“, sagt Avi Ben Schachar und streicht sich lächelnd durch die ihm verbliebenen wenigen grauen Strähnen. „Seit mehr als 15 Jahren gehe ich zu Abu um die Ecke. Der war einfach der Billigste, und Kaffee gab's noch dazu.“ Aber ob Abu jetzt, nach den jüngsten Unruhen zwischen Juden und Arabern in der Hafenstadt Akko, noch Juden frisieren wolle? Abu will.
Als Avi wenig später, etwas unsicher, den Salon betritt, fällt ihm sein Friseur in nahöstlicher Herzlichkeit um den Hals: „Mein Bruder, schön, dass du vorbeikommst. Es ist ja ein Wahnsinn, was hier bei uns passiert.“ Und dann reden sie ein wenig über Politik, über jüdische Jugendliche, die Steine und Brandbomben in von Arabern bewohnte Häuser schleudern und über arabische Jugendliche, die seit Tagen randalierend durch die Stadt ziehen und die Konfrontation suchen. Avi und Abu sind nicht immer einer Meinung, sie streiten sogar ein wenig. „Steine werden bei uns aber nicht fliegen“, lacht der Friseur.
Avi und Abu leben im Wolfson-Viertel von Akko. Die Kreuzfahrerstadt mag zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen gehören, wirtschaftlich schlägt sich das nicht nieder. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Gewalttaten und Drogenmissbrauch sind in Akko alltäglich, im Wolfson-Viertel leben 60 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die meisten Juden haben das einst gemischte Viertel verlassen und ihre Häuser zu Spottpreisen an Araber verkauft. Geblieben ist nur, wer sich einen Umzug nicht leisten kann – wie Avi. Das Zusammenleben sei nicht gerade idyllisch, sagt er. Aber gegenseitig an die Kehle gegangen sei man sich bisher nicht.
Für den Ausbruch der Unruhen bieten sie unterschiedliche Erklärungen an: Es sei einfach nicht in Ordnung, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur mit dem Auto durch ein jüdisches Viertel zu fahren, moniert Avi. Außerdem gäbe es seit Langem eine zunehmende Islamisierung unter den arabischen Jugendlichern der Stadt. Abu hält dagegen, der Zuzug von rechtsnationalen, religiösen Juden, die in der Stadt eine Religionsschule eröffnet hätten, sei Schuld an der Eskalation. Und sowieso: Wenn weniger arabische Jugendliche arbeitslos wären, dann wäre nichts passiert, sagt er entschieden.
1,2 Millionen Araber leben in Israel, 80 Prozent von ihnen sind sunnitische Muslime. Der größte Teil lebt in arabischen Dörfern im Norden des Landes. Fast alle in Israel lebenden Araber sind Nachkommen jener 156000 Palästinenser, die nach dem Krieg 1949 in Israel verblieben waren. Viele hatten damals aber zumindest vorübergehend ihre Dörfer verlassen, die Rückkehr blieb ihnen oft verwehrt. Mit eigens zu dem Zweck verabschiedeten Gesetzen brachte der Staat bis zu 40 Prozent des ehemals arabischen Eigentums in seinen Besitz. Ein guter Beginn für die Beziehungen zwischen jüdischen und arabischen Bürgern war das nicht. Bis 1966 lebten die arabischen Israelis zudem unter Kriegsrecht. Sie durften sich nicht ohne Genehmigung von ihren Dörfern entfernen, konnten zeitlich unbegrenzt in Untersuchungshaft genommen werden und unterlagen oft Sperrstunden. Seit 1966 haben die Araber zumindest offiziell die gleichen Rechte wie ihre jüdischen Mitbürger. Tatsächlich fühlen sich viele Araber weiter als Bürger zweiter Klasse.
Mit dem Ausbruch der Intifada im Oktober 2000 kam es unter den Arabern im Norden Israels zu einer zunehmenden Identifikation mit den Palästinensern – bei denen es sich oft um direkte Familienangehörige handelt. Die Mehrheit der arabischen Bürger Israels bezeichnet sich heute als „Palästinenser“ – ihrem Ansehen unter den Juden hat das nicht geholfen. So werden ihnen einerseits Solidaritätsschwüre auf den jüdischen Staat abverlangt, andererseits bezeichnen israelische Politiker sie offen als „demografisches Problem“ und „fünfte Kolonne“. Mehr als 60 Prozent der jüdischen Israelis halten die arabische Bevölkerung heute für ein Sicherheitsrisiko und denken, der Staat solle die Auswanderung der Araber vorantreiben.
Dabei könnte die Angst der Israelis, ihre arabischen Mitbürger wollten dem jüdischen Staat den Garaus machen, sowieso unberechtigt sein. Überraschende 67,4 Prozent der Araber geben an, sie würden damit zufrieden sein, in einem jüdischen Staat zu leben, wenn es daneben auch einen palästinensischen Staat gäbe. Und sogar 75 Prozent der Araber erklärten, sie hätten keinen Einwand dagegen, wenn Israel sich weiterhin als „jüdischen und demokratischen Staat“ definiere, solange den Minderheiten gleiche Rechte zustünden. Denn die arabischen Israelis haben durchaus Erfolge zu vermelden.
Das können symbolische Kleinigkeiten sein wie der Sieg der Muslimin Rana Raslan beim Miss-Israel-Wettbewerb 1999. Aber immerhin gibt es in Israel mittlerweile nicht nur einen arabischen Obersten Richter, sondern auch einen arabischen Botschafter und einen arabischen Minister. Als jener Minister, Raleb Madschadele, der Zeitung „Yedioth Aharonoth“ im vergangenen Jahr anvertraute, er stehe beim Abspielen der Nationalhymne zwar auf, singe aber nicht mit, ging dann doch wieder ein Aufschrei durch das jüdische Israel. Nur wenige fragten, ob die jüdische Mehrheit wirklich von einem muslimischen Araber verlangen kann, die Sehnsucht der „jüdischen Seele“ nach Zion zu besingen.





