Schulreform

Linkspartei will Armenquote für Berliner Gymnasien

Über die Aufnahme an Berliner Gymnasien soll künftig nicht die Leistung, sondern die Herkunft entscheiden. So plant es die Fraktion der Linken im Abgeordnetenhaus. Einige Schulen sollen demnach gezwungen werden, Kinder aus sozial schwachen Familien aufzunehmen. Eine Idee, die nicht allen gefällt.

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Kinder, deren Eltern Hartz-IV-Leistungen oder Wohngeld beziehen, sollen künftig bevorzugt auf Berliner Gymnasien kommen. Eine Sozialquote soll die Oberschulen verpflichten, Schüler aus armen Familien aufzunehmen. Das will die Fraktion der Linke im Abgeordnetenhaus durchsetzen. „So ist eine ausgewogene Durchmischung an den Schulen gewährleistet, und Kinder aus sozial schwachen Familien werden nicht benachteiligt“, sagt Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linken.

„Schulen, die mehr Bewerber als Plätze haben, sollen dazu verpflichtet werden, eine bestimmte Anzahl an Schülern aus sozial schwachen Familien aufzunehmen“, sagte Zillich. Nicht profitieren würden nach diesem Konzept Kinder von Eltern mit geringem Einkommen wie Friseurinnen oder Arbeiter, die ohne Hilfen zurechtkommen müssen.

Dass der Zugang zum Gymnasium künftig beschränkt werden soll, ist Teil der Schulreform von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), die der Senat am Montag gebilligt hatte. Die Berliner Gesamt-, Haupt- und Realschulen sollen demnach zu Sekundarschulen zusammengeschlossen werden. Dort können die Schüler das Abitur in 13 Schuljahren erreichen. Als Alternative bleibt das Gymnasium bestehen, das nach zwölf Schuljahren mit der Abi-Prüfung abschließt. Die Möglichkeiten der Zugangsbeschränkung seien vielfältig, sagt Zöllner; das Abgeordnetenhaus müsse darüber entscheiden. So könne die Aufnahme am Gymnasium neben der Sozialquote über einen guten Notendurchschnitt, den Wohnort oder Aufnahmetests geregelt werden.

Die Sozialquote habe den Vorteil, dass Gymnasien nicht nur für Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien zugänglich wären. „Die Bildungsstudien ,Iglu’ und ,Pisa’ zeigen, dass Kinder aus sozial schwachen Familien bei der Notengebung benachteiligt werden und auch bei guten Noten eine schlechtere Chance haben, auf dem Gymnasium aufgenommen zu werden“, sagt Zillich. Besonders beliebte Gymnasien würden sich die besten Schüler herauspicken. Deshalb sollten diese an ein einheitliches Aufnahmeverfahren mit Sozialquote gebunden sein.

Lehrer wollen Leistung als entscheidendes Kritierium

„Dann müsste ich motivierte und gute Schüler, die sich extra am John-Lennon-Gymnasium bewerben, ablehnen“, meint der Schulleiter des Gymnasiums in Mitte, Robert Pfeiffer. Das schade nicht nur dem Profil der Schule, die schlechteren Schüler müssten zusätzlich betreut werden. „Der volle Lernplan lässt dies nicht zu.“ Leistung müsse das entscheidende Kriterium der Zulassung sein. Kinder aus armen Familien dürften nicht aufgrund ihrer Herkunft bevorzugt werden, das sei Sozialpolitik auf Kosten der Gymnasien. Die soziale Herkunft eines Kindes sei auch heute nicht entscheidend für die Aufnahme am John-Lennon-Gymnasium: „Etwa 14 Prozent unserer Schüler sind lernmittelbefreit.“

Von der Zuzahlung zu Lernmitteln sind etwa 30 Prozent der Berliner Schüler befreit, da ihre Eltern auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Diese Schüler würden von der Sozialquote profitieren – im Gegensatz zu Kindern, deren Eltern nur ein geringfügiges Einkommen haben, aber nicht auf Sozialleistungen angewiesen sind. „Über die Aufnahme zum Gymnasium muss die Leistung entscheiden“, sagte auch Wolfgang Harnischfeger, Vorsitzender der Berliner Schulleiter in der Bildungsgewerkschaft GEW.


„Gewisse Ungerechtigkeiten lassen sich in einem System mit mehr als einer Schulform nicht verhindern“, sagt Zillich. Eine Diskriminierung der Kinder, die einen Platz am Gymnasium aus sozialen Gründen erhalten hätten und nicht auf Grund ihrer schulischen Leistung, sollen die Schulen verhindern. „Eine Spaltung muss über Integration unterbunden werden.“

SPD sucht nach einer eigenen, anderen Idee

Mit der Sozialquote stößt die Links-Fraktion auf Kritik aus der SPD. Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin, nennt die Quote einen Zwangsmechanismus, der den Profilen der Schulen schaden würde. „Um die Quote zu erfüllen, müssen Schüler unter Umständen Schulen in anderen Bezirken besuchen“, sagt Tesch. Dies sei nicht Sinn einer Zugangsbeschränkung. Außerdem sei die soziale Durchmischung beispielsweise auf dem Sophie-Scholl-Gymnasium in Schöneberg bereits Realität, dort stammten 40 Prozent der Schüler aus armen Familien. Die SPD suche derzeit noch nach einer eigenen Idee, aber „das bisherige Probehalbjahr, nach dem die schlechten Schüler auf die Real- oder Gesamtschule zurückgeschickt werden, wird abgeschafft“. Die Schüler stünden im ersten Halbjahr unter zu hohem Druck.

André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses Berlin, fragt sich, aus welchem Grund ein neues Verfahren eingeführt werden soll: „Wieso die Eltern mit einer neuen Regel verunsichern, wenn die alte funktioniert?“ Wer das Probehalbjahr schaffe, bestehe meist auch das Abitur.

Die Förderung von Schulkindern aus sozial schwachen Familien müsse schon viel früher, in der Grundschule, beginnen. Der soziale Hintergrund könne später keine Entschuldigung mehr für mangelnde Leistung sein.