Am schlimmsten hat es die Häftlinge getroffen. Als Zofia Posmysz, 86, erfuhr, der Schriftzug „Arbeit macht frei“ über dem Eingang zum Lager Auschwitz sei gestohlen worden, war sie fassungslos: „Ich dachte nicht, dass ich eine Zeit erleben würde, in der so etwas möglich ist.“ Die Polin war wegen Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht 1942 für mehr als zwei Jahre in das Lager gekommen. Nach dem Krieg verarbeitete sie ihre Erlebnisse literarisch. Als die polnische Polizei das Diebesgut sichergestellt hatte, brach Zofia Posmysz erleichtert in Tränen aus. Dabei zeigt sie kaum je Emotionen, wenn sie Jugendgruppen von ihrem Leiden im Lager berichtet.
Die Schandtat, die in der Welt Empörung auslöste, wurde schnell aufgeklärt, zumindest was die unmittelbaren Täter betrifft. Die Diebe, arbeitslose und vorbestrafte Kleinkriminelle aus dem Norden Polens, waren mit einem Auto in der Nacht zur Gedenkstätte Auschwitz gefahren. Sie nahmen den eisernen Torbogen ab und zersägten ihn in drei Teile, um ihn besser transportieren zu können. Der Wachschutz meldete das Fehlen des Bogens mit erheblicher Verspätung der Polizei.
Es begann eine Fahndung mit der Auslobung von 27.000 Euro Belohnung für Informationen über die Täter. 400 Kilometer weiter wurden schließlich fünf Verdächtige festgenommen und der Torbogen in einem Wald gefunden. Drei von ihnen gestanden sofort ihre Beteiligung an der Tat. Als Diebeslohn sollte jeder von ihnen etwa 1200 Euro erhalten. Der Krakauer Staatsanwalt Artur Wrona sagte, eine wichtige Spur führe in „ein Land Europas“, Medienberichten zufolge nach Schweden. Dort sei der Auftraggeber der Tat zu vermuten.
Jetzt hängt eine Replik des Schriftzugs über dem Tor zum Lager Auschwitz; man hatte sie vor einigen Jahren angefertigt, als das Original zur Restaurierung abgenommen werden musste. 1947 war das etwa 200 Hektar große Lagergelände mit 150 intakten Gebäuden und zahlreichen Ruinen vom polnischen Staat in eine Gedenkstätte umgewandelt worden. Seitdem musste sie immer wieder restauriert und konserviert werden. Der Besucherstrom reißt nicht ab.
Auschwitz, am Rande Oberschlesiens, ist zu einem der wichtigsten Erinnerungsorte der Welt geworden. „Ich habe kürzlich eine Statistik gelesen, wonach Auschwitz, polnisch Oswiecim, zum wichtigsten Touristenziel unseres Landes geworden ist“, erzählt Leszek Szuster. „Das Lager hat in der Besucherzahl erstmals die Krakauer Burg überflügelt. Und es kommen Reisegruppen aus ganz neuen Ländern, zum Beispiel aus Korea.“ Szuster, 1956 in Oswiecim geboren, ist Leiter der Internationalen Jugendbegegnungsstätte (MDSM) am Rande der Gedenkstätte.
Er hatte Philosophie studiert und war zuletzt Mathematiklehrer, als er sich vor 15 Jahren um den Posten bewarb. Ein solches Haus der Begegnung einzurichten war ursprünglich eine Idee aus Deutschland. Das erste Gebäude dafür konnte 1986 fertiggestellt werden. „Inzwischen haben wir 180 Studiengruppen pro Jahr“, sagt Szuster. Bis heute haben dort junge Menschen die Chance, ehemaligen Häftlingen zu begegnen, etwa Zofia Posmysz.
"Stätte des Martyriums des polnischen Volkes"
Heute beherbergt die kleine Stadt eine ganze Reihe von Institutionen, deren Aufgaben Gedenken und Mahnung, Gebet und Versöhnung sind. Das Jüdische Zentrum in Oswiecim (AJCF) gehört dazu; es entstand im Jahr 2000, maßgeblich unterstützt von Juden in New York, und umfasst heute in der Altstadt einen Gebetsraum und ein kleines Museum, das an die 500-jährige Geschichte der Juden dieser Stadt erinnert.
Schon auf die Zeit vor der Wende geht das „Zentrum für Dialog und Gebet“ zurück. Es ist eine Initiative der polnischen katholischen Kirche. Papst Johannes Paul II. bestimmte für es die Aufgabe, „die Schoah sowie das Martyrium des polnischen Volkes und der anderen europäischen Völker während der Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen und sich mit ihnen geistig auseinanderzusetzen“.
Die Schoah und das Martyrium der anderen: Zu kommunistischer Zeit hatte das Gedenken noch anders ausgesehen. Noch in den 80er-Jahren lautete das Schild am Eingang zum Lager „Stätte des Martyriums des polnischen Volkes und anderer Völker“. Der Ostblock hatte keine Sprache für den Holocaust. Die Behörden hielten es für sinnvoll, die Vernichtung der Juden in der Landschaft des Leidens unkenntlich zu machen.
Politiker verneigen sich vor den Opfern
Doch auch ohne dieses Detail wird deutlich, dass verschiedene Opfergruppen jeweils eigene Erinnerung an Auschwitz haben. Als Erste kamen hier die Polen hinter den Stacheldraht. Unter ihnen der junge Wladyslaw Bartoszewski, der im September 1940 mit 1000 anderen bei einer Razzia im besetzten Warschau von der Straße weg abtransportiert wurde. Insgesamt etwa 100.000 Polen waren im Laufe der Jahre in diesem Lager, von denen 70.000 ums Leben kamen.
Die nächste große Gruppe waren sowjetische Kriegsgefangene; an ihnen sowie an kranken Häftlingen wurden 1941 die ersten Vergasungen vorgenommen. Erst spät, nämlich im Januar 1943, wurde Auschwitz auch zum Deportationsort für Roma bestimmt; von 23.000 Insassen des sogenannten Zigeunerlagers in Auschwitz ist die große Mehrheit ermordet worden.
Als es dazu kam, war die Vernichtung der Juden in Auschwitz-Birkenau bereits im vollen Gange. Ihr sind etwa eine Million Menschen zum Opfer gefallen. Auch unter den 400.000 „registrierten“ Häftlingen, die im Lager und außerhalb zur Arbeit eingesetzt wurden, stellten die Juden die Mehrheit, und unter ihnen die Juden aus Ungarn. Schon Ende 1942 hatte Polens Exilregierung an die Alliierten appelliert, dem Massenmord wirksam Einhalt zu gebieten. Wäre die Bombardierung der Gleise nach Auschwitz möglich gewesen? Nichts geschah.
Heute kommen Politiker und geistliche Oberhäupter nach Auschwitz, um sich vor den Opfern zu verneigen. Und immer wieder kommt es um das Lager zu Konflikten: um die Errichtung von Kreuzen oder den Bau einer Diskothek. Oswiecim, eine Stadt wie jede andere? Der Schriftsteller Andrzej Stasiuk erläutert, wie sich das ambivalente Verhältnis der Polen zu den Deutschen in diesem Ort spiegelt: „Deutsche Siedler haben unsere Städte aufgebaut. Dann ermordeten sie Millionen unserer Bürger und organisierten hier den Holocaust. Als hätten sie diesen Boden mit einem Fluch zeichnen wollen.“





