Zwei Tage nach ihrer spektakulären Befreiung ist die Ingrid Betancourt auf dem Weg nach Frankreich. In der Nacht zum Freitag bestieg die 46-Jährige mit ihrer Familie eine französische Regierungsmaschine nach Paris, wo sie am Nachmittag erwartet wird. „Ich habe es eilig, in Frankreich zu sein, zu Hause zu sein“, sagte Betancourt, die neben der kolumbianischen auch die französische Staatsangehörigkeit besitzt, in Bogotá.
„Ich möchte nach Frankreich, um mich bei allen Franzosen zu bedanken und diesen Moment des Glücks mit ihnen zu teilen“, sagte Betancourt. Dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der sie empfangen wird, wolle sie sagen, dass sie ihn bewundere und dass sie ihm ihre Befreiung verdanke.
Auch dessen Amtsvorgänger Jacques Chirac und dem Premierminister Dominique de Villepin wolle sie umarmen. „Das ist eine unglaubliche Geschichte mit einem glücklichen Ende“, sagte Betancourt. Sie reiste mit ihren Kindern, ihrer Mutter Yolanda Pulecio und dem französische Außenminister Bernard Kouchner nach Paris.
Eine der nächsten Stationen wird für Betancourt Rom werden: Sie ist von Papst Benedikt XVI. zu einem Besuch in den Vatikan eingeladen worden. Ihre Schwester Astrid, die mit einem ranghohen französischen Diplomaten verheiratet ist, habe ihr von der Einladung berichtet, sagte Betancourt. „So ein Treffen darf man sich nicht entgehen lassen“, fügte sie hinzu. Der genaue Termin für den Besuch in der kommenden Woche stehe noch nicht fest.
Vor ihrem Abflug in Richtung Frankreich besuchte die franko-kolumbianische Politikerin noch das Grab ihres Vaters, der einen Monat nach ihrer Entführung vor sechs Jahren an einem Infarkt gestorben war. „Wir sind hergekommen, um für meinen Vater zu beten. Ich danke Kolumbien, dass es mich zum Grab meines Papas begleitet hat“, sagte die 46-Jährige, die mit ihrer Familie zum Friedhof von Cristo Rey im Norden der kolumbianischen Hauptstadt gefahren war. Es sei der schwerste Moment während der Geiselhaft gewesen, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhalten habe, erzählte sie.
Betancourt war am Mittwoch zusammen mit 14 weiteren Geiseln durch ein spektakuläres Täuschungsmanöver der kolumbianischen Armee befreit worden. Den Familien der rund 700 Geiseln, die noch immer in den Händen der FARC sind, sicherte Frankreichs Außenminister Kouchner die weitere Unterstützung seines Landes zu. Frankreich werde seine Anstrengungen fortsetzen, sagte er in der französischen Botschaft in Bogotá.
Nach Ansicht des Generalsekretärs der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), José Miguel Insulza, ist die Guerilla-Truppe nach der Befreiung ihrer prominentesten Geisel Betancourt „am Anfang vom Ende“. Den Rebellen sei mit der unblutigen Befreiungsaktion ein „schwerer Schlag“ versetzt worden, sagte der frühere chilenische Innenminister in einem Fernsehinterview. Damit sei der Friedensprozess in Kolumbien auf einem guten Weg, fügte er hinzu. Der in Washington ansässigen OAS gehören mit Ausnahme Kubas alle Staaten des amerikanischen Kontinents an. Zu den Aufgaben der Organisation gehört unter anderem die Vermittlung bei Konflikten.
Die den FARC-Rebellen nahestehende Nachrichtenagentur Anncol rief die linksgerichtete Guerilla in einer Internet-Erklärung auf, die „historische Gelegenheit“ zu Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung nicht zu vergeben.
„Bürgerkrieg darf nicht die Zukunft Kolumbiens sein“, teilte Anncol auf ihrer Internetseite mit. Verhandlungen könnten ein „politischer Ausweg“ aus dem Konflikt sein. Die FARC-nahe Nachrichtenagentur schrieb jedoch auch, dass der Regierung in Bogotá nicht zu trauen sei. Anncol gilt gemeinhin als Sprachrohr der FARC-Rebellen. Diese haben über sie schon oft Botschaften verbreitet.
AFP/cn



