Heute Abend um exakt 17.56 Uhr europäischer Zeit, so sieht es der letzte Stand der minutiösen Planung vor, hebt Barack Obama am Kapitol die Hand zum Amtseid. Die Sekunde, in der er das tut, gilt in den USA als „Der Augenblick“ – „The Moment“. Es ist der Augenblick, an dem 36,1 Millionen schwarze Amerikaner endgültig zu Amerikanern werden – nicht mehr und nicht weniger.

Mehrere schwarze Hundertjährige haben sich auf den Weg nach Washington gemacht, um „den Augenblick“ mit eigenen Augen zu sehen. Es gibt ja noch immer Kinder von Sklaven in Amerika. Das Magazin „Essence“ hat Hannah Jeane Hurdle-Toomey porträtiert, 77 Jahre alt und das 25.Kind eines 1845 geborenen Vaters. Der Vater wurde 1854 an einen weißen Besitzer verkauft. Er war zwanzig, als Abraham Lincoln die Sklaverei abschaffte, und starb 1935. Seine Tochter, damals drei, entsinnt sich, wie der Arzt sein Gesicht mit einem Laken bedeckte.


Nun wird heute Barack Obama um vier Minuten vor zwölf Uhr mittags Washingtoner Zeit mit seiner Familie zum Mikrofon vortreten. Er wird die Hand auf Abraham Lincolns Bibel legen und dem Vorsitzenden Richter des Obersten Gerichtshofes, John Roberts, bestätigen, dass er zur Eidesleistung bereit sei.


Dann wird er sagen: „Ich, Barack Hussein Obama, schwöre diesen feierlichen Eid, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich ausüben und nach meinem besten Vermögen die Verfassung der Vereinigten Staaten schützen, bewahren und verteidigen werde.“ Es folgt ein Satz, der nicht in der amerikanischen Verfassung steht, den aber seit Franklin Roosevelt 1933 alle Präsidenten angefügt haben: „So wahr mir Gott helfe.“ Der Jubel, der in dieser Sekunde auf der Mall losbricht, wird unbeschreiblich sein.

In ihn hinein stimmt eine Militärkapelle zum ersten Mal für einen schwarzen Präsidenten „Hail to the Chief“ an, die Erkennungsfanfare des US-Oberkommandierenden. In derselben Sekunde hallen auch die ersten der 21 Schuss Ehrensalut über die Mall. Ihr dumpfer Knall geht wahrscheinlich im Begeisterungssturm von Millionen unter. Diese vier Minuten, die kostbare Zeit von Obamas Schritt zum Mikrofon bis zum einundzwanzigsten Salutschuss, gehören symbolisch der schwarzen Bevölkerung allein. Es sind die letzten Minuten einer vierhundert Jahre langen Zeitspanne seit Ankunft der ersten Sklaven in Amerika.


Der Zauber des nahenden Augenblicks ist überall zu spüren, gerade auch bei denen, die Obamas Wahlkampf beruflich begleitet haben. Suzanne Malveaux zum Beispiel, die elegante CNN-Korrespondentin, eine Schönheit aus dem Süden mit hellem Teint und grünen Augen, hat ein anderes Lächeln bekommen. Es ist subtil anders, aber es spricht Bände. Philip Roth hat vor neun Jahren den Roman „Der menschliche Makel“ über einen Amerikaner publiziert, der weiß aussieht und schwarz ist. Malveaux sieht weiß aus, ist seitens beider Elternteile schwarz und wirkt wie erlöst. Auch Wendell Goler, der schwarze White House-Korrespondent des konservativen Senders Fox, hat einen anderen Blick. Es ist der in sich ruhende Blick eines Mannes, der weiß, dass er angekommen ist und für die nächsten Jahre in seinem Team die Zukunft repräsentiert.

Punkt 18.00 Uhr europäischer Zeit, in Washington zwölf Uhr mittags, beginnt diese neue Zeitrechnung. George W. Bushs Amtszeit erlischt, und Barack Obama wendet sich mit einer Rede an die Welt. Sie hält er nun als Präsident aller Amerikaner – der schwarzen, der asiatischen, der indianischen und weißen. Obama vermeidet es seit seinem Wahlsieg, spezifisch schwarze Themen anzuschneiden. Die Rede wird, so sickert durch, ein Appell an ganz Amerika sein, verantwortlich zu denken und zu handeln, jeder an seinem Platz, und jeder nach seinen Fähigkeiten, in der Regierung genauso wie in den Chefetagen der Banken, in den Schulen, Kirchen und in den Familien. Der Zweck, gleichgültig wo und welcher, heilige nicht die Mittel. Damit soll Schluss sein, in einem außerordentlich umfassenden Sinn. „Die Kultur des ,Anything goes‘ ist vorbei“, sagte Obamas Stabschef Rahm Emanuel in einem Vorausblick auf die Ansprache.

Das umschließt mit Sicherheit Finessen zur Rechtfertigung von Folter-Verhörmethoden oder von riskanten Spekulationen im Bankensektor. Obama will den Appell freilich nicht auf aktuelle Themen eingegrenzt verstanden wissen. Er hat die gesamte Gesellschaft im Blick, mit allen ihren Ausreden für mangelnde Anstrengung und fehlendes Ethos. So jedenfalls hat er es in seinem Wahlkampf unmissverständlich durchblicken lassen, und sein Berater David Axelrod hat gesagt, die Rede werde gegenüber den Wahlkampfaussagen keine Überraschungen enthalten. Obama hat wiederholt unterstrichen, dass Eltern für ihre Kinder sorgen müssten, dass Lehrer Kinder zu fordern und nicht nur zu fördern hätten, und dass Rauschgift kein Ausweg sei. Die Ansprache wird wahrscheinlich Erinnerungen an John F. Kennedys Amtseinführungsrede wecken. Fragt nicht, was andere für euch tun sollen, fragt, was andere brauchen, damit wir alle zusammen Gutes bewirken – ob schwarz, weiß, gelb, rot oder braun.

Die Rede kodifiziert den historischen „Augenblick“ für die Geschichtsbücher. Ein Schwarzer will Amerika sanieren. Obama spricht für alle Amerikaner als einer von ihnen im höchsten Amt, er hat sich dieses Privileg auf Augenhöhe erkämpft, von gleich zu gleich, ohne Quote, ohne Schulterklopfen, und ohne den Gönnerblick liberaler weißer Förderer. Es ist der Schritt von der Gleichberechtigung zur endgültig so empfundenen Gleichwertigkeit. Eine schwarze Schriftstellerin und Professorin an der Yale-Universität wird nach Barack Obamas Amtseinführungsrede ein Gedicht verlesen. Sie hat es für diesen Tag verfasst. Es wird die Gemeinschaft der Menschheit zum Thema haben.

Schwarze Amerikaner, schrieb ein schwarzer Professor dieser Tage, lebten bisher in einer Welt, in der man „für die simpelsten Alltagsmeriten mit verlogenem Lob überschüttet wird.“ Ein „Good Black Man“ zu sein, ein hoffnungsvoller Schwarzer, das habe bisher geheißen:„Gemessen an Autodieben“. Heute Abend deutscher Zeit endet das. Heute wird Barack Obama Regierungschef, Staatsoberhaupt und Oberkommandierender. „Obama im Weißen Haus“, schrieb der Professor, „und das inmitten einer Wirtschaftskrise: Das ist die ultimative schwarze Coolness.“ Im Sonderzug von Philadelphia nach Washington tanzte die künftige First Lady am Samstag an ihrem 45.Geburtstag zu Soulrhythmen. Schwarze Beschwingtheit, graue Flugzeugträger und weiße Friedenstauben gehören ab jetzt zusammen.

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