Gazakrise

Saudi-Arabien gibt Palästinensern Kriegs-Mitschuld

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Nur verhalten haben die arabischen Länder Solidarität für die Palästinenser im Gazastreifen bekundet. Bei der Sitzung der Außenminister der Arabischen Liga hagelte es Kritik – sowohl am palästinensischen Volk als auch an dessen Präsidenten Abbas. Israel greift die Hamas weiter an und lehnt eine Waffenruhe ab.

Die Arabische Liga hat bei ihrer außerordentlichen Sitzung zur Krise am Gazastreifen ernsthafte Kritik am Verhalten der Palästinenser geübt. Bereits zum Auftakt des Krisentreffens in Kairo warf Saudi-Arabien den Palästinensern eine Mitschuld an den israelischen Luftangriffen vor. „Dieses schreckliche Massaker wäre nicht passiert, wenn das palästinensische Volk vereinigt hinter einer Führung gestanden hätte“, sagte der saudische Außenminister Saud Al-Faisal. Palästinensische Gruppen sollten zu einem Treffen zusammenkommen, das in einer Regierung der nationalen Einheit münden sollte.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, sagte in seiner Rede vor den Ministern, er verstehe nicht, weshalb Palästinenserpräsident Mahmud Abbas den brutalen Angriffen der israelischen Armee untätig zusehe. „Du bist doch der Präsident aller Palästinenser, tue endlich etwas!“, forderte er ihn auf, „wir (die arabischen Staaten) werden dann hinter dir stehen“. Einige arabische Kommentatoren werfen Abbas vor, er setze sich nicht aktiv für ein Ende der Angriffe ein, weil er hoffe, dass Israels Militär die Hamas so weit schwächen werde, dass seine Fatah-Bewegung anschließend wieder die Kontrolle im Gazastreifen übernehmen könne.

Unter dem Eindruck der israelischen Luftangriffe im Gazastreifen sind in mehreren arabischen Ländern die Feiern zum Jahreswechsel abgesagt worden. Vor allem in Ägypten, Jordanien, in den Emiraten am Persischen Golf sowie im Irak wurden die Vorbereitungen für Partys abgebrochen.

Das ägyptische Kulturministerium sagte alle offiziellen Silvesterfeiern ab. Betroffen war auch ein Konzert mit dem ägyptischen Star Mohammed Mounir in der Kairoer Oper. Die meisten Hotels und privaten Klubs hielten jedoch an den geplanten Veranstaltungen fest. „Das ist doch weit weg“, hieß es im Hotel Vier Jahreszeiten in Kairo. Kein Gast habe seine Reservierung abgesagt. Für ein Vier-Gänge-Silvestermenü waren dort 1.500 ägyptische Pfund (192 Euro) zu zahlen. Im Badeort Scharm-el-Scheik wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

In Jordanien sagten auch viele Hotels und Restaurants ihre Feiern ab. Es sei „eine Schande, eine Party zu haben, wenn die Leute sterben“, sagte der Veranstalter eines abgesagten Konzerts in Amman, Elias Nehme.

Im Emirat Dubai sagten die Behörden alle Silvesterfeiern ab. Die Entscheidung sei eine Geste der Solidarität mit dem palästinensischen Volk, hieß es zur Begründung. Vor dem erst kürzlich eröffneten Hotel Atlantis in Dubai wurde auch das geplante Strandfeuerwerk in der Silvesternacht gestoppt. Auch in Bahrein wurden die Silvesterfeiern abgesagt.

Israel lehnt eine Waffenruhe weiterhin ab. Nach einer sechsstündigen Beratung des israelischen Sicherheitskabinetts sagte Regierungschef Ehud Olmert nach Angaben seines Sprechers: „Wir haben die Gaza-Offensive nicht begonnen, um sie mit der gleichen Anzahl von Raketenangriffen zu beenden. Israel hatte einer Waffenruhe eine faire Chance gegeben". Israel sei bereit, Vorschläge für eine Waffenruhe zu studieren, „wenn diese eine bessere Sicherheit für den Süden garantieren“.

Die radikal-islamische Hamas würde nach eigenen Angaben Vorschläge für eine Feuerpause prüfen, sofern Israel seine Angriffe einstelle und seine „Blockade“ des Gaza-Streifens vollständig beende.

Israels Luftwaffe flog am fünften Tag der Offensive zunächst nur sechs Angriffe und damit deutlich weniger als zuletzt. Dies ermöglichte es vielen der 1,5 Millionen Menschen im Gaza-Streifen, erstmals seit dem Wochenende ihre Häuser zu verlassen, um sich mit Vorräten einzudecken. Das israelische Sicherheitskabinett beschloss jedoch die Fortsetzung der Angriffe. „Es gibt keine Absicht, die Militäraktion zu beenden“, sagte Innenminister Meir Sheetrit. Eine Bodenoffensive werde weiter vorbereitet und sei noch nicht vom Tisch.

Seit Tagen fahren israelische Panzer an der Grenze auf, während nur wenige hundert Meter dahinter islamistische Kämpfer die Region mit Landminen und Sprengfallen vorbereiten. Regen könnte den Beginn einer Bodenoffensive verzögern. Ab Donnerstag soll sich die Wetterlage dann für einige Tage bessern.

Die Hamas feuerte nach israelischen Angaben erneut Raketen vom Gazastreifen aus weit auf israelisches Gebiet. Mehrere Geschosse schlugen der Polizei zufolge in der südlichen Stadt Beerscheba ein. Eine Rakete traf eine Schule, die zuvor geräumt worden war. Beerscheba liegt etwa 40 Kilometer vom Gazastreifen entfernt.

Während die Kämpfe weitergingen, setzte auch die internationale Gemeinschaft ihre Appelle für eine sofortige Waffenruhe fort. Dies forderte das Nahost-Quartett aus USA, UN, EU und Russland. Die französische EU-Ratspräsidentschaft schlug vor, Israel solle seine Luftangriffe für 48 Stunden stoppen, damit Hilfsorganisationen Lebensmittel und Medikamente in den Gazastreifen liefern können. Nach israelischen Militärangaben sollten noch im Laufe des Tages mehr als 100 Lkw-Ladungen mit Nahrungsmitteln und Hilfsgütern in die Konfliktregion gelangen.

Die Zahl der Todesopfer der schwersten israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 stieg auf 393. Mindestens ein Viertel davon waren nach UN-Angaben Zivilisten. Palästinensischen Medizinern zufolge wurden mehr als 1600 Menschen in dem dicht besiedelten Küstenstreifen verletzt. Vier Israelis kamen im palästinensischen Raketenbeschuss seit Beginn der Luftoffensive am Samstag ums Leben.

( Reuters/dpa/AP/ks )