Statistik

Deutschland ist Durchschnitt, und das ist gut so

Das Statistische Jahrbuch 2008 führt alles auf, was am deutschen Leben messbar ist. Doch was verraten uns die gesammelten Daten? Der statistische Deutsche, der uns hier entgegentritt, ist widersprüchlich, aber sympathisch. Einpendeln im guten Durchschnitt ist nach wie vor ein deutsches Erfolgsrezept.

Manches ändert sich in Deutschland dramatisch. Anderes offenbar überhaupt nicht. Jedes dritte deutsche Kind kommt heute unehelich zur Welt. Vor 30 Jahren waren es nur 9 Prozent. Nahezu jeder Fünfte Deutsche hat einen „Migrationshintergrund“, ist also selbst im Ausland oder als Kind mindestens eines ausländischen Elternteils geboren. Der Lieblingshund der derart kosmopolitisch aufgefrischten Deutschen ist und bleibt aber der Deutsche Schäferhund. Deutsche essen mit Abstand am liebsten Schweinefleisch und verbringen ihren Urlaub zu 65% bevorzugt im eigenen Land, wobei Bayern für 11 Prozent von ihnen das begehrteste Reiseziel ist.

Wer verrät uns solche Daten? Es ist das Statistische Bundesamt, das in seinem jährlich erscheinenden Statistischen Jahrbuch möglichst alle gesicherten Daten sammelt, die über das Leben in Deutschland verfügbar sind. Die Ausgabe für 2008, in der logischerweise der Erkenntnisstand von 2007, und teilweise noch der von 2006 festgehalten ist, wurde vor einigen Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Und was verraten uns solche Daten? Wohl kaum, dass Sie demnächst bei einem Spaziergang in Garmisch-Partenkirchen einem Deutschen mit ausländischen Eltern begegnen werden, der gerade Vater eines unehelichen Kindes geworden ist und seinen Schäferhund Gassi führt, um das zum Mittagessen verzehrte Schweineschnitzel zu verdauen. Wäre dieser Deutsche männlich, wäre er übrigens 1,78 Meter groß, hätte Schuhgröße 44, und seine Penislänge betrüge im erigierten Zustand 14,48 Zentimeter. Wäre dieses deutsche Wesen weiblich – da es in Deutschland 40, 28 Millionen Männer gibt, aber 41, 95 Millionen Frauen, ist dies wahrscheinlicher –, mäße sie 1,65 Meter und würde (wollte sie ihr erstes von 1,34 Kindern, das sie im 31. Lebensjahr gebären wird, ehelich zu Welt bringen,) im Alter von 29,4 Jahren heiraten. Ihr statistischer Durchschnittsehemann wäre dann aber schon 36,5 Jahre alt.


Perfekte Abstraktion der Realität

Aber diese oder diesen Durchschnittsdeutsche/n gibt es in der Wirklichkeit natürlich nicht. Sie und er leben nur in der Statistik – einer Art in sich geschlossener Parallelwelt zu der real existierenden. Die Statistik schafft es, durch die Anhäufung von konkreten, messbaren Tatsachen, eine perfekte Abstraktion von der Realität zu schaffen. Während wir stets versuchen, in der undurchschaubaren Realität komplexe Zusammenhänge zu erkennen, um uns einen Reim auf sie machen zu können, löst die Statistik sie in einen riesigen Flickenteppich präzise ermittelter objektiver Sachverhalte auf – hochrelevanter ebenso wie nebensächlicher und kurioser. Sie teilt uns ernste Dinge mit, etwa dass auf 1000 geborene Babys 172,3 Abtreibungen kommen, genauso aber auch spielerische wie die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt pro Tag 28 Minuten im Bad zubringen.

Das Statistische Jahrbuch: Namen, Daten, Fakten



Manche dieser Tatsachen geben uns eindeutige Fingerzeige für die Interpretation gesellschaftlicher Verhältnisse – etwa die, dass in den meisten Fällen, wenn Männer das Krankenhaus aufsuchen, übertriebener Alkoholkonsum die Ursache ist. 222.530 von 7,96 Millionen Fällen sind darauf zurückzuführen. Alles klar, Trunksucht ist in Deutschland vor allem in der männlichen Bevölkerung ein Problem. Rätselhafter, zumindest für den medizinischen Laien, ist schon, wie es kommt, dass die meisten Krankenhausaufenthalte von Frauen mit Herzproblemen zu tun haben.


Die Gründe verrät die Statistik nicht

Die Statistik verrät es uns nicht, so wenig wie den Grund, warum die meisten deutschen Kinder ausgerechnet Marie genannt werden, wenn sie ein Mädchen, und Leon, wenn sie ein Junge sind. Möglicherweise offenbart sich darin ein verborgener frankophiler Zug im deutschen kollektiven Bewusstsein. Wir wissen es nicht, und die Statistik weiß es auch nicht.

Sie verrätselt unser Dasein damit in demselben Ausmaß, wie sie es erhellt und wild wuchernde Interpretationen und Spekulationen auf den dürren Boden der nackten Tatsachen zurückführt. Um diese anscheinend unbestreitbar objektiven Fakten erheben zu können, muss sie den Gegenstand ihrer Erhebung freilich zunächst durch möglichst präzise Definitionen eingrenzen und Erscheinungen, die außerhalb dieser Definition liegen, strikt ausblenden. Andere Statistiken mit anderer Definition ihres Gegenstandes holen diese ausgeschlossene Wirklichkeit wieder in die Erhebung hinein und lassen die erste oft in verändertem Licht erscheinen.


So gibt es in Deutschland zwar absolut gesehen mehr Frauen als Männer, nicht aber in allen Altersgruppen. Die Frauen erzielen ihren Gesamtüberschuss durch ihre kräftige Überzahl in den Altersgruppen ab 70 – Frauen leben länger als Männer. In den Altersgruppen bis etwa Mitte 50 aber sind die Männer sogar leicht in der Überzahl, am stärksten zwischen 40 und 50. Junggesellen mittleren Alters, die sich zuerst über ein weibliches Überangebot gefreut haben mögen, werden so durch genaueres Hinsehen enttäuscht.

Ähnliches gilt für die Zahl, nach der Kinder von Migranten zu 21 Prozent das Abitur machen, gegenüber nur 18 Prozent der deutschen Kinder ohne Migrationshintergrund. Das klingt nach einem sensationellen, überraschenden Integrationserfolg – und wird doch deutlich relativiert, wenn die Erklärung folgt. Die hohe Zahl ist vor allem dem Zuwachs von bildungsstarken Einwanderern aus Mittel- und Osteuropa geschuldet.

Hinter der monolithischen Statistik tauchen so immer neue Detailerkenntnisse auf, unter deren Eindruck sie sich auflöst wie eine Zwiebel. Doch wenn uns auch die Statistik nicht letztgültig sagen kann, wer und was wir sind, setzt sie doch eine Norm, indem sie den Durchschnitt festlegt und uns damit daran erinnert, dass sich unser Dasein an solch nüchternen, festgelegten Standards orientieren muss, wollen wir in der verwirrenden Gegenwart nicht den Halt verlieren. Schon 1988 hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger diese ethische Dimension des Mittelmaßes in einem Essay beschrieben: „Die ökonomische und psychische Existenz der meisten wird durch das Mittelmaß verbürgt, und wer da glaubt, er könne es ignorieren, erliegt einem risikoreichen Irrtum. Es handelt sich nämlich nicht um eine bloße Rechengröße, einen statistischen Wert, sondern um einen Standard, der erreicht und gehalten werden muss.“


Durchschnitt und Spitze zugleich

Der damaligen Bundesrepublik attestierte er, durch dieses Streben nach dem wohlverstandenen Mittelmaß ihre innere Stabilität gefunden zu haben. „Wir haben es mit einem hochqualifizierten Mittelmaß zu tun“, schrieb Enzensberger, „das sich auf dem Weltmarkt zu behaupten hat; deshalb muss es ebenso konkurrenzfähig sein wie seine Produkte, seine Dienstleistungen, seine Infrastruktur. Die Bundesrepublik ist, mit einem Wort, Durchschnitt und Spitze zugleich.“

Auch das vereinte Deutschland hat diese Philosophie des oberen Mittelmaßes im Großen und Ganzen übernommen, auch wenn es unter den neuen Konkurrenzbedingungen der Globalisierung schwerer geworden ist, den hohen Standard zu halten. Über ein Land, in dem laut Statistischem Jahrbuch 2008 das Einkommen des privaten Durchschnittshaushalts 2764 Euro beträgt, und in dem jeder Einwohner über durchschnittlich 57.900 Euro Vermögen verfügt, lässt sich aber sagen, dass dieses Einpendeln im guten Durchschnitt nach wie vor ein Erfolgsrezept ist.

Jahrhundertelang haben die Welt und die Deutschen selbst darüber gerätselt, was der Kern deutschen Wesens sei, welche Geheimnisse und Abgründe in ihm schlummern. Die Zeiten der „blonden Bestie“ sind aber gottlob vorbei. Auf blond stehen deutsche Männer zwar immer noch – doch nur als bevorzugte Frauenhaarfarbe. Und blond ist nach wie vor ein internationales deutsches Markenzeichen – aber nur in der attraktiven Version einer Heidi Klum – die im Übrigen ein schöner Beleg dafür ist, dass „hochqualifiziertes Mittelmaß“ ein guter Exportartikel sein kann.

Ganz sind die Deutschen von der Zwangsvorstellung, sie seien eigentlich etwas anderes oder sollten eigentlich etwas anderes sein, als sie sind, freilich noch immer nicht losgekommen. Das zeigen die sporadisch aufbrandenden, erhitzten Debatten über die wahre deutsche Nationalidentität. Ein Blick in die Statistik kann da beruhigen: So wie wir jetzt sind, ist es schon okay.

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