Michail Chodorkowski misstraut den russischen Behörden. Er werde seinen Hungerstreik so lange fortsetzen, bis klar ist, dass der ehemalige Vize-Präsident des Yukos-Erdölkonzerns Wassili Alexanjan auch tatsächlich in ein normales Krankenhaus gebracht worden sei, ließ der Ex-Yukos-Chef am Donnerstag über seinen Anwalt mitteilen. Chodorkowski hat seit dem 29. Januar aus Solidarität mit Alexanjan keine feste Nahrung mehr zu sich genommen.
Dem ehemaligen Yukos-Vize, seit April 2005 wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Untreue in Untersuchungshaft, war eine angemessene Behandlung seines Krebsleidens und seiner HIV-Infektion verweigert worden, weil er seinen eigenen Worten zufolge nicht zu Falschaussagen gegen Chodorkowski und dessen Partner Platon Lebedjew bereit gewesen sei. Der einstige Yukos-Chef Chodorkowski sitzt gegenwärtig im Untersuchungsgefängnis der sibirischen Stadt Tschita, wo er sich auf einen zweiten Prozess vorbereitet. 2005 war er wegen Betrug und Steuerhinterziehung zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Beobachter vermuten politische Motive dahinter.
In der Nacht hieß es zunächst, Alexanjan werde entgegen dem Gerichtsurteil vom Mittwoch nun doch in eine Spezialklinik verlegt. Seine Anwältin warnte allerdings noch am gleichen Tag vor verfrühtem Optimismus, Alexanjan befinde sich noch immer im Moskauer Untersuchungsgefängnis „Matrosenstille“. Jetzt beginne ein langer Prozess der Abstimmung. Wahrscheinlich werde ihr Klient, der vermutlich auch noch an Tuberkulose erkrankt ist, nicht vor Montag in eine Spezialklinik verlegt werden, sagte die Anwältin Jelena Lwowa.
"Ich werde beschuldigt, das Öl gestohlen zu haben"
Chodorkowski fühlt sich durch seinen Hungerstreik bislang nicht geschwächt. Er sei in der Lage, täglich 200 Seiten seiner neuen Anklageschrift zu lesen, sagte er in einem Interview, das die Moskauer Zeitung „Wedomosti“ veröffentlichte. „Nur das Sprechen fällt mir schwer, wenn die Kehle austrocknet.“
Chodorkowski, der seit seiner Verurteilung 2005 im Straflager in Krasnokamensk einsaß, wurde wegen der Vorbereitung eines zweiten Prozesses nach Tschita verlegt. „Ich werde beschuldigt, das gesamte Öl gestohlen zu haben, das Yukos im Verlaufe von sechs Jahren gefördert hat. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sie das beweisen wollen“, sagte Chodorkowski seinen Interviewern. Mit seiner Gesundheit sei „alles in Ordnung“, die Haftbedingungen entsprächen „den üblichen Normen in Russland“, lautet seine vorsichtige Antwort auf eine entsprechende Frage. In russischen Gefängnissen gilt das ungeschriebene Gesetz, dass sich die Insassen nicht über die Haftbedingungen beschweren dürfen.
Auf die neue Anklage eingehend, verwies Chodorkowski darauf, dass gegen Yukos bisher schon eine große Zahl von Gerichtsurteilen gefällt worden seien, von denen viele einander widersprächen. Die Staatsanwaltschaft wisse offenbar selbst nicht, was sie wolle, meinte der Häftling. „Die Beschuldigungen gründen sich nicht auf begangene Verbrechen, sondern auf Wünsche, auf die Hoffnung, die Menschen ihres Gewissens zu berauben, die Zeugen dazu zu bewegen, Beweise zu beschaffen.“
Keine Herrschaft des Gesetzes in Russland
Russlands größtes Problem heute bestehe darin, dass die Herrschaft des Gesetzes einfach nicht existiere. „Die Gesetze können besser oder schlechter sein. Aber die Menschen müssen die Gesetze einhalten und dürfen sie nicht für persönliche Ziele missbrauchen.“ Dies zu ändern werde auch einem Dmitri Medwedjew äußerst schwer fallen. „Ehrlich gesagt, wenn Sie mich fragen würden, wie man Russland aus dieser Situation herausführen kann, wüsste ich keine Antwort.“ Die Traditionen, der Zustand der Hirne und das Nichtvorhandensein fähiger Kräfte, die bereit seien, die Herrschaft des Gesetzes herbeizuführen, stünden dem entgegen.
„Gebe also Gott ihm die Kraft, das zu tun. Das ist alles, worauf wir hoffen können“, sagte Chodorkowski, fügte aber hinzu: „Ich bin überzeugt, dass Russland ein europäisches Land ist, ein Land mit demokratischen Traditionen.“ Die seien zwar in der Vergangenheit mehrfach verletzt worden, „dennoch existieren sie. Unsere Menschen sind gut ausgebildet und absolut normal“, versicherte der 44-Jährige. Russlands Weg nach vorne sei „der europäische Weg“.
Bedrückt zeigte er sich über das Schicksal des Priesters Vater Sergej, der schon zu sowjetischer Zeit zusammen mit dem Bürgerrechtler Sergej Kowaljow im Lager gesessen hatte. Der orthodoxe Geistliche hatte die Strafkolonie in Krasnokamensk betreut, war auch mit Chodorkowski zusammengetroffen und hatte ihn als politischen Gefangenen bezeichnet. Die Kirche entfernte ihn daraufhin aus dem Priesteramt.




