Feiertag

Kirche verbittert über Verlust des Buß- und Bettags

1994 wurde der Buß- und Bettag zugunsten der Pflegeversicherung aus dem Festtagskalender gestrichen worden. Finanziell gebracht hat es wenig. Nicht nur die evangelische Kirche trauert nach 14 Jahren noch um den verlorenen Feiertag. Auch Martin Luther wäre wegen der Streichung verwundert.

Foto: ddp / DDP

Die Wunde ist auch nach 14 Jahren nicht verheilt. Wenn der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber auf die Abschaffung des Buß- und Bettags als arbeitsfreier Tag zu sprechen kommt, wird seine Stimme schneidend scharf: "Eine unnötige, schädliche Maßnahme. Fantasielos!"


Der Feiertag, den die evangelischen Christen am Mittwoch wieder ohne das übliche fröhliche Halleluja begehen werden, war 1994 unter der Regierung Helmut Kohl zugunsten der Pflegeversicherung aus dem offiziellen Festtagskalender gestrichen worden, nur das Land Sachsen machte eine Ausnahme. Protestantische Kirchenleiter haben um "ihren" Feiertag nicht oder nur sehr spät gekämpft.


"Aus heutiger Sicht wäre die Diskussion um die Abschaffung und den Wert des Buß- und Bettags bestimmt intensiver und nachdenklicher verlaufen", räumte der (katholische) Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, ein. Im Klartext: Die Abschaffung hat finanziell wenig gebracht.


Doch alle zaghaften Versuche, die Entscheidung zu revidieren, verliefen im Sand. "Aktuelle Ansätze", den Tag wieder zu einem gesetzlichen Feiertag zu machen, sieht Bischof Huber "derzeit nicht". Das klingt nach Resignation, beschreibt aber präzise die Lage. Auch sein Vorschlag, dem Beispiel der ostdeutschen Bundesländer zu folgen und den Reformationstag in den Rang eines gesetzlichen Feiertags zu erheben, hat eher deklamatorischen Wert.


Die Streichung des Bußtags aus der Feiertagsliste hatte freilich auch positive Effekte. Der Tag verfiel nicht dem "kollektiven Vergessen", wie manche in der EKD unkten. Seit 1995 sind die Gottesdienste, auch wenn sie in den Abendstunden gefeiert werden, meist besser besucht als früher. Die Resonanz belegt, dass der Buß- und Bettag im Leben vieler Menschen verwurzelt ist. Selbst Katholiken nehmen an den Feiern teil. Es gibt inzwischen auch gemeinsame Gottesdienste. So wurde in vielen Gemeinden aus dem evangelischsten aller Gedenktage ein ökumenisches Ereignis.


Martin Luther würde sich womöglich verwundert zeigen: Einen – einzigen – Bußtag im Kirchenjahr? Für den Reformator gehörten Reue und Buße unverzichtbar zum Leben eines Christenmenschen – an jedem Tag. "Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: 'Tut Buße' usw. hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll", lautete nicht von ungefähr die erste seiner 95 Wittenberger Thesen.


Das eigene Leben soll im Spiegel von Gottes Wort betrachtet werden. Buße ist hier kein einmaliger Akt, mit dem Sünde in eigener Leistung aus der Welt geschafft wird. Es geht nicht um das Sündenbekenntnis Einzelner im Blick auf ihr persönliches Leben. Nicht darum, in Sack und Asche zu gehen, wie die Scharen von Büßern, die im Mittelalter über Land zogen, zu Gott schrien und sich geißelten.


Angesagt ist vielmehr der Ruf zur gemeinschaftlichen radikalen Umkehr, zum Umdenken und zur Neuorientierung in Kirche, Staat und Gesellschaft. Zum Aufrütteln. Moderne Theologen definieren Buße als Zeichen der Wandlung. Von einem "Diagnosetag" spricht der frühere EKD-Ratsvorsitzende Manfred Kock: "Er hilft entdecken, wo unsere Krankheiten sind." Und der badische Landesbischof Ulrich Fischer sieht einen wichtigen Tag des öffentlichen Einspruchs: "Der Bußtag ist ein Störenfried, der faulen Frieden stört."


Ein Tag mit politischem Anspruch. Von Gerechtigkeit in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft wird deshalb viel die Rede sein. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise liefert die Stichworte. Wenn von Schuld die Rede ist, dann zitieren evangelische Bischöfe auch aus dem "Stuttgarter Schuldbekenntnis" im Oktober 1945: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. In unseren Kirchen soll ein neuer Anfang gemacht werden."


Historisch betrachtet hat der Bußtag kein gutes Image. Er war einst den Bürgern von der staatlichen Obrigkeit verordnet worden, nicht zuletzt zur Disziplinierung der Untertanen. Inflationär war die Zahl regionaler Bußtage im 16. und 17. Jahrhundert. Noch 1878 gab es in den deutschen Ländern 47 Bußtage an 24 Terminen. 1852 wurde von der Eisenacher Kirchenkonferenz erstmals ein einheitlicher Tag vorgeschlagen, jedoch erst 1934 eingeführt: Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr.


Ein Hitler-Erlass verlegte den Gedenktag auf den Sonntag, damit war er faktisch abgeschafft. Von 1981 an war er dann in der gesamten Bundesrepublik Deutschland gesetzlicher Feiertag – bis eben 1994. Bitter resümiert die EKD: "Die Grundüberzeugung, dass arbeitsfreier Tag und Gottesdiensttag zusammengehören, hat mit der Streichung des Bußtags einen Einbruch erlebt."

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