Kunden verschiedener Banken, deren Kreditkarten-Abrechnung vom Finanzdienstleister Atos Worldline bearbeitet wurden, sind laut einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" von illegalen Abbuchungen betroffen. Die Zeitung berichtet, dass in der Redaktion Schreiben von Kunden aus ganz Deutschland eingegangen sein; Unbekannte haben den Angaben zufolge Beträge von bis zu 5000 Euro abgebucht.
Die Berliner Landesbank LBB und Atos Worldline haben der Zeitung zufolge gegenüber Kunden bereits vor dem Daten-Skandal eingeräumt, dass Kreditkarten missbraucht wurden. Demnach waren betroffene Kunden schritflich benachrichtigt worden.
Kunden vor Online-Diebstahl gewarnt
Der Dienstleister Atos hatte einem Kreditkartenbesitzer am 4. Dezember mitgeteilt: „Wir haben (...) Anfragen auf Ihrem Kreditkartenkonto aus dem Internet festgestellt.“ Mit dem Hinweis "Zur Zeit kommt es in diesem Bereich vermehrt zu Kreditkartenmissbrauch" seien die Kunden dann um Rückruf gebeten worden. Die Landesbank Berlin wiederum hatte bereits am 26. September einen Warnbrief an einen Kunden verschickt.
Unklar ist allerdings, ob mit Daten aus dem jetzt abhanden gekommenen Kreditkarten-Paket bereits illegale Zahlungen vorgenommen worden sind. Die Warnungen von Atos und der LBB jedenfalls stammten aus der Zeit vor dem Verlust der Krditkarten-Daten, die zwischen dem 10. und dem 12. Dezember abhanden kamen. Bislang liegen der LBB keine entsprechenden Anzeigen vor.
Das Vermögen der Kunden sei nicht in Gefahr, teilte das Institut mit. Sollte dennoch ein Schaden entstehen, werde ihn die Bank übernehmen. Die Landesbank hatte die Karten ausgegeben, sie sind aber unter diversen Bank- und Firmennamen im Umlauf. Die LBB kündigte an, mit externen Sachverständigen die Sicherheitsstandards erhöhen.
SPD-Politiker fordert "Daten-Polizei"
Vor dem Hintergrund des Daten-Diebstahls der Kreditkartendaten hat der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz eine "groß angelegte Datenschutz-Initiative" gefordert. "Wir brauchen eine schlagkräftige Datenschutzpolizei", sagte Wiefelspütz der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". "Der Umgang mit Daten in Privatfirmen muss viel stärker kontrolliert werden als bisher. Dazu benötigen die staatlichen Datenschutzbeauftragten mehr Personal und eine bessere finanzielle Ausstattung", sagte der SPD-Politiker.
Der Gesetzentwurf von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) für einen verbesserten Schutz von Kundendaten könne "nur ein erster Schritt sein", sagte Wiefelspütz der Zeitung. Eine Möglichkeit wäre es, "den Unternehmen vorzuschreiben, dass sie ihre Kundendaten selbst verwalten müssen und nicht mehr an externe Dienstleister weitergeben dürfen", sagte er.
Der SPD-Politiker nannte den Datendiebstahl bei der LBB einen "ungeheuerlichen Vorgang". Er sei fest davon überzeugt, dass dieser Skandal nur die Spitze des Eisbergs sei, meinte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.
Polizei fahndet nach Kurierfahrer
Im behördlichen Bereich gebe es inzwischen ein hohes Datenschutzniveau, "im privaten Bereich liegt einiges im Argen", sagte Wiefelspütz dem Blatt. "Besonders hoch sensible persönliche Daten, ob bei Ärzten, Krankenversicherungen, Anwälten oder Banken, müssen besser geschützt werden."
Zur Aufklärung des Skandals hat die Polizei in Frankfurt am Main eine Sondermittlungsgruppe gebildet. Mehr als zehn Beamte sollten rekonstruieren, wie zehntausende Kreditkartendaten abhanden kommen konnten, sagte ein Sprecher am Montag.
Die Polizei sucht jetzt einen Kurierfahrer, der mit den bedruckten Datenfolien unterwegs war, die dann abhanden kamen. Diese Folien, sogenannte Mikrofiches, wurden später der "Frankfurter Rundschau" zugespielt. Der Kurier sollte die Datensätze vom Dienstleister Atos Worldline, der mit der Abrechnung der Kreditkarten betraut ist, zur LBB bringen. Die Daten waren nach Angaben der Landesbank bei Atos Worldline archiviert worden und sollten unverschlüsselt zur LBB zurückgebracht werden.
Das Päckchen mit den Folien enthielt nach Polizeiangaben auch Geheimnummern (PIN). Diese seien aber den jeweiligen Konten nicht zuzuordnen gewesen, so dass kein direkter Zugriff möglich gewesen sei. Nach Angaben der Landesbank handelte es sich um Geheimnummern, die Kunden nicht zugestellt werden konnten, also nie aktiviert wurden.
"Das war unverantwortlich"
Datenschützer kritisierten es als "unverantwortlich", dass die Kreditkarten-Abrechnungen unverschlüsselt auf bedruckten Folien transportiert worden seien. Die LBB entgegnete, der Versand von Mikrofiches sei ein "etabliertes und sicheres Verfahren".
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) forderte eine "lückenlose" Aufklärung des Datenskandals. Dieser neuerliche Vorfall zeige, "dass uns das Thema Datenschutz weiter intensiv beschäftigen wird", sagte sie der "Berliner Zeitung". Zypries kritisierte die Kontrollen der Länder beim Datenschutz.
Die Länder müssten ihre Datenschutzbehörden personell besser ausstatten, damit sie ihren Aufgaben auch gerecht werden könnten. Der "Frankfurter Rundschau" liegen nach eigenen Angaben detaillierte Kreditkartenabrechnungen von Kunden der LBB vor, die auch für andere Banken Karten ausgibt.
Auch müssten die Kompetenzen der Datenschutzaufsichtsbehörden erweitert werden, sagte die SPD-Politikerin der Zeitung. "Sie sollten das Recht bekommen, die Berichtigung, Löschung oder Sperrung von Daten anordnen und rechtswidrige Datenverarbeitung untersagen zu können." Die Ministerin riet Kunden, generell sparsam mit persönlichen Daten umzugehen. "Das gilt vor allem im Internet." Daten, die einmal im Internet stünden, blieben praktisch ewig im Netz.
AFP/AP/dpa/dino


