Jetzt, wo er ganz geht, ist er nur noch ein alter, bedürftiger Mann. Kein Hüne mehr, kein Macho, sondern einer, wie sie hier in Deutschland in jedem Alters- und Pflegeheim anzutreffen sind. Man stellt sich Fidel Castro als einen vor, der über die Flure schlurft, in sich gekehrt und von der Welt abgewandt, eine hilflose Person. Die Faszination, die über Jahrzehnte hinweg von ihm ausging, ist erloschen.
Revolutionäre sind, das zeigt die Geschichte, meist vor allem nur dies: Machtmenschen, die keine Rücksicht, kein Erbarmen, keinen Zweifel kennen. Sie sind nicht klug, aber sehr schlau und insbesondere dies: von hohem situativem Gespür für Bilder, für Inszenierungen, für die Ästhetik des Andersseins.
Es begann wohl mit den feurigen Köpfen der Französischen Revolution, setzte sich mit der medial so begabten Truppe um Wladimir Iljitsch Lenin fort, und selbst Hitler verstand es, sich als kühner Modernisierer und Verführer in Szene zu setzen. Der größte Könner in diesem Fach war aber vielleicht Castro. Wie kein anderer hat er – als Heros wie als Nachtmahr – die Vorstellungswelt der Menschen okkupiert. Gewiss, im Image ist er auch ein fellowtraveller des Ruhms, den der flegelhaft-charmant wirkende Che Guevara an sich heften konnte. Aber es überwiegt doch die Eigenleistung.
Ohne jede Idee von einer anderen Gesellschaft hat es der junge Mann, umgeben von einer Handvoll Desperados, schon Jahre vor dem Sieg seiner „Revolution“ im Jahre 1959 verstanden, als ein Gefährlicher zu gelten: als eine Kraft, die unberechenbar aus dem Dschungel zuschlägt, die – aller faktischen Isoliertheit zum Trotz – allgegenwärtig zu sein scheint.
Alles flog ihm zu. Dass Hemingway sich gerne in Bars auf Havanna herumtrieb, schlug auf seinem Konto zu Buche. War die Revolution in Russland – von den Lagern in Sibirien hatte man ja gehört – eine dunkle, gefährliche oder gar mörderische Sache, schien sie auf der schönen Insel ein einziges lebenszugewandtes Fest zu sein. Es kam zwar nichts in Gang, die Wirtschaft verfiel schon nach wenigen Jahren, und die Städte, Havanna voran, gaben schon bald ein trostloses Bild des Verfalls ab. Was schön war, war geerbt und wurde verzehrt.
Und von dem Hans Magnus Enzensberger der 60er-Jahre bis zu den linken Kuba-Klubs von heute galt die karibische Revolution als ein einziges Fest. Arbeit und Lust schienen zusammenzugehen, über die Verhafteten und Getöteten sah man hinweg, selbst die Schwulenfeindschaft sah man dem Maxímo Líder nach. Dass die Menschen nichts zu essen haben: Amerika ist schuld. Dass es nur eine Zeitung gibt, die ganz furchtbar ist: na und? Dass der Boss stets uniformverkleidet auftritt und stundenlang Phrasen drischt: ist doch irgendwie lustig.
Castro hat sein Land ruiniert: Es ist in weit schlimmerem Zustand als zu der Zeit, als er den Diktator Batista stürzte. Es wird lange brauchen, sich von diesem unsinnigen, nun schon fast ein halbes Jahrhundert andauernden Experiment zu erholen und wieder zu erblühen. Castro hat es verstanden, sich als Mythenfigur zu formen. Sein ganzes politisches Leben lang war er – in schlechter karibischer und lateinamerikanischer Tradition – ein rücksichtsloser Caudillo. Und am Ende wird es genau das gewesen sein, was ihn so attraktiv gemacht hat: Brutalität mit „menschlichem Antlitz“. Kein Zufall, dass Operetten-Romancier Gabriel García Márquez stets ein treuer Wegbegleiter des monomanen Fidel Castro geblieben ist.




