Wolfgang Clement war aufgebracht. Aus seinem südfranzösischen Urlaubsdomizil hatte der SPD-Vorsitzende Willy Brandt kurz vor der Bundestagswahl verkündet, 43 Prozent seien doch auch „ein schönes Ergebnis“. Clement war damals, Ende 1986, Sprecher der Sozialdemokraten und setzte ebenso wie der Kanzlerkandidat Johannes Rau auf eine absolute SPD-Mehrheit. Die Einlassungen Brandts verärgerten Clement so sehr, dass er seinen Posten als Sprecher kurzerhand hinschmiss.
An Temperament, Engagement und einem Drang zu pointierten Äußerungen hat es Wolfgang Clement nie gefehlt. Diese Charakterzüge prägten Clements ungewöhnliche Karriere genauso wie das Ende seiner fast vier Jahrzehnte in der SPD.
1970, also nach der Großen Koalition, war er den Sozialdemokraten beigetreten. Damals agitierte er weder für Marx noch Mao, sondern arbeitete als Politikchef der „Westfälischen Rundschau“ in Dortmund; nicht weit entfernt von seiner Geburts- und Heimatstadt Bochum. Nach gut einem Jahrzehnt als Journalist wurde Clement 1981 Sprecher der SPD, eng vertraut mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau. Bevor er aber in dessen Dienste trat, gelang Clement nach seinen Jahren in der „Baracke“, der Bonner SPD-Zentrale, eine Rückkehr in den Journalismus. Er wurde für knapp zwei Jahre Chefredakteur der „Hamburger Morgenpost“.
Clements eigentlicher Aufstieg vollzog sich dann in der SPD-Hochburg NRW unter der Ägide Raus. Clement wurde 1989 Leiter von dessen Staatskanzlei und wandte sich dem (von Rau und der SPD lange vernachlässigten) Strukturwandel zu. Die Ansiedlung von Medienunternehmen im Raum Köln und im Ruhrgebiet trieb Clement massiv voran. Bei den Verhandlungen zur deutschen Einheit und über den Maastricht-Vertrag spielte er eine wichtige Rolle. Dank Clements Antichambrieren sicherten sich NRW und (sein Wohnort) Bonn nach dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin Milliardenhilfen.
Just als die SPD 1995 die absolute Mehrheit an Rhein und Ruhr verlor und mit den ungeliebten Grünen koalieren musste, berief Rau seinen Ziehsohn Clement zum machtvollen Wirtschaftsminister. In seiner juvenilen Art, mit Energie und Engagement, beackerte Clement das Land. Stets auf Konfliktkurs gegenüber mit den Grünen, setzte sich Clement für einen Nachtflugbetrieb am Flughafen Köln-Bonn und den Ausbau von Regional-Airports ein. Als Interessenvertreter für Kohleförderung und -subventionen personifizierte Clement gewissermaßen die nordrhein-westfälische Staatsräson und den politischen Kern der dortigen SPD. Geradezu mit Freude provozierte Clement da den grünen Koalitionspartner. Inzwischen galt er als Kronprinz Raus; zuweilen erinnerte er Rau auch daran.
Als Rau im Frühling 1998 zurücktrat, beerbte ihn Clement als Ministerpräsident, Franz Müntefering wurde SPD-Landesvorsitzender. Die beiden westfälischen Katholiken desselben Geburtsjahrgangs 1940 misstrauten einander; Clement hielt Müntefering für schlicht, dieser fand bei Clement kein Gefühl für das Seelenleben der SPD. Zuschreibungen wie die vom „Modernisierer“ Clement und dem „Beton-Sozi“ Müntefering mögen diese gegenseitige Abneigung verstärkt haben.
Seinen ersten und einzigen Wahlkampf als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident absolvierte Clement im Jahre 2000 – joggend, mit der FDP als Koalitionspartner liebäugelnd und in seinen Wahlprospekten gern auf die Buchstaben SPD verzichtend. Gerade einmal zwei Jahre später warb Kanzler Gerhard Schröder Clement nach Berlin ab. Nach dem (unerwarteten) Wahlsieg bedurfte die rot-grüne Regierung eines Neuanfangs. Als Schröders „Copilot“ sollte Clement diesen zweiten Aufschlag symbolisieren. So legte Schröder das Wirtschafts- und Arbeitsministerium zusammen, Clement wurde „Superminister“.
In dieser Funktion trieb Clement wie kein anderer die Arbeitsmarktreformen voran. Clement wurde der Kopf der Agenda 2010 und verteidigte sie mit zuweilen überschäumendem Temperament. Damals galt Clement als der Held, im Volke beliebt und als möglicher Nachfolger Schröders im Kanzleramt gehandelt. Bei alldem geriet Clement zum Lieblingsgegner der SPD-Linken, was ihm, dem dynamisch-ungeduldigen Macher, durchaus gefiel. Als stellvertretender SPD-Vorsitzender aber votierten Ende 2003 nur noch 57 Prozent der Delegierten für Clement.
Vor allem jedoch unterlag Clement im Wettbewerb um die Gunst Schröders – ausgerechnet hier hatte Müntefering die Nase vorn. So stellte Schröder Clement vor vollendete Tatsachen, als er 2004 den Parteivorsitz Müntefering übertrug. Clement tobte und kokettierte mit Rücktritt. Ohne Clement einzuweihen, rief Schröder ein Jahr später Neuwahlen aus. Müntefering wiederum dachte gar nicht daran, diesen zum Minister in der großen Koalition zu machen. So entstanden weitere Verletzungen, alte Abneigungen nahmen gar zu.
Als Müntefering vor gut fünf Wochen abermals zum SPD-Vorsitzenden gewählt und Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten nominiert wurde, saßen in der erste Reihe so unterschiedliche „Ehemalige“ wie Helmut Schmidt und Erhard Eppler, Hans-Jochen Vogel und Hans Eichel, Henning Voscherau und Otto Schily. Wolfgang Clement war nicht anwesend.
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