Analyse

Es ist gut, dass wir eine Krise haben

| Lesedauer: 6 Minuten
M. Fabricius, M. Heckel, A. Posener und C. Wergin

Die Finanzkrise erschreckt die Menschen, dabei verändert sie die Welt zum Positiven: Der Ölpreis sinkt, Autokraten wie Hugo Chávez verlieren Macht, der Ingenieursberuf boomt, Staat und Sparkassen werden gestärkt. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass wir von vielen Krisen profitiert haben.

Kapitalismus bedeutet schöpferische Zerstörung. Seine Kritiker unterschlagen stets die schöpferische Seite, seine naiven Apologeten verdrängen gern das Zerstörerische, bis es sie selber trifft. So hätte die gegenwärtige Krise, selbst wenn sie sonst nur Negatives bewirken würde, doch immerhin eine Erkenntnisbestätigung gebracht.

Joseph Schumpeter, der den von Friedrich Nietzsche stammenden Begriff der schöpferischen Zerstörung in die Volkswirtschaftslehre einführte, schrieb 1942 von einer „Mutation – wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf –, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft“. Wer inmitten der Zerstörung das Neue erkennt, kann seine Chancen nutzen und sich darauf besinnen, dass in der griechischen Wurzel des Wortes Krise der Sinn „Wendepunkt, Entscheidung“ steckt.

Da gibt es zunächst das Erwartbare: die Flucht in die Sachwerte. Wer ein Haus oder eine Mietwohnung in guter Lage besitzt, steht gut da, nachdem er sich jahrelang anhören musste, der Kauf eines Eigenheims sei unter Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkten Blödsinn.

Dann gibt es gute Nachrichten für die Sparkassen. Diese biederen Banken sind zwar nicht wirklich sicherer als Privatinstitute, aber in der Wirtschaft ist Vertrauen alles. In den vergangenen Wochen haben verunsicherte Bürger rund eine Milliarde Euro zu den vermeintlich soliden Sparkassen getragen – und so wird aus einer falschen Wahrnehmung eine Tatsache.

Rechtzeitig zur Heizsaison fällt auch der Preis für Heizöl. Die Tankstellen haben noch nicht nachgezogen, aber bei einem Rohölpreis von etwa 80 Dollar pro Fass gegenüber 146 Dollar noch im Juni müsste der Preis an der Zapfsäule bald entsprechend nachgeben. In Erwartung einer weltweiten Rezession dürfte der Ölkunde endlich wieder König sein statt Bettler.

Der sinkende Ölpreis lässt auch die Luft aus aufgeplusterten Autokraten wie Hugo Chávez, Wladimir Putin und Mahmud Ahmadinedschad. Wenn aggressive Rohstoffstaaten wie Venezuela, Russland oder der Iran den Gürtel plötzlich enger schnallen müssen, können sie sich ihre expansiven Rüstungsprogramme in Zukunft ebenso wenig leisten wie die Korruption des Wahlvolks durch Subventionen und Zuwendungen. So ist ein niedriger Ölpreis auch eine Chance für die Demokratie in diesen Ländern.

Wir haben nicht zu wenig Geld, sondern zu wenig Vertrauen

Bekanntlich ist nicht zu wenig Geld da, sondern zu wenig Vertrauen. Wer panisch seine Aktien abgestoßen hat, sucht ebenso panisch nach einer halbwegs sicheren Anlagemöglichkeit. Hier schlägt die Stunde des Staates. Staatspapiere aller Art werden aufgeschnappt, und wer gestern noch die Nase über die geringe Rendite rümpfte, ist heute froh, überhaupt eine zu bekommen. Sprich: Noch nie konnte sich der Finanzminister so billig Geld beschaffen. Wahrscheinlich wird er damit Anteile an einigen Banken kaufen müssen. Zurzeit könnte er ein Viertel der Deutschen Bank für 5,8 Milliarden Euro kaufen – Peanuts!

Apropos Entscheidung: Zu den wichtigsten Lebensentscheidungen zählt die Wahl eines Berufs. Seit Jahren geht in den meisten westlichen Ländern die Zahl der Studenten zurück, die Natur- oder Ingenieurwissenschaften studieren. Es lockt die Karriere als Banker oder Berater. Besonders in Amerika gingen begabte Mathematiker lieber zur Bank als in die Forschung. Es galt, mathematische Modelle der Risikoberechnung zu entwickeln. Modelle, die sich gerade als wertlos erwiesen haben.

In Zukunft jedenfalls dürfte eine Bank-Karriere weniger attraktiv sein. Gehälter und Boni werden deutlich fallen, die Anforderungen an Qualifikation und Einsatz hingegen steigen. Bislang lagen die Einstiegsgehälter für Finanzdienstleister an der Spitze der Einkommenstabellen. Das dürfte sich ändern, und der Markt wird dafür sorgen, dass es wieder mehr Ingenieure und Wissenschaftlerinnen gibt. Gute Nachrichten nicht zuletzt für den deutschen Mittelstand, der über fehlende Fachkräfte klagt.

Überhaupt der Markt: Jeder Crash bedeutet eine Chance für diejenigen, die eine neue Idee haben. So wie die Auslöschung der Dinosaurier den Aufstieg der Säugetiere – und damit letztlich des Menschen – ermöglichte. Die tödliche Katastrophe, der wir unsere Existenz verdanken, war so wenig vorhersehbar wie ihre Folgen.

Wie der aus dem Libanon stammende Finanzmathematiker, Börsenmakler und Philosoph Nassim Nicholas Taleb 2006 in seinem Buch „The Black Swan“ schrieb, haben vor allem unvorhergesehene und unvorhersehbare Ereignisse einen bestimmenden Einfluss auf die Weltgeschichte. (Hat er die gegenwärtige Finanzkrise trotzdem vorhergesehen? Ja.) Laut Taleb werden die Menschen immer wieder Opfer der Fiktion, aus der Vergangenheit ließen sich gültige Aussagen über die Zukunft machen – eine Fiktion, die dem „Experten“ Macht über unsere Entscheidungen gibt. (Ein Experte ist laut Taleb jemand, der über die Vergangenheit viel weiß, nichts aber über die Zukunft, sonst wäre er nicht Experte, sondern reich.) Eine Folge ist unsere Anfälligkeit für vereinfachende Erzählungen: „Wie die Gier die Wirtschaft zerstörte“ oder „Das Ende des Neoliberalismus“.

Kurz und gut: Weder die Richtung der biologischen noch – um mit Schumpeter zu reden – der ökonomischen Evolution lässt sich vorhersagen. Und genau darin besteht die größte Chance der Krise – sie bringt die Verhältnisse zum Tanzen und macht das Neue möglich. Was dieses Neue sein wird, findet man eher in der Kunst und Literatur als in den Papieren der Experten. So erschien 1946 eine Science-Fiction-Kurzgeschichte mit dem Titel „A Logic Named Joe“ von Murray Leinster. Darin wurde ein weltweites, von jedermann zu benutzendes Informationsnetz beschrieben – das Internet. Während man darauf wartet, dass sich die Verhältnisse sortieren, sollte man also vielleicht das eine oder andere Buch lesen.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos