Der amerikanische Geheimdienst CIA hat im Frühjahr 2002 mutmaßliche Terroristen der Organisation al-Qaida gefoltert und mit den so erpressten Informationen „wahrscheinlich viele Menschenleben gerettet“. Mit diesem ambivalenten Eingeständnis hat der ehemalige CIA-Beamte John Kiriakou den Kongress zu Untersuchungen aufgestachelt, das Weiße Haus beschämt und die US-Geheimdienste indirekt der Vernichtung von Beweismaterial bezichtigt.
Denn Kiriakous Aussage, die erste eines direkt beteiligten Geheimdienstlers, bezieht sich auf jene Verhöre von Zayn Abidin Mohammed Hussein abu Zubaida unter Wasserfolter (water boarding), deren Videoaufnahmen von der CIA, angeblich zum Schutz der Identität des Verhörpersonals, eigenmächtig vernichtet wurden.
Mit "Water boarding" zum sprechen gebracht
„Es war, als habe man einen Schalter umgelegt“, berichtete Kiriakou, der bis zu seinem Ausscheiden 2004 vierzehn Jahre für die CIA gearbeitet hatte. Nach Wochen fruchtloser Verhöre Abu Zabaidas in einem Gefängnishospital in Pakistan, die Kiriakou leitete, hätten seine Kollegen den Mann in einem Geheimgefängnis mit aggressiven Verhörmethoden zum Sprechen gebracht.
Dabei wurde, wie Kiriakou am Dienstag in einem CNN-Interview erläuterte, auch „water boarding“ angewandt. Abu Zabaida habe das simulierte Ertrinken keine 35 Sekunden ertragen, bevor er aufgab. Ähnlich soll es Abd al-Rahim al-Nashiri ergangen sein. Durch die Aussagen Abu Zabaidas, der am folgenden Morgen Namen, Daten und andere Informationen preisgab, seien ohne Zweifel Anschläge verhindert, Terroristen dingfest gemacht, viele Menschenleben gerettet worden.
Der Ex-Beamte bezeichnet „water boarding“ heute als Folter. Doch er glaubt, dass die „kleine hässliche Episode“ damals vielleicht nötig gewesen sei, um einen Durchbruch bei den Verhören von Terroristen zu erzielen.
CIA unter Druck
Die Aussage Kiriakous hat nicht nur die Anwälte von Gefangenen in Guantanamo aufgeschreckt, die auf Grund der Aussagen Abu Zubaidas inhaftiert wurden. Auch der Kongress erwartete am Dienstag die Aussage von hohen CIA-Beamten vor den Geheimdienstausschüssen beider Kammern in geschlossener Sitzung. CIA-Direktor General Michael Hayden hatte vor Tagen die Vernichtung der Videobänder gegen den Wunsch der Justiz und der Regierung damit erklärt, dass seine Beamten geschützt werden mussten.
Diese Begründung wirkt wenig überzeugend, da das US-Parlament bereits allen CIA-Angestellten, die möglicherweise unter die Anschuldigung der Folter kommen könnten, vorauseilend Immunität gewährt hat. Der Verdacht jedoch, es seien Beweismittel für etwaige Prozesse zerstört worden (ein Tatbestand, der nicht unter die Immunität fiele), wiegt schwer.
Nach Überzeugung von Senator John McCain, der als Kriegsgefangener in Nordvietnam mehr als fünf Jahre der Folter ausgesetzt war, fällt „water boarding“ unter die Definition von Folter und ist abzulehnen. Vizepräsident Dick Cheney äußerte sich zu Zeiten eher sarkastisch über die Verhörmethode, die er wie Schlafentzug, extreme Kälte und dergleichen für zu harmlos hält, um als Folter zu gelten.
Präsident Bush, der rundweg bestreitet, die Vereinigten Staaten könnten sich je zu Folter hinreißen lassen, hat Abu Zubaida öffentlich als hochrangigen Al-Qaida-Terroristen bezeichnet; anonyme CIA-Angehörige beschreiben den Mann, der in Guantanamo einsitzt, als Mitläufer, der bei der Logistik al-Qaidas eine Rolle spielte. John Kiriakou glaubt, die Videobänder hätten nicht vernichtet werden dürfen. Sie hätten auch als Beweismittel für ein besseres Verständnis der Amerikaner dienen können, „wie hart (CIA-)Leute arbeiten, um sie zu beschützen“.
Die Affäre um die Vernichtung der CIA-Bänder enthält einige politische Pikanterie. Der Geheimdienst hat empörten Demokraten im Kongress entgegengehalten, man habe die einschlägigen Ausschüsse vor Jahren über alle Verhörmethoden informiert und keine Proteste vernommen. Angeblich stellte die CIA im Jahr 2005, als die Videos vernichtet wurden, unter dem Druck des Kongresses auch die Praxis des „water boarding“ ein.

