Nach Wahlniederlage

In Sarah Palins Heimat Alaska gehen die Lichter aus

| Lesedauer: 6 Minuten
Hannes Stein

Nach McCains Niederlage findet auch in Sarah Palins Heimatstadt Wasilla keine Siegesfeier mehr statt. Im hohen Norden legt sich die Depression wie ein schwerer Nebel über das Land der Vize-Kandidatin. Beobachtungen aus einem Staat, der sich vom Rest Amerikas verkannt fühlt.

Als keine begütigenden Worte mehr helfen, als die Hochrechnungen über die Bildschirme laufen, als nicht mehr zu leugnen ist, dass der neue amerikanische Präsident nicht John McCain heißt, da senkt sich Depression wie schwerer Nebel über die „Mug Shot Bar“, die Verbrecherfoto-Kneipe. Eine von diesen Kneipen, wie sie zu Tausenden an den Straßenrändern von Amerika stehen – niedrige Räume, ein geschwungener Tresen aus Holz, Klapptische, Gartenstühle. Ein Hinterzimmer, in dem Billardkugeln über grünen Filz rollen.

Die Jungs, die da am Tresen sitzen, ihre Baseballkappen tiefer als sonst ins Gesicht ziehen und an gewaltigen Schnurrbärten zwirbeln, während ihre Bräute leise miteinander tuscheln, saugen an ihren Zigaretten, als handle es sich um die letzten Sauerstoffquellen auf einem ansonsten luftleeren Planeten. Und als die Bildschirme zeigen, wie Obama vor seine Anhänger in Chicago tritt, da kehren sie dem neuen Präsidenten wie gelangweilt ihre breiten Rücken zu.

Ein junges Paar aber will partout Obamas Rede hören. Die beiden jungen Leute schmiegten sich vor dem Fernseher aneinander. Handelt es sich um die einzigen zwei Wähler der Demokraten in Wasilla, Alaska? Keineswegs. Die junge Frau hat ihre Stimme den Republikanern gegeben. Es ist die zweite Präsidentschaftswahl ihres Lebens. „Ich habe Angst“, sagt sie mit leiser Stimme. „Ich habe keine Ahnung, was Barack Obama jetzt tun wird. Wenn er die Truppen aus dem Irak zurückzieht, gibt es eine Katastrophe. Aber er ist jetzt mein Präsident“, fügt sie nach einer kleinen Pause hinzu. „da unterstütze ich ihn natürlich zu 100 Prozent.“

Früh am Morgen war Gouverneurin Sarah Palin zu einem Blitzbesuch eingeflogen, um ihre Stimme abzugeben. Ihre Kandidatur als Vizepräsidentin hat die Menschen begeistert. „Viele Leute sind dieses Mal zur Wahl gekommen“, erklärt die Helferin, die vor den Wahlkabinen an einem wackeligen Tischchen sitzt und Zettel sortiert. „Ungewöhnlich viele.“ Wasilla ist ein gesichtsloses Straßendorf, das eine halbe Autostunde nördlich von Anchorage liegt, der Hauptstadt Alaskas. Die Main Street würde einen Wettbewerb um die hässlichste Hauptstraße der USA locker gewinnen. Das erste, was man dort erblickt, ist ein etwas windschiefes Holzhaus: Laut Ladenschild handelt es sich um eine Pfandleihe.

Der Rest der Vereinigten Staaten heißt in Alaska: „the lower 48“, die 48 unteren Bundesstaaten. Mit einem milden Lächeln wird das ausgesprochen, mit spöttischer Geringschätzung. In Alaska fühlen die Leute sich immer noch als Pioniere, als Avantgarde der Nation. Dass der Rest der Welt ihre Sarah Palin nicht genauso liebt wie sie selber, sehen sie mit einer gewissen Ungläubigkeit. In der Main Street von Wasilla findet man auch die kleine Stadtbibliothek. Um sie dreht sich eine Kontroverse, die nun auch schon der Geschichte dieses Wahlkampfes angehört: Hat Sarah Palin hier eine Bibliothekarin gefragt, ob sie grundsätzlich bereit wäre, Zensur auszuüben, und sie gefeuert, weil sie sich tapfer weigerte? Die Sache ist schon länger als ein Jahrzehnt her, und es ist schwierig, die Fakten zu recherchieren. Auskunft können wir aber darüber geben, dass es in der Bibliothek von Wasilla nicht nur ein reichhaltiges Angebot von Krimis gibt, sondern auch sämtliche politischen Standpunkte vertreten sind. Jonah Goldbergs Pamphlet „Linksliberaler Faschismus“ steht neben Büchern, die für die demokratische Partei werben. Ibn Warraqs „Warum ich kein Muslim bin“ wird von Bänden eingerahmt, die den Islam als große Weltreligion preisen. Sollte Palin sich hier als Zensorin versucht haben, so ist sie grandios gescheitert.

„Registriert euch hier für die Wahl“, heißt es auf einem Zettel an der Wand. Daneben liegen Videos über das Leben von Barack Obama und John McCain. Geht man am Straßendorf Wasilla immer weiter entlang, bis man die letzten Großmärkte und den letzten Burger King hinter sich zurückgelassen hat, und biegt dann in einen schummerigen Wald ein, gelangt man zu einer riesigen Sporthalle. Dort gibt es zum historischen Datum ein Fest der Bürger von Wasilla, und am Dienstagnachmittag war die Stimmung noch vorsichtig optimistisch. Die Veranstalter hatten sich erst gar nicht bemüht, unparteiisch zu erscheinen. Dem Besucher der Festivität wird ein Stempel auf den Handrücken gedrückt, die einen Elefanten zeigt – das Wappentier der republikanischen Partei. Das Schulorchester von Wasilla spielt ganz ordentlichen Jazz. Es gibt Burritos und Gyros und Bier. Mitten auf dem Kunstrasen warnt in der Halle ein Schild: „Kein Alkohol jenseits dieses Punktes.“

Ein Trupp Pfadfinder marschiert in den Saal – in vollem Ornat mit Sternenbanner. Eine stämmige Frau im Trainingsanzug sagt in ein Mikrofon: „Wir werden jetzt die Flagge präsentieren. Ich bitte euch alle, ihr die Ehre zu erweisen, also die Kopfbedeckungen abzunehmen und ihr zu salutieren.“ Und dann stehen alle auf, ungefähr hundert Menschen, legen die rechte Hand ans Herz und sprachen das Fahnengelöbnis, natürlich in der konservativen, der religiösen Fassung: „Ich gelobe der Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika meine Loyalität – einer Nation unter Gott, mit Gerechtigkeit und Freiheit für jeden.“ Dann singt der Schulchor die amerikanische Hymne. Alle klatschten. Aber wer beim Applaudieren den Riesenbildschirm im Auge behielt und die ersten Auszählungen verfolgte, der ahnte dunkel: Diesen netten Menschen steht eine große Enttäuschung bevor. Und so kommt es dann auch.

Der Schnee knirscht unter den Stiefeln, als der Weg zurück ins Zentrum von Wasilla führt. Die Kälte der Sternennacht ist beeindruckend. In der Verbrecherfoto-Kneipe sollte es eigentlich eine Siegesfeier geben. „Sarahs Lieblingsgericht“ steht mit Leuchtschrift auf einer Tafel, die von einem Ultraviolettscheinwerfer angestrahlt wurde: „Schinken mit Pommes – nur 9,95 Dollar“. Der Barkeeper greift hinter die Tafel und schaltet den Scheinwerfer aus.




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