Am Wochenende deutete es sich an: Jürgen Walter hat noch einen Plan B in der Hinterhand. Zu deutlich verweigerte sich der hessische Partei-Vize der Disziplin auf dem Parteitag: Walter kam trotz Podiumsplatz eine Viertelstunde zu spät, blieb bei Ovationen demonstrativ sitzen – und war bei der entscheidenden Abstimmung über den Koalitionsvertrag mit den Grünen urplötzlich aus dem Saal verschwunden.
Am Montag ließ der 40 Jahre alte Rechtsanwalt die Bombe platzen: Walter verlässt zusammen mit drei anderen Abgeordneten die SPD-Fraktion im hessischen Landtag. Damit hat SPD-Chefin Andrea Ypsilanti bei der eigentlich für Dienstag im Wiesbadener Landtag angesetzten Wahl zur Ministerpräsidentin einer rot-grünen Minderheitsregierung keine Mehrheit mehr.
Es ist die späte Rache ihres innerparteilichen Gegners, den Ypsilati vor zwei Jahren so knapp aus dem Feld geschlagen hatte. Der smarte Wirtschaftsfachmann Walter war damals noch Fraktionschef seiner Partei im hessischen Landtag, als Oppositionsführer schien er mit seinen Reden im Parlament beinahe auf Augenhöhe mit CDU-Ministerpräsident Roland Koch zu agieren. Es war der Höhepunkt der Karriere des am 23. August 1968 im hessischen Jugenheim als Sohn eines Schlossers und einer Büroangestellten geborenen Walter.
Walter wuchs in Gernsheim auf und studierte Jura in Mannheim und Frankfurt. Nach seinem Examen arbeitete er als Rechtsanwalt in seiner eigenen Anwaltskanzlei – da war Walter bereits seit zehn Jahren in der SPD, in die er 1987 eingetreten war. Seit 1985 engagierte er sich bereits bei den Jusos, 1996 wurde er deren Landesvorsitzender. Drei Jahre später zog er in den Landtag ein und wurde Landesgeschäftsführer der SPD.
Mit seiner Karriere ging es steil bergauf: im Februar 2003 wurde er Vorsitzender der Landtagsfraktion, Walter galt als der kommende Mann der hessischen SPD. Mit Wirtschaftsthemen hatte er sich einen Namen gemacht, für den Ausbau des Frankfurter Flughafens kämpfte er vehement. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Walter als Obmann der SPD im Untersuchungsausschuss zur Schwarzgeldaffäre der hessischen CDU bekannt.
Im August 2006 erklärte er seinen Willen, als Spitzenkandidat für die SPD in die Landtagswahl 2008 zu gehen. Doch Walter kam zu spät: Fünf Tage zuvor hatte Ypsilanti, SPD-Landeschefin, ebenfalls ihre Kandidatur erklärt, es folgte ein Machtkampf zwischen den beiden Parteispitzen. Bei der wochenlangen Vorstellungstour durch die Kreisverbände konnte Walter zunächst mehr Stimmen auf sich ziehen. Auf dem Parteitag der SPD in Rotenburg am 2. Dezember setzte sich dann aber Ypsilanti mit einer furiosen Rede auf den letzten Metern durch: Im zweiten Wahlgang erhielt sie zehn Stimmen mehr, im ersten hatte es ein Patt gegeben.
Walter habe Ypsilanti diese Niederlage nie verziehen, heißt es. Im Januar 2007 musste er den Fraktionsvorsitz an Ypsilanti abgeben, im darauf folgenden Landtagswahlkampf machte er nicht gerade durch Engagement von sich reden. Ypsilanti versuchte ihn einzubeziehen und benannte ihn als Schattenminister für das Innenministerium. Walter habe sich in den Themen nie recht wohl gefühlt, heißt es.
Den Schwenk Ypsilantis zu einer Zusammenarbeit mit der Linken kritisierte er mehrfach heftig als Fehler und trat offen für eine große Koalition mit der CDU ein. Seine Gegnerschaft brachte ihm auf dem Parteitag der SPD im März in Hanau heftige Buhrufe und Pfiffe ein. Walter entfernte sich immer weiter von seiner Partei. Auch dass er im Sommer die frühere CDU-Pressesprecherin Esther Petry heiratete, sorgte für zunehmendes Misstrauen ihm gegenüber.
Im Verlaufe des Jahres aber agierte Walter zunehmend irrational. Bei den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen holte Ypsilanti ihn erneut in ihre Riege. Walter handelte drei Wochen lang den Koalitionsvertrag mit aus, sein Hauptthema war der Flughafen. Trotzdem lehnte er am Ende das ihm angebotene Ressort als Minister für Verkehr und Europa ab, stimmte dann wieder dem Koalitionsvertrag im Landesvorstand zu – und kritisierte ihn anschließend scharf.
Auf dem Parteitag in Fulda am 1. November dann die erneute Wende: Walter kündigte an, den Koalitionsvertrag nicht mittragen zu wollen. Da ließ er noch demonstrativ offen, ob er Ypsilanti am 4. November mit zur Ministerpräsidentin wählen werde. Nun ist klar: Obwohl er mehrfach zuvor versichert hatte, dass der Beschluss des Parteitags vom Samstag für ihn bindend sei – nun fühlt sich Walter offenbar nicht mehr gebunden.



