Mord ist Mord – dieser war aber der wohl heimtückischste, den die RAF je begangen hat. Als der Bankier Jürgen Ponto heute vor 30 Jahren in seinem Haus in Oberursel bei Frankfurt erschossen wurde, kamen seine Mörder leicht an ihn heran. Denn unter ihnen war Susanne Albrecht, eine Freundin der Familie. Unter dem Vorwand, auf einen Besuch vorbeikommen zu wollen, verschafften sie sich Zugang, mit Blumenstrauß und Pistolen bewaffnet. Bei keinem anderen Mord der RAF kamen die Täter im Freundesgewand.

Es ist viel über die Täter und ihre Motive gerätselt worden. So sind die Täter dem öffentlichen Bewusstsein gegenwärtig. Nicht so das Opfer. Wer war Jürgen Ponto? Er stand, so weit sich das aus den Äußerungen und Dokumenten der Täter schließen lässt, eigentlich nicht im Visier der RAF. Er war keine Reizfigur wie Generalbundesanwalt Siegfried Buback, der am 7. April 1977 in Karlsruhe erschossen wurde. Und erst recht keine Reizfigur wie der am 18.Oktober des Jahres von der RAF ermordete Hanns Martin Schleyer.


Dieser galt damals bis weit ins linksliberale Milieu hinein als geradezu prototypischer Repräsentant jener deutschen Eliten, die unbeschadet ihre Verwicklung ins Dritte Reich überstanden und in der folgenden Republik gleich wieder oben waren. Schleyer, am Ende des Dritten Reichs 30 Jahre alt, taugte schon von seiner Physiognomie her zur Hassfigur jener, die damals reimten: „Kapitalismus führt zum Faschismus.“

Ausflüge in die Schauspielerei und den Journalismus

Die besondere, zusätzliche Tragik des Mordes an Jürgen Ponto liegt darin, dass er wie kaum ein anderer Manager den bundesrepublikanischen Weg in die nüchterne, prinzipienfeste und freiheitliche Bürgergesellschaft verkörperte. Er stammte aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie: Schon das Elternhaus stand für ruhige Bürgerlichkeit. 1923 in Bad Nauheim geboren („auf der Durchreise“, wie der Hanseat später gerne sagte), verbringt er seine Kindheit in Ecuador. Als junger Mann wird er zur Wehrmacht eingezogen, als Panzerjäger kämpft er in Russland.

Nahe Stalingrad wird er so schwer verwundet, dass man ihn 1944 aus der Wehrmacht entlässt. Er macht in Hamburg Abitur und beginnt noch während des Krieges ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen, das er mit beiden Staatsexamina beendet. Er spielt bei einer Studentenbühne mit – es mag ihn dazu das Beispiel seines berühmten Onkels Erich Ponto ermuntert haben. Ein Zeugnis dafür, dass er die Notwendigkeit sah, der jungen Republik ein tragfähiges geistiges Fundament zu geben, war seine journalistische Arbeit für die „Hamburger Akademische Rundschau“.

Das war eine (nur ein paar Jahre lang erschienene) Zeitschrift, die sich unter anderem der politischen Selbstaufklärung der akademischen Welt Deutschlands widmete, die sich ja zuvor – von Ausnahmen abgesehen – sehr willig den Nationalsozialisten angedient hatte. Wissenschaftler, die aus dem Exil zurückgekehrt waren, hatten sie mit angeregt.

Der kollegiale Stil war ihm wichtig

Das Auffällige an Jürgen Pontos weiterem Lebensweg ist dessen Unauffälligkeit. 1950 trat der Jurist Ponto in die Dresdner Bank ein (die damals „Hamburger Kreditbank“ hieß). Er hatte es dort unter anderem mit Restitutionsfällen zu tun. Er blieb dem Unternehmen – von einer Unterbrechung für ein Auslandsstudium in Seattle abgesehen – bis zu seinem Tode treu. Er durchlief, sein Talent war früh erkannt, alle Abteilungen des Hauses. Neun Jahre nach seinem Eintritt wurde er Chefsyndikus der Bank, 1966 ordentliches Vorstandsmitglied. Als er drei Jahre später Vorstandssprecher der Bank wurde, war der unauffällige Mann nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in den unteren und mittleren Rängen seines Hauses noch nahezu unbekannt.

Er machte aus dem Unternehmen, das damals aufgrund einiger windiger Transaktionen einen schlechten Ruf hatte, mit fester Hand eine moderne Geschäftsbank. McKinsey ließ er ein Konzept für eine kundenorientierte Geschäftspolitik ausarbeiten und prägte selbst einen kollegialen Stil. Er delegierte, und er mischte sich nur in Notfällen ein. Als Mitglied in zahlreichen Aufsichtsräten moderierte er oft Unternehmenskrisen und entwickelte (etwa für AEG-Telefunken) Sanierungskonzepte. Gegen national motivierte Widerstände gestaltete er die Transaktion des Quandt-Anteils an Daimler-Benz, den der Scheich von Kuwait erwarb – weigerte sich aber, in Unternehmen hineinzuregieren.

"Bleiben wir also nüchtern"

Er war ein klassischer Liberaler und hielt als solcher fast brüsk Abstand zum CDU-Wirtschaftsrat. Helmut Schmidt war er ein steter Berater, lehnte aber dessen Angebot ab, Finanzminister zu werden. Als seine Bank 1972 100 Jahre alt wurde, hielt er eine Festrede, die ein Plädoyer für die Chancen der Globalisierung war: Gerade den Hilflosen helfe die freie Marktwirtschaft,

und daher gelte es, jene Mehrheit der Weltbevölkerung zu überzeugen, die elementare Zweifel an der Freiheitlichkeit des Marktes hegen. Am Ende sagte er: „Bleiben wir also nüchtern, und treten wir überall, wo in der Welt es nottut, dafür ein, den Verstand, die Vernunft wieder in ihren Rang einzusetzen.“ Er meinte das ausdrücklich im Sinne Kants.


Bleiben wir nüchtern: Der Kunst- und vor allem Musikliebhaber Jürgen Ponto war ein idealer Repräsentant jener Generation, die durch das Menschheitsdrama des Dritten Reichs belehrt war – und sofort mit skeptischem Optimismus an das Werk der Neugründung ging. Was kam, sollte auf festem Fundament sein. Und einfach. Kein Überschwang. Nur Stabilität. Und Bürgerfreiheit durch Wirtschaftsfreiheit. Die RAF hat mit dem Mord auf einen Menschen gezielt, der zu den Architekten des besten Staates gehörte, den es je auf deutschem Boden gab.