Die schönen Künste müssen keine friedlichen sein. Ihre Jünger können sich mitunter als recht streitbar erweisen. Den Architekten und Maler Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) und den Dichter Clemens Brentano (1778– 1842) verband zwar eine tiefe Freundschaft, beide schätzten auch die Arbeiten des jeweils anderen.
Dennoch initiierte Brentano einen Wettstreit: Welcher Kunstgattung – Malerei oder Dichtung – gebührt der höhere Rang? Brentano, der große Novellist des frühen 19. Jahrhunderts, schrieb eine kompliziert erzählte, kunstvoll ausgeschmückte Geschichte und wähnte sich als Sieger. Doch Schinkel nahm die Geschichte in einer Skizze, zwei großformatigen Zeichnungen auf und fertigte als krönenden Abschluss das Gemälde „Schloss am Strom“.
Das Werk von 1820 ist das Glanzstück der Romantik-Sammlung der Nationalgalerie und das Hauptwerk der etwa 60 Exponate umfassenden Ausstellung über den Wettstreit der Gattungen. Bei ihrem künstlerischen Kräftemessen bezogen sich Brentano und Schinkel auf die Renaissance, in der die Auseinandersetzungen vor allem zwischen Bildhauern und Malern eher rüde, denn freundschaftlich gepflegt ausgetragen wurden.
Da die Maler auf Altarflügeln Statuen gelegentlich mit den Ton in Ton gemalten Grisaillen täuschend echt nachahmten, behaupteten die Bildhauer, ihre Kunst stünde höher als die Malerei. Dieser ermangele es an der Mehrdimensionalität. Würden sonst die Maler versuchen, Bildhauerwerke vorzutäuschen? Die Maler hielten dem – ausgehend von Leon Battista Albertis kanonischem „Trattato della pittura“ von 1435/36 – entgegen, ihnen allein sei dank der Farbe, der Perspektive und ihrer Invention die Fähigkeit gegeben, die Natur nachzuahmen und zugleich etwas vorzustellen, was es nicht gäbe, aber geben könnte.
Dieser Streit („Paragone“), ob der Skulptur oder der Malerei der Vorrang gebühre, war Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses der Künstler, die sich nicht mehr als Handwerker verstanden, sondern beanspruchten, ihre Kunst nach verbindlichen akademischen Regeln auszuüben. Gelegentlich wurde in diesen Vergleich auch die Architektur einbezogen, weil sie sich an Vitruvs nicht minder kanonische „De architectura libri decem“ („Zehn Bücher über die Architektur“) aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert hielt.
Die Gold- und Silberschmiede, die Steinschneider und all die anderen Kunsthandwerke blieben dagegen ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den „artes liberales“, den freien, schönen, hohen Künsten, wurden sie den Kunstfertigkeiten als „artes mechanicae“ zugerechnet. Dabei ist es bis heute geblieben. Nur das Design hat es geschafft, einen „Kult des Designers“ zu lancieren. Namen wie Philippe Starck, Luigi Colani, Verner Panton – um nur einige zu nennen – sind weithin bekannt und gelten als Markenzeichen.
Allerdings ist ein solcher Streit, welcher Kunst die Krone gebühre, heute undenkbar. Das liegt nicht an der Einsicht, dass es die Kunst nicht gibt, sondern an der Vielfalt der künstlerischen Techniken und Ausdrucksformen. So wandelte sich die Druckgrafik, lange nur Reproduktions- und Vervielfältigungstechnik, Ende des 19. Jahrhunderts zur Kunst – vor allem durch die Expressionisten. Zu der Zeit kämpfte die Fotografie, auch wenn sie als „Kunstfotografie“ auftrat, vergeblich um Anerkennung.
Die erreichte sie erst in den vergangenen Jahrzehnten. Fotografen wie Richard Avedon oder Helmut Newton profitierten noch zu Lebzeiten davon und wurden gefeiert. Diesem Wechselbad von Missachtung und Anerkennung sahen sich in der Nachkriegszeit auch die Aktionskünstler ausgesetzt. Ihre Happenings und Performances tat die Kritik anfangs als Dilettantismus ab. Nicht anders erging es Installationen als angebliche Zufallsansammlungen von Dingen, die mit hohltönenden Interpretationen einen ungerechtfertigten Kunstanspruch erhoben.
Inzwischen ist das alles Kunstalltag, und es gibt fast nichts mehr, was nicht zur Kunst taugt. Selbst das Alte gewinnt dabei den Glanz des Neuen, wenn alle paar Jahre Tod oder Wiederauferstehung der Malerei ausgerufen werden. Der Wettstreit endet, scheint es, unentschieden – wäre da nicht das Publikum. Die Besucherzahlen der Ausstellungen verraten, dass Kunstkonsumenten eindeutig Schauen mit Malerei bevorzugen.
„Karl Friedrich Schinkel und Clemens Brentano – Wettstreit der Künstlerfreunde“, bis 11. Januar 2009 in der Alten Nationalgalerie

