"Diesseitig bin ich gar nicht fassbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen“ steht auf Paul Klees Grabstein. 1920 hatte er das notiert, 20 Jahre vor seinem Tode. Deshalb sind Zweifel angebracht, ob die beiden Sätze als Summe eines Künstlerlebens gedacht waren oder der Versuch sind, den eigenen Standpunkt in der Kunstwelt zu umschreiben.
Denn Klee, so einfach er jetzt der klassischen Moderne zugerechnet wird, stand zeitlebens mittendrin – und außerhalb. Als „rätselhafte Kostbarkeiten und Liebhaberstücke empfindsamer Menschen“ charakterisierte Ludwig Justi, Direktor der Berliner Nationalgalerie, Klees Werke. „Das Kunstblatt“ meinte seinerzeit, „dass Kokoschka ein Weg ist und dass Schlemmer ein Weg ist, . . . und dass Dix eine Möglichkeit ist und dass weitab davon Paul Klee als bezaubernder Magier steht.“
Das Etikett des „wundersamsten Maler-Individualisten“, so sehr es Klee misshagte, begleitete ihn allezeit. Allenfalls wurde ihm im Alter eine gewisse Melancholie zugebilligt, die das verspielt Heiter-Ironische seiner Bildwelt überschattet. Es scheint ganz einfach, sich der Welt Klees zu nähern. Kann man ihn doch ganz naiv betrachten, sich ihm mit kindlichem Gemüt nähern. „Die Bilder, die mein kleiner Felix gemalt hat, sind bessere Bilder als die meinen, die oft durch das Gehirn getropft sind“, bemerkte er einmal.
Dabei war ihm durchaus bewusst: „Die reine Naivität geht verloren.“ Denn was in seiner Bildwelt „kindlich“ erscheint, ist sublimierte Kunst. Das deuten nicht zuletzt die sorgsam formulierten Titel seiner Blätter an – auch und gerade, wenn sie Kindern zugedacht waren. Da aquarellierte er für die Tochter eines Münchner Nachbarn die „Bilderinschrift für Irene, wenn sie ein mal größer ist“.
Und im Jahr darauf zeichnet er ihr „Wo die Eier herkommen und der gute Braten (für Florina-Irene)“. Beide kann man in der Neuen Nationalgalerie sehen. Dabei wird deutlich, dass Klee nicht einfach kindliche Vorstellungen ins Bild setzte, sondern diese Ideen in eine bildnerische Erzählung überführt, die nicht nur betrachtet, sondern auch „gelesen“ werden will. Oder mit seinen Worten: „Wenn bei meinen Sachen manchmal ein primitiver Eindruck entsteht, so erklärt sich diese ‚Primitivität‘ aus meiner Disciplin, auf wenige Stufen zu reduzieren.
Sie ist nur Sparsamkeit, also letzte professionelle Erkenntnis.“ Nicht Simplizität war sein Ziel, sondern „Reduction! Man will mehr sagen als die Natur und macht den unmöglichen Fehler, es mit mehr Mitteln sagen zu wollen als sie, anstatt mit weniger Mitteln.“ Deshalb bleibt „die Zwiesprache mit der Natur für den Künstler Conditio sine qua non“.
Solche Selbstbeschränkung, Selbstdisziplinierung, auch Intellektualisierung scheint im Widerspruch zur Fantasie zu stehen, die das „Universum Klee“ beherrscht. Psychologen wie -analytiker mögen in der Biografie, die sich in Tagebuchnotizen, theoretischen Schriften und Klees Gedichten spiegelt, einen unruhigen, unzufriedenen, grüblerischen Charakter entdecken, der die heiteren Bilder als Paravant benutzt, um sich dahinter zu verbergen.
Schließlich hatte er anfangs geschwankt, ob er Musiker werden sollte, die weniger von sich selbst preisgeben müssen. Geboren wird er 1879 im Kanton Bern. Sein Vater, der aus dem Fränkischen kommt, ist Musiklehrer, seine Mutter, eine Schweizerin, ausgebildete Sängerin. Und da er ein guter Violinist ist, verpflichtet ihn die Bernische Musikgesellschaft 1902 regelmäßig für ihr Orchester. Doch bereits seit 1898 widmet er sich zugleich dem Zeichnen. 1900 tritt er dann an der Münchner Akademie in die Klasse von Franz von Stuck ein – bricht jedoch bereits im Jahr darauf, weil die Ausbildung nicht seinen Vorstellungen entspricht, das Studium ab.
1906 heiratet er die Pianistin (und Klavierlehrerin) Lily Stumpf, die er an der Akademie kennengelernt hatte. „Alles wird Klee sein“, vertraut er 1906 dem Tagebuch an. Sein Weg als Künstler schien damit vorgezeichnet. Doch es dauert noch fast ein Jahrzehnt, ehe es so weit war. Reisen nach Italien, nach Paris sind Etappen auf dem Gradus ad Parnassum. Zum entscheidenden Wendepunkt wurde 1914 die Tunisreise mit den Malerfreunden August Macke und Louis Moilliet. „Die Farbe hat mich.
Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiss das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler“, bekennt er danach überschwenglich. Sein Erfolg gibt ihm recht. Obzwar mit den Künstlern des Blauen Reiters verbunden, geht er seinen eigenen Weg. Schult sich an Ferdinand Hodler und van Gogh, sieht in James Ensor und Alfred Kubin Geistesverwandte. 1921 beruft ihn Walter Gropius ans Bauhaus in Weimar: „Als ich dazu kam, zu unterrichten, musste ich mir genau klar werden über das, was ich meist unbewusst tat.“
Dort lehrt er bis 1931, um dann eine Professur in Düsseldorf anzunehmen. Im April 1933 wird er auf Weisung der Nationalsozialisten entlassen. Weil er in Deutschland keine Existenzmöglichkeiten mehr sieht, geht er in die Schweiz und stirbt 1940 nach schwerer Krankheit – ohne die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt zu haben. Rund 9500 Nummern umfasst das Werkverzeichnis, das er akribisch geführt hat.
Und obwohl die Stadt Bern einen wesentlichen Teil des Nachlasses gewinnen konnte, sind seine Werke weit verstreut. Sein Nachruhm verbreitete sich allerdings erst seit den 50er-Jahren, wobei Tagebücher (1957) und die theoretische Überlegung über „Das bildnerische Denken“ (1964) einen wichtigen Anteil hatten.
Paul Klee „Das Universum Klee“, 31. Oktober bis 8. Februar 2009 in der Neuen Nationalgalerie

