Wenn Ehebrecherinnen und Ehebrecher im Film oder auf der Witzseite in flagranti ertappt werden, sagen sie in ihrer Not gerne: „Es ist nicht das, wonach es aussieht.“ Ist es natürlich doch. Was indes die aktuelle deutsche Großwetter- und Seelenlage angeht, könnte es sich umgekehrt verhalten. Es ist tatsächlich nicht so, wie es aussieht.
Am Ende einer Woche ungeheurer politischer Beschleunigung scheint es sicher zu sein, dass die Marktwirtschaft das geringe ihr verbliebene Ansehen völlig und auf lange Zeit verspielt hat. Und ebenso scheint es mit Händen zu greifen, dass wir vor einer Renaissance des lenkenden, sich einmischenden Staates stehen.
Wie tief diese Gewissheit sitzt, kann man daran erkennen, dass unser politisches Bundesrettungs-Ehepaar Angela Merkel und Peer Steinbrück sich zur Zeit sichtlich mit Lust in Staatsverklärung ergehen: Wenn’s ernst wird, so spötteln sie ohn’ Unterlass, bleibt eben nur noch der eine, alte Akteur, der so oft schon abgeschrieben wurde: der Staat. Hat der Markt verloren und der Staat gewonnen? Ist der liberale Spuk vorbei? Kurz: Wandert Deutschland gar nach links?
Großer Kredit für die politische Führung
Am auffälligsten ist dies: Die Deutschen haben in erstaunlicher Weise Ruhe bewahrt. Das Land, welches das Wort „Angst“ in die Welt exportiert hat und als unverbesserlich panikbereit gilt, hat seiner politischen Führung großen Kredit eingeräumt. Damit erst hat es den gewaltigen, in der Geschichte der Bundesrepublik ganz einmaligen Gesetzesakt möglich gemacht, der in der vergangenen Woche über alle politischen Bühnen geleitet wurde. So schnell war Demokratie noch nie, und anders als während der Großen Koalition von 1966 bis 1969 hat diesmal niemand Furcht vor dem Notstandsgebaren der Regierung.
Hinter dieser Ruhe steht nicht, wie mancher vermutet, die Ahnungslosigkeit des Souveräns, dem der Ernst der Lage angeblich entgangen ist. Wenn es ans Ersparte und an die Rente geht, reagieren die Deutschen aus historischen Gründen in der Tat sensibel. Diese tief sitzende Sicherheitsnervosität hat sie aber nicht veranlasst, der öffentlichen Sphäre jenes Wundergut zu entziehen, ohne das alles zusammenbricht: das Vertrauen.
Die Konten wurden nicht geplündert, das zarte Pflänzchen private Altersvorsorge ist nicht verdorrt. Diese Ruhe im Sturm ist ein großer Beweis dafür, dass die Systemkritiker nicht in der Mehrheit sind. Das Vertrauen in die Institutionen, zu denen auch der Markt gehört, ist groß. Es fließt nicht nach links ab. Oskar Lafontaine ist kein Kriegsgewinnler der Finanzkrise.
Die Dinge sortieren sich jetzt neu
Es riecht nicht nach linker und schon gar nicht nach rechter Volksgemeinschaft. In nüchterner Beruhigung nehmen die Bürger zur Kenntnis, dass es vielleicht gut war, in Berlin gerade eine große Koalition an der Regierung zu haben. Wenn Frau Merkel und Herr Steinbrück heuer zusammensitzen, sieht das zwar oft wie eine Anzahlung auf die Regierung nach der kommenden Bundestagswahl aus. Doch das könnte täuschen.
Denn von großkoalitionärer Euphorie ist nichts zu spüren. Die Dinge sortieren sich jetzt neu. Die Banken müssen durch ein staatsgelenktes Tal und bekommen die Chance, auf realistischere Weise als bisher klarzumachen, dass wir nun einmal in einer Welt schwer berechenbarer Finanzströme leben und der Sparstrumpf, so beruhigend er sein mag, ausgedient hat. Politik und Parteien bekommen die Chance, entschlossener und zugleich bescheidener als bisher in die dem Staat gebührende Leitplankenfunktion zu finden. Und die Bürger können lernen, dass auch sie – mit ihrem Konsum-, Spar- und Vorsorgeverhalten – aktive, prägende Akteure des Wirtschaftsgeschehens sind.
In diesem Szenario ist für Demagogie wenig Platz. Dafür viel Platz für Vernunft, Nachdenklichkeit, langfristige Perspektiven und kluges Nachjustieren der Institutionen. Viel Platz also für Urtugenden des Bürgertums. Wenn es gut agiert, wird dieses sich auch eine politische Mehrheit erstreiten können.





