Dies hätte ihre Bühne sein sollen, ihr Parteitag, ihre Krönung als Kandidatin für das Weiße Haus. Doch nun steht Hillary Clinton auf dem Podium des Wahlparteitags in Denver und wirbt für eine Kandidatur, die nicht die ihre ist. „Wir sind im gleichen Team, keiner von uns kann am Rand sitzen“, ruft die Senatorin in die Tagungshalle, aus der ihr Zustimmung aus tausenden Kehlen entgegenbrandet. „Egal ob ihr für mich oder für Barack gestimmt habt: Jetzt ist es Zeit, als eine einige Partei zusammenzukommen.“


Clinton erweist der Partei, die ihren Traum von der Präsidentschaft in den Vorwahlen so schmerzhaft durchkreuzt hat, einen großen Dienst. Bitterkeit lässt sie sich nicht anmerken, ihr Lächeln strahlt mit ihrem orangefarbenen Hosenanzug um die Wette. Ein Delegierter brüllt ihr aus der Halle entgegen: „We love you“ – wir lieben dich. Er trifft damit die Stimmung des Abends.


Kein Misston trübt Hillary Clintons Versöhnungrede, doch unter der Oberfläche der der Harmonie wirkt die Spaltung der Partei freilich noch immer fort.

Was die Delegierten der US-Demokraten am Dienstagabend zu sehen bekommen, ist ein Sieg der politischen Vernunft über enttäuschte Hoffnungen. „Barack Obama ist mein Kandidat, und er muss unser Präsident werden“, ruft Clinton in den Saal. Sie gibt das Signal zur Versöhnung an die Partei, die nach dem harten Vorwahl-Duell noch nicht wieder zusammengefunden hat. Die Delegierten feiern Clinton dafür wie eine Siegerin.


Doch bei den US-Demokraten geht die Ära von Bill und Hillary Clinton zu Ende. Der Parteitag der Demokraten mit der Kür des schwarzen Senators Barack Obama zum Präsidentschaftskandidaten markiert den Stabwechsel in der Partei, die nach acht Jahren des Republikaners George W. Bush zum Sturm aufs Weiße Haus bläst. Der Abgang dürfte den Clintons schwerfallen und es ist offen, ob er für immer ist.


Es waren 16 lange Jahre, in denen die Clintons den Kurs der Demokraten bestimmten: Bill war acht Jahre Präsident, Hillary ist seit sieben Jahren Senatorin in New York und gab sich Obama im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur 2008 erst nach einem erbitterten Vorwahlkampf zähneknirschend geschlagen. Am Dienstag rief sie die begeisterten Delegierten zum Schulterschluss auf: „Barack Obama ist mein Kandidat, und er muss unser Präsident werden.“ Im Wahlkampf dürfe niemand tatenlos am Rand stehen.


Mit Spannung wurde am Mittwoch der Parteitagsauftritt von Bill Clinton erwartet. In der Partei pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass der Ex-Präsident Probleme mit Obama hat. „An der Bill-Clinton-Front muss noch gearbeitet werden“, schrieb Hillarys früherer Wahlkampfstratege Howard Wolfson in der „New Republic“. Bill glaube, dass Obama gegen ihn Wahlkampf führe und Errungenschaften seiner acht Präsidentenjahre negiere.


Hillary Clinton jedenfalls stellte sich schneller als Bill hinter Obama und griff einen Werbespot des republikanischen Kandidaten John McCain an, der ihre Äußerungen gegen den neuen Hoffnungsträger der Demokraten wenden wollte. Nach Einschätzung einiger Demokraten steht sie uneingeschränkt zur Einheit der Partei und will keinesfalls für eine mögliche Niederlage bei der Präsidentenwahl am 4. November verantwortlich gemacht werden.


Hillary Clinton agiert jedoch möglicherweise nicht ohne Hintergedanken: Sollte Obama scheitern, könnte sie 2012 als dann 64-Jährige erneut antreten, heißt es hinter vorgehaltener Hand im Clinton-Lager. „Man muss die zwei immer auf dem Zettel haben“, beschreibt ein früherer Mitarbeiter Bills den politischen Ehrgeiz der Eheleute Clinton. Er ist gleichwohl der Meinung, dass der Parteitag in Denver so etwas wie der Schlussstein in der Ära Clinton sein wird.


Viele Clinton-Anhänger vor allem in den wahlentscheidenden und daher besonders umkämpften Bundesstaaten sind freilich noch immer nicht von den Qualitäten Obamas überzeugt und drohen, ins gegnerische Lager überzulaufen.


Lynn Forester, eine Spendensammlerin für Clinton, bringt das so auf den Punkt: „Leute, die die Demokraten unabhängig vom Kandidaten wählen, haben keine Probleme. Anders sieht es bei denen aus, die den besten Kandidaten und die beste Persönlichkeit wählen wollen.“

reuters/afp/lk