Genau einen Tag weilte Barack Obama gestern in Israel, doch mit seinem gedrängten Besuchsprogramm hätte man auch eine Woche füllen können. Der Arbeitstag begann für den Senator aus Illinois schon beim Frühstück mit Verteidigungsminister Ehud Barak. Über geräuchertem Lachs und verschiedenen israelischen Käsesorten sollen die beiden in nur 45 Minuten „alle relevanten Fragen“ und die „zukünftigen Herausforderungen“ Israels und des Westens besprochen haben, wie das Verteidigungsministerium anschließend bekannt gab.

Der Likud-Vorsitzende und Oppositionschef Benjamin Netanjahu war Obamas nächster Gast. Man stimme darin überein, dass der Iran auf keinen Fall Atomwaffen entwickeln dürfe, sagte Netanjahu nach dem Gespräch. Außerdem habe Obama ihm versichert, er werde niemals etwas tun, das Israels Sicherheit gefährden könne. Der Terrorismus sei kein theoretisches Problem und müsse mit „ganzer Kraft und Stärke“ bekämpft werden.

Für den Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem nahm sich der Kandidat dann etwas mehr als eine Stunde Zeit. Es ging ihm dort wie vielen Politprofis: Bald stand ihm der Schrecken angesichts der an den Juden begangenen Verbrechen im Gesicht geschrieben. Beim nächsten Besuch werde er seine beiden Töchter mitbringen, versicherte er sichtlich bewegt. Und als ihm zwei amerikanische Touristen zuriefen, das hier Gesehene nicht zu vergessen, antwortete er ganz ernst: „Ich habe schon verstanden, ich habe schon verstanden.“ Erst mit der Ankunft in der Residenz des Präsidenten schien die Anspannung einer heiteren Lockerheit zu weichen. Präsident Schimon Peres begrüßte den Kandidaten wie einen guten Bekannten. Nicht zum letzten Mal während seines Aufenthalts beteuerte Obama auch gegenüber Peres das „besondere Verhältnis“ der Vereinigten Staaten zu Israel und seine persönliche „Verpflichtung zur Sicherheit Israels“. Was Israel in den 60 Jahren seiner Existenz erreicht habe, sei „ein Wunder“, sagte der Kandidat Obama.

Was er sich damit vorgenommen hat, konnte er bei seinem nächsten Stopp in Ramallah erfahren. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Ministerpräsident Salam Fajad hätten dem Kandidaten von den trotz aller Abmachungen andauernden israelischen Siedlungsaktivitäten berichtet und sich über die Weigerung Israels beschwert, Straßensperren im Westjordanland abzubauen, sagte der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat. Auch wenn der Kurzbesuch sicher nicht die in den Palästinensergebieten tief verankerten Bedenken zerstreuen konnte, Washington sei im Nahost-Konflikt voreingenommen, so hatte die Stippvisite doch symbolische Bedeutung. Obamas Konkurrent, John McCain, hatte das Westjordanland während seines Besuchs im März ganz gemieden.

Wer allerdings erwartet hatte, Obama würde die Konturen seiner Nahost-Politik aufzeichnen, wurde enttäuscht: Die Vereinigten Staaten hätten immer nur einen Präsidenten, und der heiße derzeit George W. Bush, erklärte eine seiner Beraterinnen das Schweigen des Kandidaten, der in der Vergangenheit durchaus den Ausbau von Siedlungen im Westjordanland deutlich verurteilt hatte. In Wahrheit aber ist Obama momentan noch nicht damit beschäftigt, irgendwelche Konflikte zu lösen, sondern will zunächst einmal gewählt werden. Die jüdischen Stimmen in einigen umstrittenen Staaten können da entscheidend sein.

Unter amerikanischen Juden, die traditionell eher der Demokratischen Partei zuneigen, hält sich Obamas Beliebtheit bisher noch in Grenzen. Bei dem Versuch, seine Popularität unter amerikanischen Juden zu steigern, musste der Senator schon erleben, wie schnell man sich auf dem rutschigen Nahost-Parkett auf die Nase legen kann: Anfang Juni hatte er in einer betont proisraelischen Rede vor der jüdischen Interessengruppe AIPAC in Washington gesagt, Jerusalem sei Israels Hauptstadt und dürfe niemals geteilt werden. Wenig später musste der Präsidentschaftskandidat zurückrudern. Er habe gemeint, Jerusalem dürfe nicht – wie bis 1967 – von Mauern und Stacheldraht zerteilt werden, korrigierte er sich, um seinen Ruf als „ehrlicher Makler“ im Nahost-Konflikt nicht schon ein halbes Jahr vor der Wahl zu zerstören.

So verlegte er sich bei seinem Besuch gestern aufs Beobachten und Zuhören. Während eines Hubschrauberrundflugs erläuterte Außenministerin Tzipi Livni ihm die Probleme der Region, und in der seit Jahren unter Raketenbeschuss liegenden Kleinstadt Sderot wollte Obama sich einen Eindruck vom Leben der Bewohner im Ausnahmezustand machen. Dann standen noch ein Abendessen mit Premier Olmert und ein nächtlicher Besuch an der Klagemauer auf dem Programm, bevor Obama sein Flugzeug zum nächsten Stopp seiner internationalen Wahlkampftour bestieg – nach Deutschland.

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