Einen Tag nach dem Störfall im slowenischen Atomkraftwerk Krsko hat sich Sloweniens Umweltminister Janez Podobnik für die stundenlange Verwirrung um den europaweiten Atomalarm entschuldigt. „Das war eindeutig menschliches Versagen“, sagte Podobnik beim EU-Umweltministertreffen, das gerade in Luxemburg stattfindet. Die Atomaufsicht habe ein „falsches Formular“, nämlich eines zur Meldung von Übungen, benutzt. Der Fehler sei „binnen Minuten“ aufgefallen und korrigiert worden.
„Die Situation ist vollständig unter Kontrolle, und es gibt keine Auswirkung auf die Umwelt oder auf Menschen“, versicherte Podobnik. Auch Sloweniens Innenminister Dragutin Mate sagte vor einem Treffen mit seinen EU-Kollegen in Luxemburg, es sei „nichts Problematisches“ vorgefallen. Slowenien hat noch bis Ende des Monats den Ratsvorsitz in der EU und ist nun um rasche Aufklärung bemüht.
Am Mittwoch um 16 Uhr hatte ein Techniker in dem Atomkraftwerk Krsko, 380 Kilometer Luftlinie von München entfernt, ein Leck im Kühlkreislauf des Reaktors entdeckt. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. Hektisch füllten die Mitarbeiter die Formulare der slowenischen Atomaufsichtsbehörde aus und fuhren den Reaktor herunter. Wie bei der jährlichen Notfallübung wurde jedoch statt eines „Vorfalls“ ein „Unfall“ gemeldet.
Um 17.38 Uhr erhielt ein Beamter der EU-Kommission per E-Mail die Nachricht von den slowenischen Atombehörden über den Zwischenfall. Dann ging alles ganz schnell. Der Beamte leitete die Nachricht an die zuständigen Behörden in den 27 EU-Hauptstädten weiter. Auch der Präsident der EU-Kommission und die politischen Chefberater der EU-Kommissare wurden wenige Minuten nach 18 Uhr informiert.
Nach Minuten gab Slowenien Entwarnung
Dafür sorgte das EU-weite Schnellwarnsystem Ecurie, das ein Jahr nach dem Unfall von Tschernobyl installiert wurde. Normalerweise muss dieses System zwingend aktiviert werden, wenn die nationalen Behörden aufgrund des Zwischenfalls weitreichende Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergreifen müssen. Dies war in Krsko nicht der Fall, trotzdem schlugen die Slowenen vorsorglichen Alarm.
„Vorsicht und Transparenz sind wichtig“, sagte ein Sprecher der Brüsseler Gesetzesbehörde. Deutsche und schwedische Behörden hatten bei ähnlichen Vorfällen in ihren Ländern keinen Alarm gegeben. Um 19.43 Uhr meldete die erste Nachrichtenagentur: „EU löst europaweiten Alarm nach Atomzwischenfall in Slowenien aus.“ Die Entwarnung kam schon kurz nach 20 Uhr. Ein Sprecher der EU-Kommission teilte mit: „Es ist nicht sehr schlimm.“ Wenige Minuten später gab auch Slowenien Entwarnung.
Damit ist die Aufklärung des Zwischenfalls jedoch noch nicht beendet. „Es muss unverzüglich geklärt werden, wie es zu diesem Wirrwarr an Informationen kam“, forderte Österreichs Umweltminister Josef Pröll. Die Nachbarstaaten Österreich, Ungarn und Italien waren von Slowenien über eine vermeintliche Übung informiert worden. Sie erfuhren erst von der EU-Kommission von dem europaweiten Alarm. Bei der Übermittlung der Botschaft habe seine Behörde vergessen, das Wort Übung aus dem Mailkopf zu löschen, erklärte Amtsleiter Andrej Stritar in einer Pressekonferenz.
Erster Fall für Warnsystem Ecurie
Es war das erste Mal, dass das EU-Frühwarnsystem Ecurie ausgelöst wurde, erklärte der Sprecher von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs. Ecurie umfasst die 27 EU-Staaten sowie die Schweiz. Damit soll ein Mitgliedsstaat im Fall eines „radiologischen Notfalls“ umgehend die Kommission und die betroffenen Mitgliedsstaaten unterrichten und ihnen alle wichtigen Informationen liefern. Kommt es zu einem Störfall, muss der betroffene Staat umgehend Auskunft über Art, Zeitpunkt und Ort geben und die Risiken nach Brüssel melden: Sind Lebensmittel verseucht oder das Trinkwasser, bestehen Gefahren für Mensch und Umwelt.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) beruhigte noch am Mittwochabend, Deutschland sei von dem Problem in Krsko nicht betroffen. Sein Ministerium habe aber nach dem Alarm vorsichtshalber den meteorologischen Dienst informiert und das Lagezentrum in Bonn hochgefahren. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums handelt es sich um einen als „kleineres Leck“ eingestuften Schaden. Dieser Zwischenfall hätte nach den Richtlinien des Meldesystems gar nicht europaweit gemeldet werden müssen.
Vorwürfe von Umweltschützern
Bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien wird das Leck inzwischen als „Ereignis“ der Stufe 2 in dem achtstufigen internationalen Meldesystem von nuklearen Zwischenfällen eingeordnet. In dem Bericht der slowenischen Behörden an die IAEA heißt es, pro Stunde seien drei Kubikmeter Kühlflüssigkeit ausgetreten. Unklar sei, ob derzeit noch Kühlwasser auslaufe, sagte Thomas Breuer von Greenpeace. Zugleich warf er Gabriel vor, den Zwischenfall in Krsko zunächst heruntergespielt zu haben.
Das Atomkraftwerk Krsko, das vor 31 Jahren von dem US-Konzern Westinghouse gebaut und 1984 in Betrieb genommen worden war, ist immer wieder wegen vermeintlicher Sicherheitsmängel in die Kritik geraten. Zuletzt wurde Krsko im Jahr 2000 grundlegend erneuert und 2003 wegen einer Störung vorübergehend abgeschaltet. Der aktuelle Zwischenfall soll von einem defekten Ventil ausgelöst worden sein, wie die slowenischen Behörden gestern mitteilten. Die Reparaturarbeiten würden heute durchgeführt. Am kommenden Montag könnte die Anlage wieder in Betrieb gehen, sagte Kraftwerkschef Stane Rozman und versicherte: „Alles läuft normal.“
Mitarbeit: dmt





