Morgenpost Online: Herr Professor Hurrelmann, wie tickt die Jugend von heute?

Klaus Hurrelmann: Diese Generation ist weit besser als ihr Ruf. Man kann sogar sagen: Deutschland müsste stolz sein auf diese Jugend. Es ist eine tolle Jugend. Sie ist wesentlich zielorientierter und leistungsbereiter als zum Beispiel die Jugend vor 30 Jahren. Das haben unterschiedliche Studien bewiesen.

Morgenpost Online: Warum ist der Ruf so schlecht?

Hurrelmann: In den Augen der Älteren ist die Jugend unzuverlässig, nicht leistungsorientiert und nimmt viele Drogen. Das trifft aber nur für eine kleine Gruppe zu, die natürlich durchaus ein Problem in der Gesellschaft darstellt. Die fallen aus dem Rahmen. Leider ist es aber so, dass nur die, die aus dem Rahmen fallen, Aufmerksamkeit bekommen.


WELT ONLINE: Wie leben die, auf die Deutschland stolz sein soll?

Hurrelmann: Sie sind fleißig und diszipliniert, fast ein bisschen langweilig. Eine Auflehnung oder ein Protest findet kaum statt. Auffällig ist auch, dass die Jugend sich wieder klar zu alten Werten bekennt. Die Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit wächst immer mehr. Gleichzeitig ist die Jugend sehr konstruktiv.

Morgenpost Online: Wenn es eine Sehnsucht nach alten Werten gibt: Wird die Familie dann wieder wichtig?


Hurrelmann: Das tut sie absolut. Die Jugend hat tatsächlich ein Bedürfnis nach Familie. Viele bleiben immer länger in ihrem Elternhaus. Da finden sie die Geborgenheit, die sie brauchen. Es gilt aber auch, dass der Jugend die Freiheit extrem wichtig ist. Sie wollen zwar Geborgenheit, schrecken aber vor festen Bindungen zurück.


Morgenpost Online: Warum?

Hurrelmann: Die Jugendstrecke dauert heute länger als je zuvor. Und bei diesem Prozess will die Jugend frei sein, am liebsten alles mitnehmen. Ein ganz zentrales Thema neben Partnerschaften sind Freundschaften. Die Jugend vernetzt sich wesentlich stärker als früher. Aber eines darf eben nie verloren gehen: Die Freiheit.

Morgenpost Online: Was unterscheidet die Jugend ganz konkret von der vor 30 Jahren?

Hurrelmann: Sie ist insbesondere viel konzentrierter darauf, in den Beruf zukommen. Entscheidend verändert haben sich die Frauen. Sie wollen eigentlich Kinder haben, wollen das aber mit dem Beruf vereinbaren. Das erfordert viel mehr Anstrengungen, auch schon im jungen Alter. Die, die es insgesamt nicht schaffen, sich der veränderten gesellschaftlichen Tendenz anzupassen, bleiben dagegen außen vor. Das sind jene, die in der Öffentlichkeit aufallen.

Morgenpost Online: Wie viel sind das?

Hurrelmann: Da gibt es ganz konkrete Zahlen. Neun Prozent schaffen keinen Schulabschluss. Dazu kommen weitere elf Prozent, die größte Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben. Sie sind schlichtweg überfordert. In der Gesellschaft wird eben mittlerweile viel in Zertifikaten und Abschlüssen gedacht. Die Meisten fühlen sich erheblich unter Druck gesetzt.

Morgenpost Online: Und flüchten dann in Alkohol und Gewalt.

Hurrelmann: Dieses Problem kann man nicht verharmlosen. Ganz im Gegenteil: Es hat sich sicherlich verstärkt. Und genau hier, wo es um Gewalt und Alkohol und um Perspektivlosigkeit geht, muss die Politik reagieren.

Morgenpost Online: Aber das Problem gibt es doch schon lange.

Hurrelmann: Und die Politik hat meiner Meinung nach auch teilweise schon richtig reagiert und das Thema problematisiert. Diesen Jugendlichen muss Sicherheit gegeben werden. Ein garantierter Hauptschulabschluss, so wie es schon einmal diskutiert wurde, wäre ein richtiger Schritt.

Morgenpost Online: Was ist mit dem Drogen-Problem?

Hurrelmann: Auch hier muss man klar unterscheiden. Sicherlich gibt es damit Probleme, aber die Zahlen sind in den letzten Jahren eher zurückgegangen. Im internationalen Vergleich ist Deutschland nicht mehr spitze, was Alkohol- und Drogenkonsum angeht. Da hat die Politik mit der Mischung von Aufklärung und Strafe schon den richtigen Ton getroffen.

Morgenpost Online: Wie wird sich die Jugend in der Zukunft entwickeln?

Hurrelmann: Das hängt ganz stark von der Arbeitswelt und der Politik ab. Wenn sie es schafft, auch diejenigen wieder zu integrieren, die Probleme haben, dann sind die Aussichten rosig. Dann wird die Generation den wachsenden Herausforderungen voll gerecht. Offen ist dagegen, inwieweit sich die Jugend künftig politisch engagieren wird. Hier ist das Engagement fast komplett weggefallen und das Interesse so niedrig wie nie. Das muss uns beunruhigen.

Klaus Hurrelmann ist seit 1980 Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Seit 1998 leitet er das Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation. Wichtigstes Arbeitsgebiet ist die Bildungsforschung. Seine Schwerpunkte sind Familien- und Jugendthemen.