Seit Freitag arbeitet das estnische Konsulat wieder, das wegen der völkerrechtswidrigen Aktion seine Tätigkeit zeitweise hatte einstellen müssen. Die weitere Arbeit des Konsulats hänge von der Sicherheitslage um die Botschaft ab, sagte der Pressesekretär der estnischen Vertretung, Franek Persidski, der Agentur Interfax. Die Situation werde aufmerksam beobachtet, „wir hoffen, dass die russische Seite ihre Verpflichtungen im Rahmen der Wiener Konvention erfüllen wird“, sagte er.
Estlands Außenminister Urmas Paet kündigte am späten Donnerstagabend in Tallinn an, dass sein Land die Belagerung der estnischen diplomatischen Vertretung in Moskau auf dem bevorstehenden Gipfeltreffen der Europäischen Union und Russlands in Samara zur Sprache bringen werde. Das Thema werde auch auf dem Außenministertreffen am 14. Mai eine Rolle spielen, sagte Paet im estnischen Fernsehen. Er beschuldigte Russland der „gröbsten Verletzung des Völkerrechts“ und forderte, Russland solle seine Einmischung in die inneren Angelegenheiten seines Landes beenden. Er glaube nicht daran, dass Russland offiziell Wirtschaftssanktionen verhängen werde, denn das wären „Sanktionen gegen die gesamte Europäische Union“, sagte er.
Die russischen Belagerer der Botschaft, vorwiegend Mitglieder der Jugendbewegungen „Naschi“ (Die Unsrigen) und der Jugendorganisation der Kreml-Partei Geeintes Russland, hatten ihre Aktion am Donnerstagabend für beendet erklärt, nachdem die estnische Botschafterin, Marina Kaljurand, Russland verlassen hatte. Die Regierung in Tallinn bestreitet einen Zusammenhang mit den Ereignissen in Moskau. Kaljurand habe einen lange geplanten zweiwöchigen Urlaub angetreten, hieß es.
Während die „Naschi“-Organisation von einem „Sieg“ spricht, stellten russische Medien am Freitag einen Zusammenhang mit der in sehr deutlichen Worten gehaltenen Erklärung der Nato-Staaten her. Darin hatten die Mitglieder des nordatlantischen Bündnisses eine unverzügliche Beendigung der Blockade gefordert. Nach den entschiedenen Tönen aus Brüssel hätten auch die Vertreter beider Kammern des russischen Parlaments sanftere Töne angeschlagen und die Aktivitäten der Jugendlichen kritisiert, schrieb die Moskauer Zeitung „Gaseta“.
Beendet sind die Feindseligkeiten damit indes noch nicht. So gab es massenhafte Hacker-Attacken auf Internetseiten der estnischen Regierung. Einige der Hacker hatten der Botschafterin Kaljurand zufolge IP-Adressen benutzt, unter denen der Kreml registriert ist. Kremlsprecher Dmitrij Peskow wies diese Beschuldigung zurück. Hacker hätten die IP-Adressen gefälscht, um einen Schatten auf die russische Führung zu werfen.
Die „Naschi“-Aktivisten haben weitere Aktionen angekündigt, „bis wir eine Entschuldigung hören“ für die Umsetzung des Kriegerdenkmals in Tallinn, „für die Beleidigung des Andenkens der Gefallenen“. Die Organisation will eine Millionen Unterschriften sammeln und damit die Demontage der estnischen Botschaft und ihre Verlegung aus dem Zentrum Moskaus an die Peripherie erzwingen.
Der SPD-Außenexperte Gert Weisskirchen befürchtet eine Eskalation durch einen symbolträchtigen Gedenktag in der kommenden Woche. „Man muss wohl fürchten, dass am 9. Mai, Tag der Befreiung vom Hitler-Faschismus, in einer anderen Form das gleiche Problem wieder aufbricht“, sagte er am Freitag im Deutschlandfunk. Möglicherweise plane die regierungstreue Organisation „Naschi“ längerfristige Proteste gegen Estland. Die Spannungen hatten am Donnerstag erstmals etwas nachgelassen. Einem Zeitungsbericht zufolge hatte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in dem Konflikt vermittelt.
In der estnischen Hauptstadt Tallinn hatte die Umsetzung eines sowjetischen Kriegerdenkmals zu schweren Konflikten mit russischstämmigen Jugendlichen geführt. In Estland wird das umstrittene Denkmal als Symbol der sowjetischen Besatzung gesehen. Die russischen Demonstranten begründeten ihren Protest damit, dass mit der Umsetzung die Erinnerung an die hohen Verluste der Roten Armee im Kampf gegen Hitler-Deutschland beschmutzt werde, für die auch der 9. Mai ein wichtiges Gedenkdatum ist.
Die Entspannung kam laut "Financial Times Deutschland" durch Außenminister Frank-Walter Steinmeiers Vermittlung zu Stande. Der Plan, die Lage durch die Abreise der Botschafterin zu entschärfen, sei in einem Telefonat Steinmeiers mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow entwickelt worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise. Allerdings habe die estnische Regierung politische Gründe für den Urlaub bestritten.


