Der junge Brite mit seinem Schutzhelm auf dem Kopf und den Steigeisen an den Schuhen klebt in zwölf Metern Höhe am Betonpfeiler eines Strommastes. Über ihm und am Mast daneben hängen heruntergelassene Stoffbanner. "Befreit Tibet“ steht darauf, in Englisch und auf Chinesisch.


In Anlehnung an das Olympiamotto heißt es auf dem zweiten Banner auf Englisch: "Eine Welt, eine Traum – Befreit Tibet“. Über ein Mobiltelefon berichtet er einem ihn filmenden Fernsehjournalisten von seinem Protest gegen "Chinas Unterdrückung in Tibet“.

Ian Thom aus Edinburgh, wie er sich über Handy im Gespräch mit den BBC-Reportern zu erkennen gab, gehört mit zwei weiteren jungen Männern und einer Frau der New Yorker Initiative "Studenten für ein freies Tibet“ an. Die Briten und Amerikaner seien als Touristen eingereist, verbreitete Pekings Polizei über die Nachrichtenagentur Xinhua und bestätigte die Festnahme. Grund: die öffentliche Verbreitung der Parole "Befreit Tibet“.

Die vier seien um 5.47 Uhr morgens angekommen. Die beiden Männer seien auf die Masten gestiegen. Zwölf Minuten später sei die Polizei vor Ort gewesen und habe sie überredet, herunterzuklettern. Die herbeigerufene Feuerwehr holte die Transparente mit Leitern herab. Sun Weide, Sprecher des Olympia-Organisationskomitees (Bocog) verurteilte die Aktion: "Wir sind dagegen, die Spiele zu politisieren.“

Behörden reagieren routiniert – nach außen

Pekings Behörden, die den Vorfall nicht verschwiegen und am Mittwoch auch keine Web-Seiten sperrten, reagierten nach außen routiniert. Auf Proteste aller Art seien sie eingestellt, ließen sie einst bekannt geben. Sie hätten sie in Planspielen eingeübt.

Im August letzten Jahres erlebten sie solche Proteste zuhauf. Damals gelang es Menschenrechts- und Tibet-Initiativen, Transparente von Brückengeländern herabzulassen und auch an der Großen Mauer auszuhängen; sogar Journalisten wurden schon vorab medienwirksam über die Proteste verständigt. Nach ein oder zwei Tagen wurden die Aktivisten abgeschoben.

Auch den vier zwischen 23 und 34 Jahre alten Tibet-Aktivisten dürfte es nicht anders ergehen, zumal sich der Fall vor den Augen des IOC in Peking abspielte. Dieses forderte die Behörden auf, "rational und vernünftig“ zu reagieren. Zudem fliegen ab heute Dutzende westliche Staatschefs ein, darunter der Großclan des US-Präsidenten George W.Bush.


Er bringt neben seiner eigenen Familie auch noch Bruder, Schwester und Ex-Präsident und Vater Bush senior mit. Bush kündigte an, auch Fragen der Menschenrechte und der Religionsfreiheit diskutieren zu wollen – die Tibet-Frage eingeschlossen.


Die Demonstration der jungen, englisch-amerikanischen Protestler kam am Mittwoch nicht allein. Drei US-Aktivisten demonstrierten gegen Abtreibungen mit einem Sit-in auf dem Tiananmen-Platz vor dem Geschichtsmuseum. Die Polizei hätte sie nach 30 Minuten überzeugt, den Platz zu verlassen, schrieb Xinhua.

Ähnlich erging es einer chinesischen Tierschutzinitiative, die innerhalb des Olympiageländes für ihr Anliegen warb. Am Tag zuvor hatten chinesische Demonstranten an zwei Stellen Pekings gegen ihre Hausenteignungen öffentlich protestiert.

Krisensitzung der Anti-Terror-Behörde

Trotz der harmlosen Vorfälle sollen die Anti-Terror-Behörden gestern Abend noch zu einer Krisensitzung zusammengetreten sein. Zwei Tage vor Beginn ereignen sich zu viele Zwischenfälle in Hochsicherheitszonen und nicht „irgendwo in Peking“. Die Strommasten standen bei der Beichen-Straßenbrücke in Sichtweite des Nationalstadions, wo am Freitag über 80 Staatsführer zusammenkommen.

Pekings massive Sicherheitsmaßnahmen, die Videoüberwachung und das Heer der als Aufpasser verpflichteten Freiwilligen konnten die Proteste der Ausländer weder vorab erkennen noch durch Abschreckung verhindern: Für die Behörden sei das ein schwerer Gesichtsverlust, meint ein Rechtsexperte, da sie "andere Optionen als totale Kontrolle – etwa eine Liberalisierung des Demonstrationsrechts“ nicht akzeptieren.

Wie effektiv die Sicherheitsvorkehrungen dagegen bei den eigenen Landsleuten greifen, verriet am Mittwoch die Zeitung der Volkspolizei "Renmin Gonganbao“. Für die Sicherheit der Olympischen Spiele seien landesweit Kontrollen verschärft und mehr Abwehrkräfte gegen Terrorismus mobilisiert worden.


Das zahle sich aus. Dadurch wurden auch sehr viele gesuchte verdächtige Kriminelle gefasst. Allein zwischen dem 1.Juli und dem 3. August, als die Maßnahmen deutlich verschärft wurden, nahm die Polizei 55.103 mutmaßliche Verbrecher fest, darunter 4.144 wegen Kapitalverbrechen Gesuchte.