Die russische Armee hat nach eigenen Angaben die Provinzhauptstadt der abtrünnigen georgischen Region Südossetien Zchinwali unter Kontrolle. Russische Soldaten hätten die Stadt "völlig befreit“, meldeten russische Medien unter Berufung auf das russische Militär. Eine Bestätigung gab es nicht.


Russische und georgische Truppen lieferten sich am Morgen weiter heftige Gefechte in der abtrünnigen georgischen Region Südossetien. Laut einer südossetischen Regierungssprecherin konzentrierten sich die georgischen Artillerieangriffe auf die Hauptstadt Zchinwali. Die russische Armee startete nach eigenen Angaben einen Gegenangriff. Tiflis berichtete von russischen Luftangriffen bis weit in georgisches Kerngebiet hinein. Alle internationalen Aufrufe zu einem Ende der Gewalt verhallten ungehört. Ein georgischer Vertreter kündigte die baldige Ausrufung des Kriegsrechts an. Der UN-Sicherheitsrat vertagte sich auf Samstag.


Bereits am Freitag hatte der Konflikt um die abtrünnige georgische Region kriegsähnliche Ausmaße angenommen. Nach einer nächtlichen georgischen Militäroffensive kam es zu heftigen Gefechten zwischen georgischen und russischen Truppen sowie südossetischen Kämpfern. Der Präsident des nach Unabhängigkeit strebenden Gebiets, Eduard Kokojty, sprach am Abend von mehr als 1400 Toten – überprüfen ließ sich diese Zahl allerdings zunächst nicht. Nach Angaben anderer Quellen starben mindestens 1500 Menschen. Die russische Armee sprach am Samstag von bislang 15 getöteten Friedenssoldaten, Georgien von mehr als 30 gefallenen georgischen Soldaten.

Die Hauptstadt mit ihren rund 20.000 Einwohnern sei „beinahe vollkommen“ durch georgischen Beschuss zerstört, berichtete Interfax. Fernsehbilder aus Zchinwali zeigten brennende Panzer sowie immer wieder Frauen und Kinder, die in Panik Schutz suchten. Eine Sprecherin vom Komitee des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) sprach von chaotischen Zuständen: Die Krankenhäuser seien hoffnungslos überfüllt, operiert werde in den Fluren.

Russland und Georgien machten sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich. Der georgische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Irakli Alasania, warf den russischen Truppen vor, eine Militäroffensive gegen ganz Georgien gestartet zu haben. Der Sekretär des georgischen Nationalen Sicherheitsrats, Alexander Lomaja, berichtete von russischen Angriffen auf die „zivile und wirtschaftliche Infrastruktur“ seines Landes. Russische Flugzeuge hätten unter anderem die Hafenstadt Poti, den Flughafen in Senaki sowie einen Eisenbahnknotenpunkt bombardiert, sagte er. Sicherheitshalber seien der Präsidentensitz in Tiflis sowie weitere Regierungsgebäude evakuiert worden. Präsident Saakaschwili sei an einem sicheren Ort untergebracht.

Saakaschwili habe bereits das unterschriftsreife Kriegsrechts-Dekret auf seinem Schreibtisch liegen, berichtete Lomaja am Abend. „Ich glaube, er wird es in den nächsten Stunden unterschreiben“.

Die USA und die EU riefen beide Seiten zum sofortigen Ende der Kämpfe auf. UNO, EU sowie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kündigten die Entsendung gemeinsamer Vermittler nach Georgien vor. In New York konnte sich der UN-Sicherheitsrat auch bei einem zweiten Anlauf auf keine gemeinsame Erklärung einigen. Nach Angaben des derzeitigen Ratsvorsitzenden, des belgischen UN-Botschafters Jan Grauls, vertagte das Gremium seine Beratungen auf Samstag. "Einige Mitglieder brauchen noch etwas Zeit“, sagte Grauls.

Laut dem amerikanischen UN-Botschafter Zalmay Khalilzad scheiterten die Beratungen unter anderem an der Forderung seines russischen Kollegen Witali Tschurkin nach einer Wiederherstellung des „Status quo“ in Südossetien vor Beginn der georgischen Offensive. Tschurkin beschuldigte „einige Mitglieder des Sicherheitsrats“, die georgischen Angriffe auf Südossetien stillschweigend geduldet zu haben.

Südossetien hatte sich in einem Krieg Anfang der 90er-Jahre von Georgien gelöst. Ebenso wie das abtrünnige Abchasien gehört die Bergregion völkerrechtlich weiter zu Georgien, wird jedoch wirtschaftlich von Russland unterstützt.

AFP/dpa/ras