Der als Kriegsverbrecher angeklagte frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic hat bei seinem ersten Auftritt vor dem UN-Tribunal für das frühere Jugoslawien gegen seine Verhaftung protestiert. „Ich wurde in Belgrad unrechtmäßig festgenommen“, sagte Karadzic vor dem Gericht in Den Haag. Er sei drei Tage lang entführt gewesen. „Mir wurde kein Recht auf einen Telefonanruf oder auch nur eine SMS eingeräumt“, beklagte er.

Zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen äußerte er sich nicht. Karadzic werden Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 zur Last gelegt. Er verwies auf die Ankündigung von Chefankläger Serge Brammertz, dass die Anklage noch überarbeitet wird. Erst dann wolle er zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Der Richter berief eine weitere Sitzung für den 29. August ein.

Über Kopfhörer hörte sich Radovan Karadzic konzentriert die Übersetzung der Fragen des niederländischen Richters Alphons Orie an. Dann antwortete er mit fester Stimme: „Ich habe mich entschieden, meine Verteidigung selbst zu übernehmen.“ Der 63-Jährige trat mit geschnittenen, grauen Haaren, frisch rasiert und in einem blauen Anzug mit Krawatte auf. Er brauche keinen Verteidiger, er habe einen "unsichtbaren Berater“, verkündete der mutmaßliche Kriegsverbrecher selbstbewusst dem Richter in der roten Robe.


Zudem nehme er sich 30 Tage Bedenkzeit, um die Frage nach seiner Schuld zu beantworten, kündigte der frühere bosnische Serbenführer an. Als er eine vierseitige Erklärung über angebliche Versprechen der USA verlesen wollte, verwies der Richter auf spätere Sitzungen nach dem offiziellen Prozessbeginn. Einige heikle Details werden vermutlich dann noch zur Sprache kommen. Es wird nicht nur um Karadzics Schuld gehen, sondern auch darum, warum es dem Westen nicht gelang, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher frühzeitig festzunehmen. Auch auf Details über die Jahre seines unbehelligten Lebens als rauschebärtiger Alternativmediziner wartet die Weltöffentlichkeit.

„Er ist ein Politiker, ein Poet, er mag es, im Mittelpunkt zu stehen“, sagt die Völkerrechts-Expertin Heikelina Verrijn-Stuart. „Er wird versuchen, seine Rolle als Angeklagter dazu zu nutzen zu erzählen, wie er 13 Jahre einer Festnahme entgehen konnte.“ Und zumindest in der ersten Zeit, so die Ansicht vieler Experten, hätte der Westen den mutmaßlichen Kriegsverbrechen fassen können. Bis 1997 bewegte sich Karadzic in seiner Hochburg Pale nahe Sarajevo völlig frei, vor den Augen tausender NATO-Soldaten.

Der bosnischen Serbenführer sei zwischen seinem Hauptquartier und seiner Villa hin- und hergependelt, ohne dass die NATO ihn festgenommen habe, sagt Florence Hartmann, die Sprecherin der zum Jahreswechsel abgetretenen UN-Chefanklägerin Carla del Ponte. Angeblich soll der damalige US-Vermittler Richard Holbrooke Karadzic versprochen haben, ihn nicht an das UN-Tribunal zu überstellen, wenn er von der politischen Bühne verschwinde. Holbrooke widersprach dieser Darstellung inzwischen.


„Karadzic hat immer gesagt, dass er bei seiner Festnahme etwas über die Versprechungen zu sagen habe, die der Westen im Zusammenhang mit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 gemacht haben soll“, sagt Hartmann. Del Ponte selbst hat bereits heftige Vorwürfe gegen den Westen erhoben. Die USA haben wiederholt bestritten, den mutmaßlichen Kriegsverbrecher damals laufen gelassen zu haben. Auch Frankreich, das kurz vor dem Dayton-Abkommen die Freilassung von zwei seiner Piloten aus serbischen Händen erreichte, weist die Vorwürfe von sich.

Neben der Rolle des Westen wird auch erwartet, dass sich Karadzic zu seinem Verhältnis zu dem früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic äußert. „Karadzic wird sicher versuchen, einige Dinge auf dem Rücken Milosevics abzuladen“, vermutet Verrijn-Stuart. Die Beziehung zwischen dem bosnischen Serbenführer und seinem Mentor hatte sich deutlich verschlechtert, als Milosevic im August 1994 einen westlichen Friedensplan unterzeichnen wollte, um die internationalen Sanktionen gegen Belgrad zu lockern. Karadzic lehnte den Plan ab, daraufhin brach Milosevic die Verbindung ab und schloss die Grenzen zum bosnischen Serbengebiet.

Elf Anklagepunkte stellte das Haager UN-Tribunal zusammen, sie beziehen sich auf Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diesmal werde die Beweisführung einfacher als gegen Milosevic sein, glaubt Verrijn-Stuart. Karadzic sei am Ort der Kampfhandlungen gewesen. „Er hat viel geschrieben, im Parlament und im Fernsehen gesprochen und dort seine Politik dargelegt.“

AFP/Reuters/dpa/ras