Nach einem gewonnenen Spiel der Fußball-Nationalelf steigt die empfundene Lebensqualität der Deutschen deutlich an. Dies belegen Daten des renommierten Sozio-oekonomischen Panels (Soep), das jährlich mehr als 20.000 Bundesbürger befragt, um stets ein aktuelles und differenziertes Bild der Gesellschaft zeichnen zu können. Professor Gert Wagner, Leiter des Soep, präsentierte gestern in Berlin Forschungsergebnisse, die mit einer Reihe von Vorurteilen aufräumen.
So droht hierzulande keinesfalls eine zunehmende Individualisierung und Vereinsamung. Tatsächlich verbringen die Deutschen heute nicht weniger, sondern deutlich mehr Zeit miteinander als früher. Der Hang zur Geselligkeit hat insbesondere in den letzten Jahren zugenommen, wobei dieser Trend allerdings im Westen der Republik noch ausgeprägter ist. Falsch ist auch das Vorurteil, die Deutschen würden sich weniger sozial engagieren.
Das Gegenteil ist richtig. In den letzten Jahren, das zeigen die Soep-Analysen, haben sich die Menschen hierzulande immer öfter gegenseitig geholfen. Mehr und mehr Menschen, vor allem auch Ältere, engagieren sich ehrenamtlich. Allein in Westdeutschland ist die Zahl der über 50-Jährigen mit einem Ehrenamt in den vergangenen 20 Jahren von 20 auf über 30 Prozent gestiegen. Keinesfalls also entwickelt sich Deutschland hin zu einer emotional kalten Gesellschaft von Egoisten. Ebenfalls als Mär entlarven Soep-Forscher die Behauptung, dass die Deutschen körperlich immer passiver würden und allmählich zu Couch-Potatoes degenerierten. Tatsächlich treiben rund 65 Prozent der Mittdreißiger Sport und immerhin noch 25 Prozent der über 70-Jährigen.
Weitere Entwicklungen, die sich aus den langjährigen Datenreihen der Soziologen herauslesen lassen: Die deutschen Männer übernehmen einen immer größeren Anteil der Hausarbeit – inzwischen immerhin gut ein Viertel. Und: Die politischen Ansichten von Ehepartnern gleichen sich im Laufe der Zeit immer stärker an, selbst wenn sie am Anfang der Beziehung sehr weit auseinanderlagen.
Das Glücksempfinden der Deutschen wird sehr viel stärker durch private Ereignisse und Entwicklungen beeinflusst als durch äußere, etwa konjunkturelle oder politische Faktoren. Einen kollektiven und nachhaltigen Sprung der Stimmung im Lande nach oben konnten indes die Forscher ausmachen: Ausgelöst wurde er durch die deutsche Wiedervereinigung.
Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) würdigte gestern anlässlich des bevorstehenden 25-jährigen Bestehens des Soep nicht nur die positive Wirkung des Fußballs auf die Stimmung im Lande, sondern auch die exzellente wissenschaftliche Arbeit des Soep, das seit 1989 von Gert Wagner, Professor für Wirtschaftsforschung an der Technischen Universität Berlin, geleitet wird. Die Finanzierung der Forschung leisten zu zwei Dritteln der Bund, zu einem Drittel die Länder.




