Droht uns wieder ein harter Winter, der Deutschlands Gasreserven strapaziert? Oder wird es gar milder als im vergangenen Jahr? Diplom-Meteorologin Renate Molitor von wetter.com gibt ihre Einschätzung zum bevorstehenden Winter in Deutschland ab.

Frau Molitor, müssen wir uns auf einen harten, vielleicht sogar extremen Winter einstellen?

Renate Molitor: Nach heutigem Stand eher das Gegenteil. Die Modelle zeigen für Dezember bis Februar im Schnitt 0,5 bis 1,5 Grad mehr als im langjährigen Mittel, dazu mehr Niederschlag – in hohen Lagen eher als Schnee, im Flachland meist als Regen.

Wetter im Winter: Expertin erwartet viel Niederschlag

Woher stammen diese Zahlen, und wie sehen sie im Detail aus?

Grundlage sind saisonale Vorhersagen des EU-Programms Copernicus. Für Dezember liegt die erwartete Abweichung bei 0,5 bis 1,5 Grad über dem langjährigen Mittel, für Januar bei 0,5 bis 1,0 Grad, für Februar nur noch bei 0,25 bis 0,5 Grad. Beim Niederschlag rechnen die Modelle mit 5 bis 10 Litern mehr pro Quadratmeter, besonders im Süden Deutschlands.

Was steckt dahinter, dass der Winter milder und nasser werden könnte?

Das hängt mit der Erwärmung des globalen Nordens zusammen: Dadurch nimmt der Temperaturunterschied zwischen Nord und Süd ab. Das schwächt den Jetstream – das Starkwindband, das unser Wetter sonst zügig weiterschiebt. Wetterlagen bleiben dadurch länger liegen, mal länger mild und nass, mal länger eisig und trocken.

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Am 1. Dezember ist meteorologischer Winteranfang: Doch steht Deutschland in diesem Jahr ein milder oder harter Winter bevor? Das sagt eine Meteorologin.© Shutterstock / Volodymyr Burdiak | Volodymyr Burdiak

Wettervorhersage: Meteorologin schätzt Wirkung von El Niño ein

Einige Wetterportale prognostizieren einen Einfluss des El-Niño-Ausbruchs auf unser Wetter in Europa. Spielt das eine Rolle in Deutschland?

Das würde ich nicht überbewerten. El Niño ist ein Klimaphänomen im Pazifik. Dieser wirkt sich auf die obere Atmosphäre aus und es kommt zu Veränderungen der planetaren Wellen, die dann auch das Zirkulationsmuster auf der Nordhalbkugel beeinflussen. Aber dazu fehlt uns noch viel Evidenz.

Für die meisten Leser zählt eher das Wetter vor der eigenen Haustür. Worauf müssen wir uns im Alltag einstellen, etwa auf der Straße?

Ganz persönlich: Meinen dicken, selbstgestrickten Schal von vor 16 Jahren brauche ich kaum noch – eisige Perioden werden seltener. Tückisch bleibt Glätte trotzdem: Regnet es tagsüber und klart die Nacht auf, gefriert die Nässe auf der Straße. Vorsicht also bei Tagesregen und klarer Nacht – schwerer zu erkennen als bei Schnee.

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Wie ordnet sich das im Vergleich zum vergangenen Winter ein? War der nicht auch schon mild?

Ja. Laut DWD war der vergangene Winter spürbar zu mild, deutlich zu trocken und überdurchschnittlich sonnig – ein klassischer „zu warm, zu trocken“-Winter, wenn auch nicht extrem. Ob der bevorstehende noch milder wird, zeigen erst die Messwerte im Nachhinein.

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Können wir uns also schon auf einen milden Winter verlassen, oder kann sich noch viel ändern?

Verlassen würde ich mich darauf nicht. Der meteorologische Winter beginnt am 1. Dezember, ein wenig einschätzen lässt sich das konkrete Wetter aber erst maximal 12 Tage vorher – dafür ist die Atmosphäre einfach zu komplex. Fest steht nach heutigem Stand nur so viel: Der bevorstehende Winter wird voraussichtlich milder und niederschlagsreicher als im langjährigen Mittel – das heißt aber nicht, dass es nicht auch einzelne Tage geben kann, an denen es eiskalt und trocken ist.