Es klingt wie ein ungewöhnliches Experiment aus einem Meeresbiologie-Labor: In der nördlichen Adria sollen bis Ende August bis zu 150.000 junge Kraken ausgesetzt werden. Ihr Auftrag: Jagd auf die blaue Krabbe, die sich in den vergangenen Jahren massiv
ausgebreitet hat und in Teilen der italienischen Küstengewässer zur Plage geworden ist.

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Hinter dem Versuch steht das Projekt „Octo-Blu“, das die Region Emilia-Romagna gemeinsam mit der Universität Bologna durchführt. Die ersten Freisetzungen haben bereits begonnen. Zwischen den Badeortschaften Riccione und Cesenatico werden die Tiere ins Meer entlassen.

Kraken als natürliche Feinde: Forscher setzen auf langarmige Räuber

Die blaue Krabbe stammt ursprünglich von den Küsten Amerikas und breitet sich inzwischen auch im Mittelmeer stark aus. Sie macht Muschelzuchten zu schaffen, verdrängt heimische Krabben und kann mit ihren kräftigen Scheren sogar Fischernetze beschädigen. Die Forscher setzen deshalb auf einen Räuber, der in der Adria bereits heimisch ist: den Kraken. „Wir haben festgestellt, dass der Krake ein sehr starker Räuber von Krebstieren ist, insbesondere der blauen Krabbe“, sagt der Meeresbiologe Antonio Casalini, der an dem Projekt beteiligt ist. Bereits 2025 wurden zunächst die Fortpflanzung der blauen Krabbe und ihre Ernährung untersucht. Im zweiten Projektjahr konzentrierten sich die Forscher auf das Jagdverhalten des Kraken.

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Im Juni wurden mehrere Tausend sogenannte Paralarven bei Riccione freigesetzt. Dabei handelt es sich um frisch geschlüpfte Kraken, die nur wenige Millimeter groß sind. Im August folgten vor Cesenatico rund 40.000 weitere Tiere. Bis Ende des Monats soll ihre Zahl auf insgesamt 100.000 bis 150.000 steigen. Das Experiment sorgt allerdings auch für Kritik. Gegner befürchten, dass die Freisetzung einer großen Zahl von Tieren das empfindliche Ökosystem der Adria verändern könnte.

Gefahr für Ökosystem? Forscher geben Entwarnung

Die Forscher weisen diese Bedenken zurück. Der Krake sei in den Gewässern der Romagna bereits heimisch und werde dort auch in großen Mengen gefischt. Eine dauerhafte Ausbreitung sei wegen seiner vergleichsweise kurzen Lebenszeit von durchschnittlich etwa zwei Jahren nicht zu erwarten. „Dieses Projekt wird das marine Ökosystem nicht verändern“, erklärt Casalini. Der Krake sei auch vor der Küste der Romagna bereits heimisch und an die Umwelt angepasst.

Orcas, Haie und Tiere im Meer

Zudem habe er eine vergleichsweise kurze Lebensdauer, sodass keine Gefahr bestehe, dass er sich selbst massenhaft ausbreite. Zwar fresse der Krake viele Krebstiere, räumt Casalini ein. Doch wenn es gelinge, insbesondere die Zahl der Weibchen der blauen Krabbe zu verringern, würde sich auch deren schädlicher Einfluss auf das Ökosystem deutlich reduzieren.

Die Hoffnung der Wissenschaftler ist deshalb klar: Die Kraken sollen vor allem die Population der blauen Krabben eindämmen, bevor diese noch größeren Schaden anrichtet. Besonders wichtig seien dabei die Weibchen der eingeschleppten Art. Gelinge es, deren Zahl zu reduzieren, könne sich auch die Ausbreitung der blauen Krabbe deutlich abschwächen. Ob die ungewöhnliche biologische Waffe tatsächlich funktioniert, muss nun das Meer zeigen.