Ein Buckelwal taucht aus dem Wasser auf, hebt seine Schwanzflosse – und löst damit eine wissenschaftliche Sensation aus. Denn die markante Zeichnung auf der Unterseite seiner Fluke, einzigartig wie ein Fingerabdruck, war zuvor bereits in Datenbanken erfasst worden: zuletzt im Jahr 2003, mehr als 15.000 Kilometer entfernt vor der Küste Brasiliens.

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22 Jahre, keine einzige dokumentierte Sichtung – und dann plötzlich Australien. Was zunächst wie ein Datenbankfehler wirkte, wurde nun von einem internationalen Forschungsteam als Weltrekord bestätigt. Der Wal legte die längste jemals dokumentierte Strecke zwischen zwei Sichtungen desselben Buckelwals zurück – und absolvierte damit eine der bemerkenswertesten Tierreisen, die je wissenschaftlich nachgewiesen wurden. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift „Royal Society Open Science“.
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Weltrekord: Längste Buckelwal-Reise dokumentiert
Möglich wurde die Entdeckung durch Zehntausende Fotografien. Stephanie Stack, Doktorandin an der Griffith University und Co-Erstautorin der Studie, verglich gemeinsam mit ihrem Team 19.283 Flukenfotos, die zwischen 1984 und 2025 an der Ostküste Australiens und vor Lateinamerika aufgenommen worden waren – von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ebenso wie von Bürgerforschenden über die globale Plattform Happywhale.
Die Plattform nutzt einen KI-gestützten Bilderkennungsalgorithmus, der Walfotos ähnlich wie eine Gesichtserkennung analysiert. Jede mögliche Übereinstimmung wurde anschließend zusätzlich manuell überprüft. Das Ergebnis: zwei Wale, deren Reisen alle bisherigen Rekorde übertreffen – darunter das Tier, das die bislang längste dokumentierte Strecke zurücklegte. „Diese Wale wurden im Abstand von Jahrzehnten, von unterschiedlichen Menschen, in entgegengesetzten Teilen der Welt und getrennt durch zwei verschiedene Ozeane fotografiert – und dennoch können wir ihre Reise nachvollziehen“, sagte Stack.

Ozeanüberquerungen sind bei Walen außergewöhnlich
Der erste Wal wurde 2003 an der Abrolhos Bank vor der Küste des brasilianischen Bundesstaates Bahia fotografiert – Brasiliens wichtigstem Fortpflanzungsgebiet für Buckelwale – inmitten einer Gruppe von neun Tieren. 22 Jahre später tauchte er allein in Hervey Bay auf. 15.100 Kilometer Luftlinie – ein Weltrekord. Der zweite, weniger extreme Fall betrifft einen Wal, der 2007 und 2013 in Hervey Bay gesichtet wurde, bevor er 2019 vor São Paulo auftauchte – eine Distanz von etwa 14.200 Kilometern, ungefähr so weit wie von Sydney nach London.
Was die Forschenden begeistert, wirft zugleich neue Fragen auf. Denn einer der Nachteile der Fotoidentifikation sei, dass man nur zwei Punkte habe, wie Stack gegenüber lokalen Medien einräumte. „Wir wissen, wo es angefangen hat, und wir wissen, wo es geendet hat – aber wir wissen nichts darüber, was dazwischen passiert ist.“ Welche Route die Wale nahmen, ob sie direkt schwammen oder über Jahre hinweg andere Gewässer durchquerten – all das bleibt offen. Die tatsächlich zurückgelegte Strecke könnte die Luftliniendistanz sogar deutlich übersteigen.
Fest steht für die Wissenschaft jedoch: Solche Ozeanüberquerungen kommen selten vor. In mehr als vier Jahrzehnten Forschungsdaten mit fast 20.000 identifizierten Einzelwalen wurden lediglich diese beiden Tiere gefunden – gerade einmal 0,01 Prozent aller erfassten Individuen.
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Neue Erkenntnisse und offene Fragen zur Walroute
Selten bedeutet jedoch nicht unbedeutend. „Trotz ihrer Seltenheit sind diese Austausche für die langfristige Gesundheit der Walpopulationen bedeutsam“, betonte Stack. Einzelne Tiere, die zwischen weit voneinander entfernten Gebieten wechseln, könnten dazu beitragen, die genetische Vielfalt über Populationen hinweg zu erhalten – und möglicherweise sogar neue Gesangsstile von einer Region in eine andere zu übertragen. Buckelwal-Gesänge verbreiten sich kulturell über ganze Ozeanbecken hinweg, ähnlich wie Musiktrends in menschlichen Gesellschaften.
Die Forschenden sehen in den Funden zudem eine Bestätigung der sogenannten „Südpolarmeer-Austausch-Hypothese“. Demnach begegnen sich Buckelwale verschiedener Populationen gelegentlich in gemeinsamen antarktischen Nahrungsgebieten und folgen auf dem Rückweg einem anderen Migrationspfad – wodurch sie dauerhaft in einem neuen Fortpflanzungsgebiet landen können. Klimabedingte Veränderungen im Südpolarmeer, darunter schwindende Meereisflächen und eine veränderte Verteilung des antarktischen Krills – der Hauptnahrung der Wale –, könnten solche Ortswechsel künftig wahrscheinlicher machen.







