Bereits in der Vergangenheit wurden Zweifel daran geäußert, ob es sich beim Raknehaugen, der als größter Grabhügel Skandinaviens gilt, tatsächlich um eine Begräbnisstätte oder gar um das Grab eines Königs handelt, da eindeutige Bestattungsnachweise fehlen. Eine aktuelle Studie unter der Leitung von Lars Gustavsen kommt zu dem Ergebnis, dass der Hügel vermutlich eine andere Funktion erfüllte. Demnach könnte seine Errichtung als Reaktion auf eine verheerende Katastrophe erfolgt sein.

Der legendäre Raknehaugen: Zweifel am Grabhügel

Der Raknehaugen in Ullensaker in der Region Akershus, etwa 40 Kilometer von Oslo entfernt, zählt zu den bedeutendsten archäologischen Fundstätten Norwegens. Mit einer Höhe von etwa 15 Metern und einem Durchmesser von rund 77 Metern besitzt der Hügel eine außergewöhnliche Dimension. Bereits in den Jahren 1869 und 1870 wurde er durch den Altertumsforscher Anders Lorange untersucht, ohne dass Hinweise auf eine Bestattung nachgewiesen werden konnten. Auch spätere Ausgrabungen in den Jahren 1939 und 1940 unter der Leitung von Sigurd Grieg erbrachten keine entsprechenden Befunde.

Der Überlieferung zufolge soll in diesem Hügel ein legendärer König gemeinsam mit zwei weißen Pferden bestattet worden sein, doch ließ sich diese Annahme archäologisch bislang nicht belegen. Im Rahmen detaillierter Analysen wurden zwar menschliche Überreste einer Person im Alter zwischen 20 und 40 Jahren identifiziert, jedoch datieren diese mittels Radiokarbonmethode auf einen Zeitraum zwischen 1391 und 1130 v. Chr. und liegen damit deutlich vor der Errichtung des Hügels.

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Vor diesem Hintergrund initiierte Lars Gustavsen weiterführende Untersuchungen mittels LiDAR Scans, die Hinweise auf ein mögliches katastrophales Naturereignis im Zusammenhang mit der Anlage liefern könnten. Die Ergebnisse im Rahmen einer Studie im „European Journal of Archaeology“ veröffentlicht.

Hügel als eine Reaktion auf eine Naturkatastrophe

Entgegen früheren Annahmen deutet vieles darauf hin, dass es sich beim Raknehaugen nicht um ein repräsentatives Grabmonument, sondern vielmehr um eine rituelle Anlage handelt, die als Reaktion auf eine Naturkatastrophe errichtet wurde. Diese Interpretation basiert auf der Auswertung von LiDAR Daten, wie Lars Gustavsen beschreibt. Dabei konnten die Spuren eines etwa 3,8 Kilometer langen prähistorischen Erdrutsches identifiziert werden, der im heutigen Landschaftsbild kaum noch erkennbar ist.

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Auch die Analyse des verbauten Holzes stützt diese Deutung. Frühere Bewertungen der Bauweise fielen kritisch aus, da die Konstruktion als wenig sorgfältig beschrieben wurde. Die Datierung weist auf eine Errichtung zwischen 536 und 660 n. Chr. hin. Im Rahmen der aktuellen Untersuchung richtete sich der Fokus auf die Beschaffenheit des Holzes, das unter anderem abgebrochene Stämme und mitsamt Wurzeln herausgerissene Bäume umfasst, die offenbar innerhalb eines kurzen Zeitraums gefällt wurden. Diese Merkmale sprechen dafür, dass es sich um Material handelt, das infolge des Erdrutsches in Bewegung geraten war.

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Im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen in Norwegen, die sich durch erhöhte Niederschläge und sinkende Temperaturen auszeichneten, könnte ein stark durchnässter Lehmboden den Auslöser für dieses Ereignis dargestellt haben. Vor diesem Hintergrund interpretiert Gustavsen die Errichtung des Hügels als einen rituellen Versuch, eine Katastrophe zu bewältigen. Die Studie legt somit nahe, Hügelanlagen verstärkt als Ausdruck sozialer und ritueller Praktiken zu betrachten und nicht ausschließlich als Begräbnisstätten zu verstehen.

Vergleichbare Reaktionsmuster lassen sich auch in anderen Kulturen beobachten. So errichtete das Volk der Nuer im Sudan im 19. Jahrhundert nach Epidemien wie Pocken und Rinderpest ähnliche Strukturen, die als kulturelle Antwort auf Krisensituationen interpretiert werden können.