Sind die Kinder unverletzt? Sind sie im Haus ihrer Mutter in Hamburg? Mit diesen Fragen im Kopf fahren Hamburger Polizisten und eine Mitarbeiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) zur Adresse von Christina Block. Wenige Tage zuvor waren die damals zehn und dreizehn Jahre alten Kinder der Hamburger Unternehmerin und ihres Ex-Mannes Stephan Hensel aus dessen Obhut in Dänemark nach Deutschland entführt worden – jetzt soll geklärt werden, ob sie bei ihrer Mutter sind.

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Bei Ankunft an Blocks Adresse im Hamburger Norden tritt eine Mitarbeiterin eines Sicherheitsdienstes hervor, fragt nach dem Anliegen der Beamten. Man wolle kooperieren, sagt sie – auch ihre Kollegen seien bewaffnet. So erzählt es später, an diesem 39. Verhandlungstag, der Leiter der Ermittlungsgruppe als Zeuge vor Gericht.

Prozess gegen Christina Block: Polizistin sollte Kinder „nicht ansprechen“

In diesem Prozess vor dem Landgericht Hamburg muss sich die Hamburger Unternehmerin Christina Block mit sechs weiteren Angeklagten verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, die Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder, Klara und Theo, in Auftrag gegeben zu haben. Sie bestreitet die Vorwürfe. Die Kinder wurden in der Nacht auf Neujahr 2024 von mehreren maskierten Männern auf einen Hof nach Süddeutschland verschleppt. Im dänischen Ort Gråsten lebten sie zu dieser Zeit und schauten gemeinsam mit ihrem Vater, Stephan Hensel, das Feuerwerk am Hafen. Blocks Ex-Mann wurde zuvor, um kurz nach Mitternacht, zu Boden gebracht und geschlagen.

Fortsetzung Prozess wegen mutmaßlicher Kindesentführung
Christina Block muss sich mit sechs weiteren Angeklagten vor Gericht verantworten, darunter auch ihr Lebensgefährte Gerhard Delling (hinten).© Marcus Brandt/Pool dpa/dpa | Marcus Brandt

Unter dem Eindruck dieser Geschehnisse seien die Kinder wenige Tage nach der Entführung noch gestanden. Das mutmaßt der Zeuge aufgrund von Christina Blocks Reaktion vor mehr als zwei Jahren. Der Kriminalbeamte fährt mit seinen Kollegen am 3. Januar 2024 zum Haus von Christina Block. Diese habe nicht gewollt, dass jemand nach den Kindern sieht, so der Leiter der damaligen Ermittlungsgruppe. Zuvor soll Christina Block laut Zeugen gesagt haben: „Was wollen Sie denn?“

Schließlich habe man sich geeinigt, dass eine Kriminalbeamtin und eine Mitarbeiterin des ASD nach den Kindern sehen. Diese sollten die Kinder aber „nur angucken, nicht ansprechen“.

Blocks Ex-Mann gibt Polizei Hinweise über Hof in Süddeutschland

Der Leiter der Ermittlungsgruppe erhält damals von Hensel Informationen über den möglichen Aufenthaltsort der Kinder nach der Entführung, erzählt der Zeuge. Klara soll ihrem Vater und dessen neuer Frau Astrid Have von einem Bauernhof, einem roten Scheunentor, Lamas und einer Katze namens Zoe berichtet haben.

Auch habe sie erzählt, dass die Menschen auf dem Hof anders als in Norddeutschland gesprochen haben, mit einem Dialekt. Anstelle von „ein bisschen“ sagten sie beispielsweise „a bissel“. Die damals 13-Jährige soll sich auch an eine Firma in Bayern erinnert haben, an der sie auf dem Weg zum Hof vorbeigekommen seien.

Fortsetzung Prozess wegen mutmaßlicher Kindesentführung
Blocks Ex-Mann Stephan Hensel ist Nebenkläger im Verfahren. Er wird unter anderem von Anwalt Gerd Uecker vertreten.© Marcus Brandt/Pool dpa/dpa | Marcus Brandt

Durch eine eigene Recherche sei Familie Hensel dann auf einen Lamahof in Süddeutschland gestoßen. Auf dessen Website ist ein Foto einer Frau zu sehen. Klara habe diese, so erzählt es der Kriminalbeamte, als die Frau identifiziert, die die Kinder nach der Entführung bei Ankunft auf dem Hof begrüßt habe.

Wenige Tage später, am 12. Januar 2024, durchsucht die Ermittlungsgruppe den Hof.

Hatte Blocks Familienanwalt Kontakt zu Innensenator Grote aufgenommen?

Der Polizist bekommt einen weiteren Hinweis, sagt er. Dieses Mal geht es um eine mögliche Kontaktaufnahme von dem Angeklagten Block-Anwalt Andreas C. zum Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD). Der Beamte überprüft den Hinweis telefonisch. Ihm wird mitgeteilt, dass C. Grote am Telefon Neujahrsgrüße übermittelt und sich abfällig über Stephan Hensel geäußert habe.

Der Name des Innensenators fiel bereits mehrfach im Verfahren. Grote ließ vor Kurzem auf Abendblatt-Anfrage erklären, dass C. Anfang Januar 2024 auch die Pädophilie-Vorwürfe gegen Stephan Hensel erwähnte. Die stellten sich später als gefälscht und konstruiert heraus.

Und: „Weitere Versuche der telefonischen Kontaktaufnahme durch den Anwalt C. bei Senator Grote blieben seinerseits unbeantwortet.“

„Tatverdacht gegen Christina Block“: Polizei schließt Gefährdungslage aus

Bereits am vergangenen Prozesstag sagten zwei Kriminalbeamtinnen im Block-Prozess als Zeuginnen aus. Dabei ging es um deren Dienste an Neujahr vor zwei Jahren, also den Tag nach der Entführung. Eine von ihnen hatte berichtet, wie die Hamburger Polizei von den dänischen Behörden erfahren habe, dass die beiden jüngsten der vier gemeinsamen Kinder entführt worden seien.

Die Hamburger Polizistin erhielt daraufhin den Auftrag, Christina Block davon zu berichten. Auch sollte sie Ausschau nach den Entführungsfahrzeugen halten, die zuvor am Flughafen Hamburg dafür angemietet worden waren. Die Beamtin trifft die Mutter der Kinder allerdings weder zu Hause noch im Hotel Grand Elysée (ebenfalls Block-Gruppe) an. Dort hatte Christina Block den Abend zuvor Silvester gefeiert. Bei deren Vater und Steakhausketten-Gründer Eugen Block sowie bei ihrem Lebensgefährten und ehemaligen ARD-Sportmoderator Gerhard Delling erhält die Polizistin keine Auskunft über Blocks Aufenthaltsort.

Nachdem die Polizei zunächst auch von einer möglichen Gefährdungslage für Block ausgeht, entwickelt sich später ein Tatverdacht gegen die 52-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt stand der Vorwurf im Raum, sie habe zur Freiheitsberaubung angestiftet, so die Zeugin.

Fortsetzung Prozess wegen mutmaßlicher Kindesentführung
Gerhard Delling, ehemaliger Fernsehmoderator und Sportjournalist, muss sich als Angeklagter im Block-Prozess verantworten.© Pool dpa | Marcus Brandt

Blocks Verteidiger Ingo Bott wiederum hatte vor Gericht mehrmals betont, dass es „keinen Tatplan und keinen Vorsatz“ gegeben habe. Sie habe so gehandelt, um ihre Kinder zu schützen, sagt Blocks Verteidiger. „Sie hat sich so verhalten, wie die Personen, die ihre Kinder in der Gewalt hatten, es ihr gesagt haben.“ Dies hatte Bott auch im Abendblatt-Podcast wiederholt.