In Italien sind bislang unbekannte handschriftliche Notizen des früheren faschistischen Diktators Benito Mussolini zu einem Treffen mit NS-Diktator Adolf Hitler im Jahr 1944 entdeckt worden. Eine Spezialeinheit der Carabinieri, also Italiens Gendarmerie, stellte die Dokumente vor einer Auktion sicher und übergab sie dem zentralen Staatsarchiv in Rom, wie es in einer Mitteilung heißt. Die Notizen werden demnach als von „besonderer historischer Bedeutung“ eingeschätzt.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Dokumente waren bei einem Auktionshaus in Turin zum Verkauf angeboten worden. Allerdings beschlagnahmten die Carabinieri sie und unterzogen sie einer umfassenden Analyse. Erste Untersuchungen zeigten anhand einer schriftvergleichenden Prüfung, dass das Schriftbild sowie das Monogramm „M“ am Ende eines der Blätter Mussolini eindeutig zuzuordnen seien.

Notizen als Vorbereitung für Treffen mit Hitler

„Wir glauben, dass sich viele Dokumente dieser Art aus Mussolinis Archiv in Privatbesitz in Italien befinden, und wir beobachten nun genau, was zum Verkauf angeboten wird, um sie für das italienische Staatsarchiv zurückzuerhalten“, so eine Quelle bei der Carabinieri, die die britische Tageszeitung „The Times“ zitiert.

Doch worum geht es in den Notizen? Nach Angaben der Experten der Carabinieri-Spezialeinheit zum Schutz des Kulturerbes handelt es sich um Aufzeichnungen zu einem Treffen mit Hitler am 22. April 1944 im Schloss Kleßheim bei Salzburg. In ihnen sind demnach Punkte zu verschiedenen Themen der Bereiche „Streitkräfte“, „Politik“ und „Wirtschaft und Arbeit“ notiert. Sie dürften unmittelbar als Vorbereitung für das Treffen der beiden Diktatoren erstellt worden sein.

Lesen Sie auch

Die Blätter sind zwar undatiert, ihr Inhalt stimmt jedoch nach Angaben der Carabinieri mit den Themen überein, die Mussolini und sein enger Mitarbeiterkreis während des Treffens mit Hitler behandelten. Die Experten gehen davon aus, dass Mussolini die Notizen wahrscheinlich auch während der Konferenz verwendete, sie weisen nämlich eine vierfache Faltung auf.

Christian Goeschel, Historiker an der Universität Manchester, ordnete den Fund für die „Times“ wie folgt ein: „Das Dokument zeigt, dass Hitler Mussolini nicht zutraute, seine eigenen Truppen auszubilden, und sie deshalb in Deutschland trainieren lassen wollte“, so Goeschel. „Hitler sah Mussolini als machtlose Figur und mochte ihn nicht mehr. Das Dokument belegt, dass Mussolini in der Defensive war und die Deutschen davon abhalten wollte, sich in die Angelegenheiten der Italienischen Sozialrepublik einzumischen.“

„Dieses Dokument liefert neue Erkenntnisse“

Ferner erklärte Goeschel: „Das Problem war, dass einige deutsche Beamte weiterhin mit Mussolini kollaborieren wollten, während andere die Republik einfach nur besetzen wollten. Hitler ließ sie gerne miteinander konkurrieren, und Mussolini schien das vor dem Treffen nicht zu verstehen. Historiker sind sich dessen bewusst, aber dieses Dokument liefert neue Erkenntnisse.“

Mussolini (1883-1945) und Hitler (1889-1945) waren enge Verbündete. Nach seiner Absetzung 1943 in Rom stand Mussolini mit Hitlers Hilfe in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs einem Vasallenstaat vor, der „Republik von Salò“. Die „Italienische Sozialrepublik“ – so der offizielle Name – hielt sich von September 1943 bis kurz vor Kriegsende. Auf der Flucht in die Schweiz wurde Mussolini Ende April 1945 von Partisanen am Comer See erschossen.

ljs/dpa