Mehr als 230 Jahre nach ihrer Entdeckung geben die Mauern eines unscheinbaren Korridors im Theaterviertel der antiken Stadt Pompeji in Italien neue Einblicke in das Leben der Menschen von damals. Der Durchgang verbindet das Theaterareal mit der Via Stabiana. Millionen Besucherinnen und Besucher gehen dort jedes Jahr vorbei, der Ort schien archäologisch längst „ausgegraben“. Bis jetzt.

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Dank modernster Technik erwachen die Wände zum Leben: Fast 300 Graffiti lassen sich heute identifizieren, davon 79 bisher unbekannte. Kein Spatenstich brachte die Funde zutage, sondern präzisere fotografische Verfahren und digitale Methoden, die Details sichtbar machen, die das bloße Auge nicht erkennt.
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Liebe, Spott und Alltag in Pompeji
Die Inhalte überraschen durch ihre Nähe zum modernen Leben: Es sind keine offiziellen Inschriften, keine politischen Botschaften. Stattdessen finden sich Liebesbekundungen, neckische Späße oder alltägliche Kommentare. „Ich habe es eilig; pass auf dich auf, mein Sava, liebe mich!“ oder „Methe, Sklavin von Cominia, liebt Cresto in ihrem Herzen. Möge die Venus von Pompeji beiden hold sein“, steht neben derben Späßen über bekannte Mitbürger.
„Diese Graffiti sind wie die Chatnachrichten der Antike“, sagt Louis Autin von der Sorbonne-Universität in Paris. „Sie zeigen, wie Menschen miteinander kommunizierten, wenn sie nicht für Monumente, sondern für den Moment schrieben.“
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„Bruits de couloir“: Forschung trifft Technik
Das Projekt, das hinter der Neuentdeckung steht, trägt den Namen „Bruits de couloir“ („Gerüchte im Korridor“ oder auch „Flurfunk“). Initiiert wurde es von Forschern der Sorbonne und der Universität Québec in Montréal in Kooperation mit dem Archäologischen Park Pompeji. Zwei Kampagnen in den Jahren 2022 und 2025 bildeten die Grundlage.
Der entscheidende Fortschritt kam aus der Kamera: Mit RTI (Reflectance Transformation Imaging) wurden die Wände aus allen Lichtwinkeln fotografiert. Eine Software setzt die so erhobenen Daten zu interaktiven Darstellungen zusammen, auf denen feinste Ritzungen wieder sichtbar werden. Ergänzt durch Fotogrammetrie entstand ein präzises 3D-Modell des Korridors.
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Die Wand als sozialer Raum
Die Analyse geht über das bloße Lesen hinaus. Jede Inschrift wurde in einem virtuellen Raster verortet, Themen zugeordnet und Verbindungen zu anderen Graffiti dokumentiert. So lassen sich Muster erkennen: Liebesbotschaften ballen sich, derbe Sprüche finden sich an anderen Stellen. Einige Namen tauchen mehrfach auf, als hätten Menschen direkt aufeinander reagiert.
„Der Korridor war mehr als ein Durchgang. Er war ein sozialer Raum, ein Ort der Kommunikation – vergleichbar mit Pinnwänden oder Chatverläufen heute“, erklärt Éloïse Letellier-Taillefer von der Sorbonne.
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Digitale Plattform statt Karteikasten
Die Arbeit endet nicht mit der Dokumentation. Geplant ist eine digitale Plattform, die RTI-Daten, Fotogrammetrie und epigrafische Informationen zusammenführt. Forscher können Inschriften gemeinsam betrachten, vergleichen und kommentieren. Die Öffentlichkeit erhält erstmals die Möglichkeit, den Korridor digital zu erkunden.
„Die Technologie ist der Schlüssel, der neues Licht auf die antike Welt wirft“, sagt Gabriel Zuchtriegel, Direktor des Archäologischen Parks. „Nur so können wir das Leben der Pompejaner bewahren – ein immenses kulturelles Erbe von über 10.000 Inschriften.“
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Die Originale sind empfindlich. Sonne, Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen setzen dem Putz zu. Deshalb plant der Park ein Schutzdach für den Korridor. Digitale Reproduktionen übernehmen dabei einen Teil der Vermittlung, sodass die Originale geschont werden.











