Acht Monate nach dem tödlichen Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt hat der Tatverdächtige Taleb A. mindestens fünf Überlebenden persönliche Briefe geschickt und darin um „Vergebung“ gebeten. Außerdem schilderte er die Tat aus seiner eigenen Sicht. Bei den Betroffenen lösten die Schreiben Entsetzen und neue Ängste aus, wie die „Magdeburger Volksstimme“ berichtet.

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Ein Betroffener sagte dem MDR: „Wir waren schockiert, als wir aus dem Urlaub zurückkamen und den Brief in unserem Briefkasten fanden. Wie kommt ein Mörder an die Adressen der Überlebenden?“ Ein anderer Adressat berichtete der Zeitung: „Wir konnten es zunächst nicht glauben.“ Der Brief habe „schreckliche Erinnerungen“ an die Tat ausgelöst. Beendet wurden die handgeschriebenen Briefe laut Medienberichten mit „Mit freundlichen Grüßen“.

Bei dem Anschlag am 20. Dezember war A. mit einem gemieteten SUV in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt gerast. Sechs Menschen, darunter ein neunjähriges Kind, wurden getötet, mehr als 300 verletzt. Der Verdächtige wurde noch am Tatort festgenommen und sitzt seitdem wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung in Untersuchungshaft.

„Retraumatisierung der Betroffenen“: Wie kam der Verdächtige an die Adressen der Opfer?

Wie der Verdächtige an die Adressen der Opfer kam, ist bislang unklar. Es wird vermutet, dass diese Informationen über die Ermittlungsakten an die Verteidigung gelangt sein könnten. Kerstin Godenrath, Vorsitzende des Untersuchungsausschusses im Landtag, forderte Aufklärung: „Wir müssen prüfen, ob die Briefe möglicherweise hätten zurückgehalten werden müssen.“ Sie sprach von einer „Retraumatisierung“ der Betroffenen.

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Die Opferhilfeorganisation Weißer Ring kritisierte das Vorgehen der Behörden scharf. Geschäftsführerin Bianca Biwer erklärte dem „Spiegel“: „Die Opfer sind dadurch der Willkür des Täters ausgeliefert.“ Die Briefe seien „eine Gewalttat“, weil sie die Betroffenen „in ihrem eigenen Zuhause“ erreichten. Sie warnte zudem, dass Täter mit solchen Kontaktaufnahmen häufig versuchten, durch angebliche Reue eine mildere Strafe zu erwirken.

Politiker empört über Opferbriefe: „Generalstaatsanwaltschaft muss handeln“

Mehrere Politiker aus Sachsen-Anhalt reagierten empört über die Zustellung der Briefe. Die Generalstaatsanwaltschaft sei in der Pflicht, nicht nur die Ermittlung voranzutreiben, sondern auch den Schutz der Opfer zu berücksichtigen, sagte der justizpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Guido Kosmehl. „Damit ist es auch ihre Aufgabe, alles zu unternehmen, um die Opfer zu schützen und Retraumatisierungen zu verhindern.“

Wenn es rechtlich schon nicht möglich gewesen wäre, die Briefe zurückzuhalten, hätte die Staatsanwaltschaft vorher den Kontakt mit den Opfern suchen müssen, sagte der Obmann der SPD-Landtagsfraktion im Untersuchungsausschuss zum Anschlag, Rüdiger Erben.

Die Generalstaatsanwaltschaft wies darauf hin, dass die Schreiben in einem separat verschlossenen Umschlag mit einem Begleitschreiben weitergeleitet worden seien, in dem darauf hingewiesen worden sei, dass es den Empfängern freistehe, von dem Schreiben Kenntnis zu nehmen.

mit dpa