Das Online-Portal der Deutschen Bahn lässt am Donnerstagabend nur erahnen, dass im ICE 91 von Hamburg nach Wien etwas Schreckliches passiert ist. Mit zwei Minuten Verspätung war der Zug am Morgen in Hamburg gestartet. Alles lief – bis auf die Verspätung – rund, noch bis hinter Regensburg. Dann vermerkt die Bahn ab Passau: „Halt entfällt“. Und: „Polizeieinsatz“. Das Ziel, den Wiener Hauptbahnhof, erreichte der ICE nicht mehr.

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Rund 430 Passagiere waren an Bord, als die Fahrt auf dramatische Weise im niederbayerischen Straßkirchen (Landkreis Straubing-Bogen) endete. Dort kam der ICE zum Stehen, nachdem Fahrgäste die Notbremse gezogen hatten. Zuvor hatte ein Mann im Zug mehrere Menschen angegriffen. Vier Personen seien bei dem Vorfall leicht bis mittelschwer verletzt worden, so die Polizei. Es handle sich um drei Syrer zwischen 15 und 51 Jahren und einen 38-jährigen Mann mit bislang unklarer Nationalität.
Axt-Angriff in ICE: Polizei ermittelt, ob Täter und Opfer sich kannten
Nach Angaben der Polizei Niederbayern auf Nachfrage unserer Redaktion ist bisher nicht bekannt, ob der mutmaßliche syrische Täter (20) die syrischen Betroffenen der Tat kannte und möglicherweise gezielt im Zug angegriffen hatte. Die Ermittlungen dazu laufen. „Nach dem, was wir bisher wissen, hat er unmittelbar vorher mit denen geredet“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann am Abend. Er gehe daher davon aus, dass dem Täter zumindest bewusst war, dass sie auch Syrer waren.

Im Zug nach Wien hatten Mitreisende den mutmaßlichen Täter, der als Flüchtling nach Europa gekommen war und sich legal in Österreich aufhielt, offenbar überwältigt. Die Verletzungen hatte der Angreifer laut den Ermittlern erlitten, weil sich seine Opfer gegen die Attacke wehrten – mit Hilfe von anderen Passagieren, die couragiert eingriffen. Darunter sei auch ein uniformierter Bundeswehrsoldat gewesen, sagte der niederbayerische Polizei-Vizepräsident Werner Sika. Einer der Angegriffenen, ein 24 Jahre alter Syrer, habe dem Verdächtigen zudem den Hammer abnehmen können und ihn damit wiederum verletzt. Man gehe davon aus, dass der 24-Jährige in Notwehr gehandelt habe, sagte Oberstaatsanwaltschaft Rauscher.
Angriff in ICE: Lösten Drogen eine Psychose aus?
Ein Drogenschnelltest habe Hinweise auf drei Betäubungsmittel im Blut des 20 Jahre alten Syrers ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher am Freitag. Es sei nicht auszuschließen, dass der Angriff durch eine drogenbedingte Psychose ausgelöst worden sei. Das Motiv sei derzeit aber noch unklar.
Die Ermittler stehen laut Rauscher auch im Austausch mit der Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus der Generalstaatsanwaltschaft München. Laut der Aussage eines Zeugen soll der Mann vor dem Angriff mit einem Zimmererhammer gebetet und die Worte „Allahu Akbar“ gesprochen haben. Die Ermittler gehen bislang davon aus, dass der Mann allein gehandelt hat. Auch einen expliziten Extremismusverdacht gebe es noch nicht, der Mann sei bisher nicht für staatsschutzrelevante Vorfälle bekannt.
Für die Behörden in Österreich, wo der 20-jährige Syrer wohnte, war der Mann aber dennoch kein Unbekannter. Nach zwei rechtskräftigen Verurteilungen wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt im Februar und Ende April 2025 sei im Mai ein Asyl-Aberkennungsverfahren gegen den Mann eingeleitet worden, teilte das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl in Wien mit. Der Verdächtige hatte demnach 2021 in Österreich einen Asylantrag gestellt und 2022 einen Schutzstatus erhalten.
Nach dem Angriff mit vier verletzten Fahrgästen werde nun wegen versuchten Mordes in zwei Fällen und gefährlicher Körperverletzung gegen den Mann ermittelt, sagte Oberstaatsanwalt Rauscher. Die Ermittler hätten Untersuchungshaft für den 20-Jährigen beantragt. Dieser liege allerdings selbst noch mit schweren Verletzungen im Krankenhaus – daher sei unklar, wann ein möglicher Haftbefehl eröffnet und der Verdächtige in ein Gefängnis gebracht werden könne.

Bahnstrecke in Bayern wegen Polizeieinsatz zeitweise gesperrt
Die Bahnstrecke war nach dem Angriff für längere Zeit gesperrt. Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienste waren mit einem Großaufgebot vor Ort. Ein Sprecher der Integrierten Leitstelle in Straubing sprach von etwa 150 Kräften, die im Einsatz gewesen seien – das sei aber nur eine grob überschlagene Zahl.
Die Deutsche Bahn bekundete ihr Mitgefühl für die Betroffenen und deren Angehörige. „Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Verletzten und allen, die das Erlebte nun verarbeiten müssen“, sagte ein Bahnsprecher. „Wir wünschen allen Betroffenen eine schnelle und vollständige Genesung.“ Er dankte außerdem den Einsatzkräften für die schnelle Festnahme des Tatverdächtigen.
Entscheidend für die Ermittler wird nun die Frage nach den Hintergründen des Angriffs. In der Vergangenheit hatte es mehrere Angriffe auf Passanten in Zügen gegeben. Es sind einzelne Fälle, doch die Folgen für die Unbeteiligten waren gravierend. Im Januar 2023 griff ein junger Mann, staatenloser Palästinenser, Menschen in einem Regionalzug in Schleswig-Holstein mit einem Messer an. Zwei junge Menschen starben. Der Täter ist mittlerweile verurteilt. Er war vor der Tat bereits inhaftiert gewesen und in psychiatrischer Behandlung. Dennoch hielten Gutachter den Täter nicht für schuldunfähig.
mit dpa




