Meeresbiologen haben ein bislang völlig unbekanntes Verhalten bei Orcas dokumentiert: Die auch als Schwertwale oder Killerwale bekannten Tiere nutzen gezielt die Stiele einer Braunalgenart, um sich damit gegenseitig zu massieren. Die in der Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlichte Studie beschreibt damit erstmals ein Phänomen, das die Forscher „Allokelping“ nennen – eine Form sozialer Fellpflege unter Meeressäugern mithilfe eines „Werkzeugs“.

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Beobachtet wurde die Methode in der Salish Sea, einem verzweigten Meeresarm, der an der Pazifikküste an der Grenze zwischen den USA und Kanada liegt. Es ist nicht das erste Mal, dass die dortige Orca-Population durch faszinierende Verhaltensweisen auf sich aufmerksam macht.
In der selben Gegend beobachteten Wissenschaftler bereits, wie Orcas sich tote Lachse als Hüte aufsetzen. Der kuriose Modetrend wurde damals von Experten unter anderem mit einem Überangebot von Lachs und dem ausgeprägten Spieltrieb der Tiere erklärt.
Orcas, Haie und Tiere im Meer
Orcas nutzen Algenstiele für Fellpflege
In der neuen Studie registrierten Forscher im Jahr 2024 innerhalb von nur acht Tagen über 30 der Interaktionen mit den Wasserpflanzen: Für den Bau des Werkzeugs trennten die Orcas den oft viele Meter langen Stiel der großblättrigen Braunalge Nereocystis luetkeana (Bulltang) recht weit unten ab. Danach hielten sie den Stiel zwischen sich und rieben ihre Körper daran – oft synchron, fast tänzerisch.
Besonders häufig wurde das Verhalten zwischen Tieren beobachtet, die verwandt oder gleichaltrig waren. Der längste beobachtete Körperkontakt dauerte rund drei Minuten. Wurde der Kontakt unterbrochen, nahm der hintere Wal das Werkzeug in einigen Fällen wieder auf und startete die Aktion neu.
Die Biologen vermuten zwei Gründe für dieses Verhalten. Zum einen scheint das Reiben mit den zähen Algen der Hautpflege zu dienen. Orcas häuten sich regelmäßig, und die raue Oberfläche der Tangpflanze könnte abgestorbene Hautpartien lösen. Zum anderen könnte das Allokelping eine soziale Funktion erfüllen – ähnlich wie das gegenseitige Lausen bei Primaten. Es stärkt vermutlich die Bindung zwischen den Tieren und könnte Teil einer komplexen sozialen Kultur sein.
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Studie: Erste dokumentierter Werkzeugnutzung unter Meeressäugern
„Wir wissen auch, dass Schwertwale oft Kontakt mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe aufnehmen – durch Berührung ihrer Körper oder Flossen – aber die Verwendung von Tang könnte diese Erfahrung verbessern“, sagte Mitautor Darren Croft. Und: Braunalgen wie Bulltang hätten antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften, die wahrscheinlich gut für die Walhaut seien.
Das Besondere: Zwar war bereits bekannt, dass Orcas gelegentlich mit Algen spielen – doch der gezielte, gemeinsame Einsatz als Werkzeug ist neu. „Es ist das erste Mal, dass Werkzeuggebrauch in dieser Form bei Meeressäugern beobachtet wurde“, schreibt die Forschungsgruppe um Michael Weiss vom US-amerikanischen Center for Whale Research in Friday Harbor.
„Bull-Kelp-Stiele sind fest, aber flexibel, wie ein gefüllter Gartenschlauch mit einer glatten Außenfläche. Ich vermute, diese Eigenschaften machen sie zu einem idealen Pflegewerkzeug“, erzählt Mitautorin Rachel John von der britischen University of Exeter.
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Lebensraum der Orcas ist durch Klimawandel und Menschen bedroht
Die betreffende Orca-Gruppe, die sogenannten Southern Residents, wird bereits seit Jahrzehnten wissenschaftlich begleitet – dennoch blieb das Verhalten bislang bis zum Einsatz neuer Drohnentechnologie unentdeckt. „Diese Orcapopulation gehört zu den am besten erforschten Gruppen überhaupt. Wir haben das Allokelping nur jetzt erst bemerkt, da die Videoqualität der bisherigen Luftaufnahmen zu schlecht war“, so John.
Die Population der sogenannten Southern Resident Orcas zählt weniger als 80 Individuen und gilt als akut bedroht. Ihr Überleben hängt eng mit dem Bestand von Chinook-Lachs sowie dem Erhalt der Tangwäder zusammen – beide sind durch Klimawandel und menschlichen Einfluss gefährdet.
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Werkzeuge sind in Tierwelt weit verbreitet
Das Forschungsteam hofft, mit den neuen Erkenntnissen nicht nur zum Schutz der Orcas, sondern auch zum Erhalt der Tangwälder beizutragen. „Sie könnten entscheidend sein, um die besondere Werkzeugkultur der Wale zu bewahren“, schreiben die Forscher Wie verbreitet Allokelping in anderen Orcapopulationen ist, soll nun weiter untersucht werden.
Der beobachtete Werkzeuggebrauch ist zwar bisher unter Meeressäugern einmalig, in der restlichen Tierwelt jedoch überraschend weit verbreitet und längst nicht nur auf den Menschen beschränkt. Viele Tierarten nutzen Hilfsmittel, um an Nahrung zu gelangen, sich zu schützen oder zu kommunizieren. So knacken Schimpansen mit Steinen harte Nüsse, Krähen verwenden Stöckchen, um Insekten aus Ritzen zu angeln, und Seeotter schlagen Muscheln auf, indem sie sie auf Bauchsteine klopfen.









