Anfang der vergangenen Woche hatte ich das Gefühl, entweder sehr alt oder sehr saturiert zu sein. Ich bin mir noch nicht sicher, was schlimmer ist. Anlass war die erste Fashion Week mit Publikum unter Corona-Bedingungen. Ich hatte also auch ein paar Einladungen bekommen. Statt großen Umschlägen aus schwerem Papier mit funkelnden Prints, die ich sonst schon Wochen vor den Schauen sehnlichst erwartete, dann mit Vorfreude aus meinem Postfach zog und anschließend bis zum großen Tag um meinen Arbeitsplatz herum drapierte, kamen dieses Mal E-Mails. Klar, Homeoffice, Hygiene, ich verstehe schon. Es muss doch aber an der unaufgeregten Form liegen, dass sich die Euphorie nicht richtig einstellen will, dachte ich, während sich mein Kalender füllte. Oder? Oder?!

Der Termin rückte näher, meine Stimmung blieb unverändert. Egal, dachte ich, wird schon werden, der Appetit kommt beim Essen oder so. Bereits der erste Tag wurde dann aber zur maximalen Herausforderung für meinen inneren Schweinehund, denn die Eröffnungsshow war für 21 Uhr anberaumt worden. 21 Uhr, wunderte ich mich, bin ich etwa die einzige, die sich im Lockdown eine zeitige Bettruhe angewöhnt hat? Statt mich vorab mit Kollegen auf ein Abendessen und Drinks zu treffen, um freudig die Modefestspiele einzuläuten, gammelte ich dem Zeitpunkt zum Verlassen des Hauses in ausgeprägter Sofaschwere entgegen. Ob es jemand merkt, wenn ich mir doch nur den Livestream anschaue? Meine Güte, meldete sich das Gewissen, bist du 100 oder was? Ich beschloss also, mich zusammenzureißen und machte mich auf den Weg.

Fashion Week in Berlin: Die Lounge war unser Wohnzimmer

Im Kraftwerk an der Köpenicker Straße angekommen, fiel mir angesichts der anderen Gäste ein weiterer Unterschied zu früher auf. Während ich auf meinem Platz den Beginn der Show erwartete, sah ich, mir direkt gegenüber, in mein Dorian-Gray-artiges Spiegelbild. Eine jüngere Frau saß dort in einem sehr glitzernden Kleid, sehr hohen High Heels und mit sehr gespielter Gleichgültigkeit. Na Püppi, wen versuchst du denn zu beeindrucken, ging es mir durch den Kopf, bevor ich mir auf meine imaginäre Zunge biss. Denn wir waren ja ganz genau so. Das zu leugnen wäre vollkommen zwecklos, es ist ja alles auf Facebook dokumentiert. Das erste Mal Front Row, die erste Party, der erste Champagner – wir konnten unser Glück kaum fassen und posteten es in die Welt. Meine beste Freundin, die damals auch meine Kollegin war, und ich knallten uns die Kalender während unserer ersten Fashion Weeks so dermaßen voll, dass wir genauso gut ins Zelt am Brandenburger Tor hätten einziehen können. Die Lounge war unser Wohnzimmer, die dort gereichten Snacks unsere Verpflegung.