Martin Semmelrogge kommt vom Lauf durch den Tiergarten und ist bester Laune. Er sei in der Form seines Lebens, erzählt der 59-Jährige. Bis Freitag steht er jeden Abend als Erzähler in der „Rocky Horror Show“ im Admiralspalast auf der Bühne. Vor der Kamera hat sich der Schauspieler in den vergangenen Jahren rar gemacht. Beim Treffen im „Maritim proArte“ an der Friedrichstraße erzählt Semmelrogge, warum das so ist und weshalb das Musical von Richard O’Brien so zeitlos ist.

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie jüngeren Menschen die „Rocky Horror Show“?

Martin Semmelrogge: Die „Rocky Horror Show“ ist das Musical schlechthin. Und die Zeit, in der diese Musik entstand, ist dafür verantwortlich, dass wir heute so frei leben können. Das fing mit Bob Dylan und den Beatles an – Musik gegen den Krieg in Vietnam, gegen das Establishment. Und da haben wir alle mitgemacht. In den 50er-Jahren war alles noch sehr prüde, auch wenn meine Eltern eine Ausnahme waren, ich komme ja aus einer Künstlerfamilie. Die „Rocky Horror Show“ ist außerdem ein Grusel-Musical, mit Teilen von Science-Fiction. Ich finde, die „Rocky Horror Show“ ist ein Muss für jeden.

Kommen denn auch Jüngere, oder sind es eher Zuschauer in Ihrem Alter?

Es kommen ganz viele Junge. Die werden ja neugierig. Die wollen doch Sex, sagen wir es ganz ehrlich. Und die „Rocky Horror Show“ ist das abartig geilste Grusel-Musical überhaupt. Auch das einzige. Es geht um Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Das ist zeitlos.

Auf der Webseite des Admiralspalastes gibt es eine Liste mit Verboten für die Zuschauer: Kein Werfen von Gegenständen, kein Bespritzen der Darsteller. Ist das nicht der halbe Spaß bei der Show?

Sie dürfen Klorollen werfen. Und es gibt ein Fanpaket zu kaufen, da wird natürlich auch ein bisschen verdient. Aber eigentlich dürfen die Zuschauer alles. Sie dürfen tanzen und Konfetti werfen. Nur Lebensmittel dürfen sie nicht werfen. Wegen der Ratten. Danach muss erst mal sauber gemacht werden.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Berlin?

Ich bin ja gebürtiger Schwabe, mein Vater war Berliner. Und wie alle Schwaben habe ich mal in Berlin eine Wohnung gebaut. Ende der 70er-Jahre gab es dort allerdings noch keine Schwaben. Ich fand Berlin aufregend und habe viel hier gedreht. Als dann die anderen Schwaben kamen, habe ich die Flucht ergriffen.

Martin Semmelrogge auf der Bühne als Erzähler in der „Rocky Horror Show“ von Richard O’Brien
Martin Semmelrogge auf der Bühne als Erzähler in der „Rocky Horror Show“ von Richard O’Brien © Grabner|Beeck|Kommunikation GbR | Grabner|Beeck|Kommunikation GbR

Ich bin gerne in Berlin, aber ich bin kein Stadtmensch. Das ist mir alles zu laut und zu hektisch. Ich möchte mein Leben nicht im Stau, auf Rolltreppen oder Fahrstühlen verbringen. Ich lebe auf Mallorca mit meiner Frau und meinen zwei Hunden. Das verlängert mein Leben sicher um zehn Jahre.

Anfang des Jahres wurde bekannt, dass Sie insolvent sind. Bleibt Ihnen etwas von der „Rocky Horror Show“-Gage?

Wenn man insolvent ist, ist man noch lange nicht arm. Ich habe mein Leben auf Reset gestellt, ich wollte alle Altlasten loswerden. Und dafür war es gut, das zu machen. Jetzt habe ich jemanden, der alles regelt. Man muss ja nicht fünf Häuser haben, es reichen drei. (lacht)

Wird man Sie in Zukunft wieder häufiger im Fernsehen oder im Kino sehen?

Ich bin ein Theater-Tier, seit 2004 stehe ich ununterbrochen auf der Bühne. Aber mein Gesicht gehört auch wieder in einen Film. Das hat viel erlebt, ich kann damit viel ausdrücken. Aber meistens gibt es im Fernsehen kaum interessante Rollen. Wir alten Haudegen kommen da kaum noch vor. Quizshows, Castingshows, Scripted Reality, das sind doch die Formate, die uns den Job wegnehmen.

Die „BZ“ titelte gerade mit dem Schauspieler Birol Ünel, der derzeit auf der Straße lebt. Ihr Leben verlief auch nicht immer ganz geradlinig. Dabei könnte man doch denken, als erfolgreicher Schauspieler stehe man auf der Sonnenseite.

Als Schauspieler in Deutschland ist es ein ständiger Überlebenskampf. Wir sind ja nicht in den USA, wo man Millionengagen bekommt. Wir haben keine Gewerkschaft, wir sind überhaupt nicht geschützt. Ins Fernsehen kann jeder kommen, der gerade in ist. Wie viele Schauspieler sind denn in Deutschland wirklich gut beschäftigt? Und wenn man sich dann gehen lässt, ist es ganz schnell vorbei. Ich trinke seit 2008 keinen Schluck Alkohol mehr. Es ist ein hartes Geschäft. Deshalb spiele ich auch Theater, weil ich diese Rollen im Fernsehen gar nicht bekomme. Von der Presse wurde ich häufig als asozial und als Alkoholiker dargestellt. Und das ist dann halt ein Klischee-Etikett, das an einem klebt.

Gehen große Kunst und großer Exzess bei Schauspielern häufiger Hand in Hand?

Ich glaube, da ist ganz viel Angst dabei. Was ist man denn als Schauspieler ohne Rolle? Dann ist man erst mal gar nichts. Das musste ich schon mit 18 lernen. Und Alkohol ist ein Scheißgift. Natürlich habe ich in den 70er-Jahren viel ausprobiert, aber ich habe immer die Finger von Sachen gelassen, bei denen ich gemerkt habe, die machen einem das Hirn kaputt. Alkohol macht einfach dumm und antriebslos. Man muss lernen, mit der Angst vor der Armut anders umzugehen. Wenn man am Boden liegt, muss man aufstehen. Wenn man das schafft, ist man in den USA danach der Held. In Deutschland wird meistens noch nachgetreten, wenn du am Boden liegst. Und das hängt einem ein Leben lang nach. Das ist bei mir auch so.