Friedhöfe sind nicht nur Oasen der Stille. Sie sind auch lehrreich. Sie sagen viel aus über Geschichte, Kultur und Würde eines Landes. Dieser Spaziergang führt über einen der ältesten Berliner Gottesacker, den 1748 auf Ordre Friedrich des Großen angelegten Invalidenfriedhof an der Scharnhorststraße in Mitte.
Warum hat Lothar de Maizière, der letzte und einzig freigewählte Ministerpräsident der DDR, diesen Ort für unsere Begegnung gewählt? „An keinem anderen Ort Berlins wird die Geschichte Preußens, des deutschen Reiches und schließlich der DDR in ihrer ganzen Gebrochenheit so deutlich wie hier. Positiv mit den Gräbern preußischer Generale der Freiheitskriege gegen Napoleon, strittig wie die letzte Ruhestätte des Fliegerhelden Ernst Udet, der erst spät mit Hitler brach, und schließlich die Gottlosigkeit der DDR, die den Friedhof an der Grenze zum Westteil der Stadt für ihre Grenzsicherungsanlagen weitgehend plattgemacht hat.“
Wenn Ruhm in Rauch aufgeht
Unbeschädigt hat das bedeutendste Monument des Friedhofs alle Zeiten überdauert: das von Karl Friedrich Schinkel 1842 entworfene Grabmal für General Gerhard von Scharnhorst (1755 bis 1813), dem preußischen Militärreformer und damit Wegbereiter der Siege in den Freiheitskriegen gegen Napoleon. Auf dem Marmorsarkopharg, der auf zwei schweren Sockeln steht, ruht ein ermatteter Löwe. Modelliert hat den Berlins bis heute berühmtester Bildhauer Christian Daniel Rauch (u.a Friedrich des Großen Reiterstandbild Unter den Linden, Grabmal für Königin Luise im Schlosspark Charlottenburg). Der angemessene Hintergrund für das große Porträtfoto auf dieser Seite. Bildungsbürger de Maizière weiß auch gleich noch eine Anekdote beizusteuern. Sein Ruhm, zitiert er Lehrmeister Gottfried Schadow (Quadriga auf dem Brandenburger Tor) sei in Rauch aufgegangen…
Die de Maizières sind eine alte Berliner Hugenottenfamilie. Seit etwa 1700 bilden die Hugenotten als protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich eine bedeutende wirtschaftliche und kulturelle Minderheit in der Stadt. „Seit Jahrhunderten waren Mitglieder meiner Familie als Juristen und Soldaten preußische Staatsdiener.“ Eher unverhofft dürfte Lothar wohl der mit dem dicksten Eintrag in die Geschichtsbücher werden. Die Wiedervereinigung Deutschlands bleibt untrennbar auch mit seinem Namen verbunden.
Das alles ist nun bald 25 Jahre her. Wir sind unter schattigen Bäumen vorbei an restaurierten Gräbern spaziert und stehen jetzt auf dem ehemaligen Todesstreifen mit seinem Postenweg, heute Teil des Mauerwegs und beliebt bei Radfahrern. „Ob die wohl wissen, was hier früher war…“, fragt Lothar de Maizière und meldet damit, ohne zu antworten, Zweifel an. Daran ändert auch das Stück Hinterlandmauer als Relikt tödlichen sozialistischen Absperrwahns nichts.
Ein Wunder der Weltgeschichte
Der Fall der Mauer, bemerke ich, sei doch noch immer ein Wunder der Weltgeschichte. Als habe er auf diese Formulierung nur gewartet, platzt es aus ihm, der zu schnellem, bisweilen auch atemlos wirkendem Sprachfluss neigt, heraus: „Ich ärgere mich über den Begriff ‚Fall‘ der Mauer. Sie ist nicht gefallen – sie ist umgestoßen worden. Es war eine Selbstbefreiung der Ost-Deutschen. Das hefte ich mir nicht an die Brust. Wir haben danach die Selbstdemokratisierung der DDR organisiert. Dabei habe ich dafür gesorgt, dass alles in rechtsstaatlichen Bahnen verlief. Ich glaube an die Würde und die Kraft des Rechts.“
Da spricht der Jurist, der Konservative aus Überzeugung, dem alles Chaotische verdächtig ist. Deshalb ist aus ihm kein Bürgerrechtler geworden. „Ich bin eben ein konservativer Mensch. Aber lesen Sie mal nach, was wir in den achtziger Jahren in der Synode der Evangelischen Kirche Ost gesagt, gefordert und geschrieben haben – danach waren wir wohl auch Bürgerrechtler.“ Nach dem Fall, pardon, nach dem Umstoßen der Mauer, schlugen de Maizières historische Stunden. Mit seinem Hang zu hintergründiger Ironie, auch zur Selbstironie, erzählt er, wie seine Töchter noch heute über ihn spotten: „Die ganze Republik macht Revolution und der Vater schreibt die Geschäftsordnung dafür…“ Recht hätten sie, sagt er. „Aber ein solch fundamentaler Umbruch brauchte Spielregeln. An den Runden Tischen wurde erstmals in der DDR ergebnisoffen diskutiert. Dafür waren Regeln nötig. Ohne sie wäre Chaos ausgebrochen.“
Nie ohne die Krawatte
Es ist heiß an diesem Tag. Als der Fotograf Lothar de Maizière fragt, ob er nicht für einen Fotoschuss das Jackett über die Schulter legen wolle, lehnt er das mit einem klaren „Nein“ ab. Und gibt gleich noch eine Anekdote seiner Töchter über ihn zum Besten: „Vater mäht selbst den Rasen nicht ohne Schlips…“ Auf mein ungläubiges Staunen nickt er. „Sie haben Recht.“ Ein Konservativer mit Prinzipien – im Großen wie im Kleinen. Nach dem überraschenden Sieg bei der einzigen freien Wahl in der DDR handelt er mit Bonn den Einigungsvertrag aus. „Der Einheitsvertrag Ist kein Kaufvertrag. Er ist ein Gesellschaftsvertrag, der unser gemeinsames Leben im fortan gemeinsamen Staat regelt. Dabei haben auch wir unsere Würde eingebracht. Wir waren schließlich kein Volk von Analphabeten, wie manche im Westen offenbar meinten…“
Wir stehen jetzt auf einer kleinen Plattform über dem Spandauer Schifffahrtskanal, auch über den einst Flüchtlinge die Freiheit im Westen suchten. Ich frage den einzigen demokratischen Regierungschef der DDR, ob all das, was er und seine Minister damals mit Wolfgang Schäuble ausgehandelt haben, im Laufe der Jahre eingehalten worden ist? „Was heute vor allem noch kritisiert wird, betrifft nicht den Einigungsvertrag. Die Rentenregelung beispielsweise ist erst später beschlossen worden. Auch die Treuhand war viel besser als ihr Ruf. Schauen Sie mal, wie das herrenlose Volkseigentum in Russland oder der Ukraine privatisiert worden ist. Marx hat mal gesagt: ‚Die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals ist immer kriminell.‘ Gegen die Treuhand hat es etwa 280 Strafanzeigen, 30 Verfahren und am Ende nur wenige Urteile gegeben. Die massive Kritik an der Treuhand ist ungerecht. Die Wirtschaft der DDR war marode.“
Politischer Senkrechtstart
Und dann noch eine Belehrung für all die, die des Kritisierens an den vermeintlichen Mängeln der Einheit nicht müde werden. „Mir fällt es schwer, nationale Euphorie zu entwickeln wie gerade bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Aber wenn ich zurückblicke, was das deutsche Volk geschaffen hat, dann ist das eine gewaltige Aufbauleistung; vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder in West-Deutschland. Wenn wir die Arbeitslosigkeit noch erfolgreicher bekämpfen könnten, wäre es eine einzige Erfolgsgeschichte.“
Dem politischen Senkrechtstart und dem kurzen Flug mit dem Kabinett Kohl als Bundesminister für besondere Aufgaben folgt der jähe Absturz wegen angeblicher Stasi-Verwicklungen. Dieser persönliche, mittlerweile überwundende persönliche Tiefpunkt passt zu diesem Ort der gebrochenen Geschichte. Lothar de Maizières Biographie ist eine mit Brüchen. Er hat Musik studiert, als Bratschist in mehreren Orchestern gespielt, bis ihn eine Nervenentzündung im Arm zum Berufswechsel zwingt. Er studiert Jura, wird Anwalt und als Mitglied des Kollegiums der Rechtsanwälte in Ost-Berlin dessen Stellvertretender Vorsitzender (Vorsitz Gregor Gysi). In der Wende- zeit wie aus heiterem Himmel die politische Karriere, deren Höhepunkt zweifellos die Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Friedensvertrags Deutschlands mit den vier Siegermächten 1990 in Moskau ist.
Auch dazu hat der wunderbare Erzähler wieder eine Anekdote parat. Für seine strenge Großmutter habe er als Kind wöchentlich einen Gesangvers auswendig lernen müssen. Als er ihr Josua Stegmanns (1588-1632) Kirchenlied „Auch bleib mit Deiner Gnade, bei uns Herr Jesu Christ“ vortrug, fragte er Großmutter: „Was ist Gnade?“ Sie sagte: „Ach Kind, das verstehst Du erst, wenn Du älter bist.“ Als 50-Jähriger habe er wirklich begriffen, was Gnade sei. „Damals in Moskau, als ich den Friedensvertrag unterzeichnet habe.“
Bei de Maizière fallen mir drei Namen ein, die meine Neugier immer aufs Neue wecken. Er ist mit Gregor Gysi befreundet. Wie das? „Ich habe meine Freunde nie nach Parteibuch ausgewählt. Als Anwälte konnten wir einander vertrauen. Das war in einer Diktatur wie der DDR noch wichtiger als in einer freien Gesellschaft. Als wir 1989 getrennt mit Politik begannen, haben wir uns in die Hand versprochen, die parteiischen Gegensätze nicht auch persönlich auszutragen. Das hält bis heute und damit unsere Freundschaft.“
Der lange Schatten Helmut Kohls
Und das Verhältnis zu Helmut Kohl, gemildert? „Er tut mir inzwischen leid. Aber die Chemie zwischen dem sinnesfrohen rheinischen Katholiken und dem preussisch nüchternen Protestanten hat nie gestimmt. Er mochte mich nicht. Und weil er um meine Freundschaft mit Wolfgang Schäuble weiß, bin auch ich mit in Sippenhaft genommen. Daran hat sich nichts geändert.“
Schließlich Angela Merkel. Hat ihn der Aufstieg seiner einstigen zweiten Pressesprecherin überrascht? „Ihre Karriere nicht. Aber ihr Durchsetzungsvermögen und wie sie das auf ihr leise Art vollzieht. Schon als meine Sprecherin war das Moderieren ihre Haupteigenschaft und Stärke. Aber es wäre gut, wenn sie auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen würde. Das erwarten die Menschen. Gerade jetzt gegenüber Amerika wäre mehr Führung angesagt. Wir telefonieren nicht gerade täglich, stehen aber – wenn erforderlich – in Kontakt.“
Was ist ein Russland-Versteher?
Da soll es allerdings auch Störungen geben. Als Vorsitzender im deutschen Lenkungsausschusses des Petersburger Dialogs mit Russland, der die zivilgesellschaftlichen Bande zwischen beiden Ländern stärken soll, steht Lothar de Maizière im Kanzleramt im Verdacht, im Lager der Russland-Versteher zu stehen. „Was ist das, ein Russland-Versteher?" fragt er herausfordernd. Na ja, einer, der für fast alles Verständnis hat, was Putin auf der Krim und in der Ukraine anrichtet.
„Wir können doch nicht alle Gesprächsfäden abreißen. Und alle Kritiker Putins frage ich, wer denn an seine Stelle treten soll. Die um ihn und hinter ihm stehen, sind im Zweifel noch viel radikaler und nationalistischer. Seine gegenwärtige Politik mit der Krim und der Ukraine ist innenpolitisch motiviert. Russland steckt in einer schweren demographischen und wirtschaftlichen Krise. Da nimmt er mit den Verletzungen des Völker- und Vertragsrechts Druck aus dem Inneren weg.“
Aber er sei doch gläubiger Jurist, für den Rechtsbruch gleichsam Horror sei. Dennoch glaubt er weiter an Putins Russland? De Maizière antwortet mit einem Zitat des Dichters Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew: „Verstehen kann man Russland nicht. Nur glauben kann man an das Land.“ Und Sie, frage ich zurück, glauben Sie an das Land? „Ich glaube an das russische Volk.“ Als wir uns verabschieden, weist mich Lothar de Maizière noch mit Schalk im Nacken auf das Nummernschild seines Autos hin: B-KV 516. „KV steht für Köchelverzeichnis, 516 für Mozarts Großes Streichquintett in g-Moll. Das vorherige Auto hatte das Kennzeichen B-KV 492 – Die Hochzeit des Figaro.“ Es bestätigt, was der Politiker und Jurist wider Willen wirklich ist. „In meinem tiefsten Innern bin ich Musiker geblieben.“

