Nordkorea hat drei Wochen nach der atomaren Erstschlagdrohung gegen die USA seine Langstreckenraketen-Einheiten in ständige Bereitschaft versetzt. Als Reaktion auf die jüngsten Übungsflüge atomwaffentauglicher US-Bomber in Südkorea erteilte Machthaber Kim Jong Un in einer nächtlichen Dringlichkeitssitzung den Militärs den Befehl, die strategischen Raketen auf einen möglichen Einsatz vorzubereiten. Das berichteten die Staatsmedien in Pjöngjang am Freitag.
Angesichts der Lage sei es „an der Zeit, eine Rechnung mit den US-Imperialisten zu begleichen“, habe Kim gesagt. Später seien Zehntausende von Zivilisten und Soldaten zu einer Massenkundgebung in Pjöngjang zusammengekommen, um den Befehl des Machthabers zu unterstützen, berichtete das staatliche Fernsehen. Das Regime organisiert regelmäßig solche Massenveranstaltungen, um eine Einheit zwischen Staatsführung und Volk zu demonstrieren.
USA bekräftigen Kritik an Pjöngjang
Die USA bekräftigten ihre Kritik an der aggressiven Haltung Pjöngjangs. „Die kriegerische Rhetorik Nordkoreas verstärkt nur die Isolation des Landes“, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, am Freitag. Mit seinen Aussagen und Taten versuche Pjöngjang, die Situation eskalieren zu lassen.
Experten bezweifeln, dass Nordkorea ein Angriff über tausende Kilometer gelingen würde. Die US-Armee hatte am Donnerstag nach eigenen Angaben im Rahmen gemeinsamer Militärübungen zwei Tarnkappenbomber des Typs B-2 Spirit zur Abschreckung nach Südkorea verlegt.
US-Regierungssprecher Earnest unterstrich, dass dies auf regulärer Basis stattgefunden habe. Es gebe keinen Grund, es soweit kommen zu lassen, dass die USA ihre Interessen und ihre Verbündeten beschützen müssten. Washington arbeite eng mit seinen Alliierten sowie mit Russland und China zusammen, um die Situation friedlich beizulegen.
Russland warnt vor „militärischen Muskelspielen“
Russland warnte vor „militärischen Muskelspielen“ auf der Halbinsel. Die Lage könne außer Kontrolle geraten, sagte Außenminister Sergej Lawrow. Mit Sorge sehe Russland die militärischen Handlungen in der Region. „Das führt zu einem Teufelskreis.“ Die Spannungen dürften nicht dazu genutzt werden, geopolitische Fragen in der Region mit Kriegsmitteln zu lösen.
Nordkoreas Führung kündigte an, die eigenen Raketen sollten bei einer „rücksichtslosen Provokation“ jederzeit abgefeuert werden können. Als mögliche Ziele wurden das Festland der USA, deren Militärstützpunkte auf Hawaii, Guam und andere Gebiete im Pazifik sowie Ziele in Südkorea genannt. Im zugespitzten Konflikt um seine Raketen- und Atomprogramme hatte Nordkorea am 7. März den USA mit einem atomaren Erstschlag gedroht.
Südkoreanische Medien berichteten unter Berufung auf Militärkreise, an den Raketenstützpunkten im Nachbarland seien auffällige Bewegungen von Fahrzeugen und Soldaten zu beobachten. Raketenstarts als Provokation seien nicht ausgeschlossen.
Nordkorea spricht von „höchster Alarmbereitschaft“
Nordkorea verfügt zwar nach Meinung von Experten nicht über die Kapazitäten für einen direkten Atomangriff auf die USA. Doch befürchten Südkorea und die USA, das Land könne andere militärische Provokationen unternehmen. Nordkoreas Militär hatte bereits am Dienstag erklärt, die Feldartillerie- und strategischen Raketeneinheiten seien in höchster Alarmbereitschaft.
Mit der jüngsten Drohung will das weithin abgeschottete Regime in Pjöngjang nach Ansicht von Beobachtern zeigen, dass er sich durch die Demonstration militärischer Stärke durch die USA nicht einschüchtern lässt. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel hatte bereits am Donnerstag gemahnt, dass die Bündnispartner „auf alle Eventualitäten„ vorbereitet sein müssten.
Das Regime unterstellt den USA, einen Atomkrieg vorzubereiten
Erneut unterstellte Pjöngjang jetzt den USA, einen Nuklearkrieg vorzubereiten. Mit den Flügen der B-2-Bomber wollten die USA ein entsprechendes Ultimatum setzen, sagte Machthaber Kim Jong Un laut den Staatsmedien. Das sei keine reine militärische Machtdemonstration mehr.
Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel hatten sich seit dem dritten nordkoreanischen Atomtest im Februar deutlich verschärft. Angesichts der Ausweitung von UN-Sanktionen wegen des Tests und der jährlichen amerikanisch-südkoreanischen Militärübungen hatte Nordkorea den Waffenstillstandsvertrag von 1953 zur Beendigung des Korea-Kriegs gekündigt.
Trotz der Spannungen ließ Nordkorea unterdessen auch am Freitag weiter Hunderte Pendler aus Südkorea ein- und ausreisen. Tag für Tag kommen Südkoreaner zum Arbeiten in den gemeinsamen Industriekomplex in der Grenzstadt Kaesong. Beobachter vermuten, Nordkorea habe bisher den Betrieb in dem Gewerbekomplex aufrechterhalten, weil er eine wichtige Deviseneinnahmequelle sei.
dpa/seg



